Braun, Joseph
Das christliche Altargerät in seinem Sein und in seiner Entwicklung — München, 1932

Seite: 59
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VIERTES KAPITEL. FORM. II. DER HENKELKELCH 59

stellte einen umgekehrten Trichter mit waagerecht umgekremptem Rande dar
und war durch drei von oben nach unten verlaufende Bänder, die gleich seinem
horizontalen Rand mit Edelsteinen und Perlen dicht besetzt waren, in drei in je
zwei Zonen geschiedene Felder aufgeteilt, deren obere Zone ebenfalls mit Edel-
steinen geschmückt war, während die untere die schon erwähnte Dedikations-
inschrift aufwies. Der zwischen Fuß und Kuppa eingeschobene Nodus zeigte
im Vertikalschnitt ein geschweiftes Profil. Auch er war reich mit Steinen ge-
schmückt. Die Kuppa hat eine Weite von i3 cm und eine Höhe von ca. io,5 cm;
ihre von oben bis unten reichenden Henkel sind aus dem Stein geschnitten. (45)
Nur wenig jünger als der Kelch Karls des Einfältigen, aber noch vollständig
erhalten ist der heute in der Kathedrale zu Nancy sich befindliche zweihenke-
lige Kelch des heiligen Gauzelinus, Bischofs von Toul (y 962) (Tafel 5). Er
hat eine Höhe von i3 cm, von denen 5,5 cm auf den Fuß und den ihn mit der
Kuppa verbindenden Nodus, 7,5 cm auf die Kuppa entfallen. Der konische Fuß
ist unten horizontal umgebogen; von dem Nodus ist er durch einen geperlten
Ring getrennt.

Die Kuppa zeigt die Form eines halben Eies und hat 11 cm im Durchmesser, ihre beiden
Henkel die eines S. Prachtvoll ist die Ausstattung des Kelches. Um den Rand der Kuppa
und unten um den Fuß zieht sich ein aus Zellenschmelz plättchen, Steinen auf erhöhter
durchbrochener Fassung und Filigran gebildetes Band. Vier andere solcher Bänder teilen
den Fuß vertikal in vier Felder. Die Vorder- und Rückseite der Kuppa ist mit einem von
vier kleineren Edelsteinen umgebenen großen Stein in erhöhter durchbrochener, recht-
eckiger Fassung, jeder der beiden Henkel mit drei in gleicher Weise gefaßten Steinen ge-
schmückt.

Dem 10. Jahrhundert wird gewöhnlich auch der 1868 gefundene Kelch von
Ardagh im Museum zu Dublin (Tafel 4) zugeschrieben, doch scheint diese Da-
tierung angesichts der auf spätere Zeit hinweisenden Form der Kuppa — sie
ist schalenförmig — wohl etwas zu früh.

Kuppa und Fuß bestehen aus einem Gemisch von Silber und Kupfer, der zwischen Fuß
und Kuppa eingeschobene niedrige Schaft samt den ihn oben und unten abschließenden
und zum Fuß bzw. der Kuppa überleitenden Ringen aus vergoldeter Bronze. Die Kuppa
hat einen Durchmesser von 23,i cm, eine Tiefe von nur 10,1 cm. Die Gesamthöhe des
Kelches beträgt 17,8 cm, die Höhe des unten horizontal umgekrempten Fußes 7,7 cm. Die
Henkel sind halbkreisförmig. Etwas unterhalb des leicht ausgebogenen Bandes umzieht die
Kuppa ein Band, das sich aus Flechtwerk im Wechsel mit Knäufchen, die mit roten und
blauen Zelleneinlagen verziert sind, zusammensetzt. Unterhalb des Bandes sind, unterbro-
chen von vier mit Filigran, Stein Imitationen und Knäufen mit Zelleneinlage geschmückten
Scheiben — zwei runden und zwei sechspaßförmigen —, in Gravierung die Namen der Apo-
stel angebracht. Den Schaft und die ihn oben und unten abschließenden Ringe belebt ein-
geschnittenes geometrisches Ornament, den waagerechten Rand des Fußes ein goldenes Band
von der Art des die Kuppa umziehenden Frieses, nur daß die Knäufchen hier durch vier-
eckige Plätichen mit Zelleneinlage ersetzt sind. Einzigartig ist die Verzierung der Unter-

(45) Auffallen konnte, daß man keinen Anstand genommen hat, einen mit heidnischen
Darstellungen geschmückten Becher zu einem Kelch umzuarbeiten. Indessen war man im
Mittelalter bei aller Tiefgläubigkeit weniger feinfühlig als heute und trug deshalb kein Be-
denken, selbst Gegenstände mit Darstellungen, die alles andere als kirchlicher Art waren
(vgl. oben S. 12), in den Dienst des Heiligtums zu nehmen. Über der Kostbarkeit des Mate-
rials oder der Ausstattung übersah man das minder passende des auf ihnen sieh findenden
Bildwerks, das man lediglich als bedeutungsloses Ornament betrachtete.
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