Buchner, Ernst; Jantzen, Hans [Honoree]
Das deutsche Bildnis der Spätgotik und der frühen Dürerzeit: [Hans Jantzen zum 70. Geburtstag] — Berlin, 1953

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KÖLN

NIEDERRHEIN

NORDDEUTSCHLAND

9. MEISTER DES MARIENLEBENS, Bildnis eines vornehmen Mannes.

Zu den seltenen altdeutschen Bildnissen mit reinem landschaftlichen Elintergrund gehört das farbig
aparte, leider nicht makellos erhaltene Bildnis eines vornehmen Mannes in der Karlsruher Kunsthalle
(Abb.9), in dem zuerst Max J. Friedländer anläßlich der St. Galler Leihausstellung Karlsruher Galeriebil-
der (1947) die bedächtige Hand des Meisters des Marienlebens gewittert hat. Noch der 1929 erschienene
Karlsruher Katalog führt die Tafel als „Art des Hans Memling“. Schon der alte Jakob Burckhardt hat
1880 und 1881 in gutachtlichen Äußerungen über die Karlsruher Galerie (mitgeteilt in dem schönen
Buch Kurt Martins, Jakob Burckhardt und die Karlsruher Galerie) dagegen Stellung genommen: „Schule
des Jan van Eyck‘, Brustbild mit Schlappmütze“ und Buch in der Hand. Dito stark restaur. Landschaftl.
Grund mit schönem blauem Himmel und leichten Wölkchen. Die Gebirgslandschaft treffl. — am Ende ein
sehr schönes Deutsches Bild um 1500?“ und „Zu 381, Copie nach Memling c —? Ich kann kaum glauben,
daß so ein altes Bild schon eine Copie sei, denn so wie wir es sehen, ist es schon 1500 gemalt, und zwar
wie ich glaube von einem trefflichen, niederländisch geschulten Deutschen.“ Wenn Burckhardt das Bildnis
auch zu spät ansetzt, so trifft er mit seinem Gutachten im Wesentlichen doch den Nagel auf den Kopf.
Der Meister bringt mit der Ausnahme des oberen Abschlusses (violettgrauer Steinbogen) den Typus des

„Brustbildes in Landschaff“, den Memling in
klassischen Lösungen entwickelt hat, jedoch ist
aus zeiitlichen Gründen fraglich, ob Memling die
Anregungliefernkonnte. DerMann des Schick-
sals für den Maler war Dirk Bouts. Der Marien-
lebenmeister war nicht unwesentlich älter als
Memling — und hatte bereits 1460 seinen aus-
geprägten Stil gefunden.

In dem Dargestellten glaubte man früher einen
Richter zu erkennen. Das ist nicht zwingend,
denn auch der stilverwandte Bau- oder Münz-
meister in München (Abb. 11) trägt die Kapuz-
haube und ähnliches Kostüm. Zu den privile-
gierten Ständen wird der eine vornehme Pelz-
schaube tragende Mann sicher gehört haben.
Und das Buch wird er nicht ohne Grund bei der
Porträtsitzung in die Hand genommen haben.
Vor hellem, blauem Himmel, in dem ein paar
Silberwölkchen schwimmen, die dunkle, ge-
wichtige Gestalt, deren eigentümlich asymme-
trischer Umriß auffällt. DiehoheSchlappmütze,
deren Bänder über die Schultern fallen, wird
vom oberen Bildrand überschnitten. Dunkel-
violett in Schaube und Mütze ist die ernste

1. Ueister des Marienlebens, Der Stifter Dr. Johann von
Schwartz-Hirtz. Ausschnitt aus der Heimsuchung des
Marienaltars. München, Alte Pinakothek

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