Braun, Joseph
Das christliche Altargerät in seinem Sein und in seiner Entwicklung — München, 1932

Seite: 17
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ERSTER ABSCHNITT

GEFÄSSE ZUR DARBRINGUNG DES EUCHARISTISCHEN
OPFERS

DER KELCH

ERSTES KAPITEL

DER KELCH IN HEUTIGER ZEIT

T~\ ER Kelch ist gemäß dem Glauben und der Anschauung der römisch-katho-
J-'lischen Kirche wie aller Riten des Ostens jenes liturgische Gefäß, in dem
bei der Messe durch den Priester an Stelle, im Namen und in der Kraft Christi
der Opferwein konsekriert, d. i. seiner Substanz nach, jedoch unter Verbleib
seiner äußeren Gestalten in Christi Blut umgewandelt wird, das also zwar vor
dem Konsekrationsakt lediglich Wein war, nach demselben aber das Blut Christi
ist unter den bloßen Gestalten des Weines. Da nach derselben Auffassung der
Konsekrationsakt zugleich den Charakter des neutestamentlichen Opfers, d. i.
der unblutigen Erneuerung und Wiedergegenwärtigsetzung des Kreuzopfers
hat, das nach der Konsekration im Kelch befindliche Blut Christi aber bestimmt
ist, bei der Kommunion vom Priester genossen zu werden, ist der Kelch sowohl
öpferkelch wie Kommunionkelch.

Nach protestantischer Lehre findet eine Umwandlung des Weines in Christi
Blut in keiner Weise im Kelche statt. Der lutherischen Lehrauffassung zufolge
wird allerdings, wer zum Genuß des Kelches hinzutritt, des wahrhaften Blutes
Christi teilhaftig, doch erst im Augenblick des Empfanges und nur, wenn er
im Glauben den Kelch trinkt. Nach der Lehre der Kalviner und Reformierten
kann auch nicht einmal im Augenblick des Kelchgenusses von einem Empfan-
gen des wirklichen Blutes Christi die Rede sein. Nach allen protestantischen
Bekenntnissen aber ist die Eucharistiefeier in keinem Sinne ein Opfer, sondern
lediglich Mahl, ein das Letzte Abendmahl des Herrn erneuerndes Gedächtnis-
mahl, der Kelch also nicht Opferkelch, sondern ausschließlich Abendmahls-
kelch.

Der Kelch zeigt in den lateinischen Riten wie in denen des Ostens, den nesto-
rianischen ausgenommen, die gleiche Form. Dort wie hier besteht er aus einem
becherartigen Behälter, der sog. Kuppa, und einem Ständer, der seinerseits sich
wieder gliedert in einen Fuß und einen in der Mitte mit einem Knauf, dem sog.
Nodus, versehenen Schaft, der bald höher, bald niedriger ist. Kuppa, Fuß und
Schaft können verschiedenartig gestaltet sein, das obere Ende des Fußes aber,
der Fußhals, wird entweder mit dem unteren Ende des Schaftes so verschmol-
zen, daß Fuß und Schaft ohne Trennung in einander übergehen, oder durch
irgend ein trennendes Glied von ihm geschieden.

Die Form des Kelches ist nicht das Ergebnis diesbezüglicher kirchlicher Be-
stimmungen, sondern einer allmählichen, von praktischen Erwägungen gelei-
teten Entwicklung, durch die andere Formen, wie namentlich der Henkelkelch

BRACH, DAS CHRISTLICHE ALTARGERÄT 2
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