9
strömten. Keine bloße Sehenswürdigkeit, sondern Sammelpunkt feingeistigen Lebens — das war die Wartburg
durch den Weimarer Fürsten und dank der Anregungen seiner künstlerischen Freunde geworden.
Ein Menschenalter ist vergangen seit dem Tode jenes liebenswürdigen, in seiner Wirksamkeit für deutsches
Geistesleben noch lange nicht genug gewürdigten Romantikers auf dem Thron. Heute stehen wir au einer Zeit-
wende. Vor den Stürmen der Kriegs- und Nachkriegszeit sind alle romantischen Nebel zerstiebt. Für eine über-
lebte Ritterromantik ist im Zeitalter des Rundfunks und Flugzeugs kein Raum mehr. Nur was an der Romantik
zum echten Kunstwerk sich formte, bei Wagner, bei Schwind, bleibt lebendiger Besitz des deutschen Volkes. Ro-
mantik ist ihrem Wesen nach aber immer mehr ein Werden als ein Sein, mehr ein Suchen als ein Finden, mehr
Spannung als Lösung, jedenfalls mehr Rück-
schau oder Vorschau als Gegenwartsbewußt-
sein. Allein die ewig ruhelose, ins Unbegrenzte
schweifende bleibt eben doch dem deutschen
Menschen unlösbar verbunden. Somit steckt
also auch in uns heutigen, so sachlich gearteten
Menschen ein Stückchen unausrottbarer Ro-
mantik?! Ja, so ist es! Wir sind und bleiben
Romantiker. Darum sind und bleiben wir all
unfern Nachbarn so unverständlich.
Frühlingssturm und Drang fegt durch
deutsches Land. Sturm und Drang sind so
recht Kennzeichen deutscher Romantik. Von je-
her kreisen sie im Blut des Deutschen, zuzeiten
gebändigt von fremdem Formwillen, dann
wieder tollend und brausend gleich einein Wild-
bach. Auch um die Wartburg schäumt und
braust es. Gerade um sie! Denn noch einmal
soll sie, Königin im Zauberreich der Romantik,
sich als Sinnbild sowie als lebendige Schöp-
ferin bewähren. Wird sie das auch inmitten
unserer gewaltig dahinstürmenden Gegenwart?
Gewiß! Sie muß mW wird sich bewähren. In
ihr wurde uralt heiliges Kulturgut zum Sinn-
bild geformt, zum Leben geweckt. Einstmals
erklang deutsches Lied in ihren Hallen, wandelte
ein deutsches Frauenschicksal durch ihre alten
Mauern, ward deutsche Sprache hier gemeißelt.
Immer blieb die Wartburg schicksalverbunden
mit dem deutschen Geistesleben. Das Band
wird in Zukunft noch enger geschlungen wer-
den. Dichter und Musiker werden einen son-
derlich starken Anteil daran haben. Mit gutem
Grund! Denn unmittelbarer noch als in der
bildenden Kunst offenbart sich deutsches Wesen
in Sprache und Ton. Beide: Dichtkunst und
Musik sollen auf der Wartburg auch in Zukunft
jenen Ehrenplatz einnehmen, der ihnen von alters
her zusteht, auch willig eingeräumt wurde.
An der Kunst, vor allem Dichtkunst liest
man wie an einem empfindlichen Meßinstrument
alle schwankenden Bewegungen innerhalb des Geisteslebens ab. Wie ein Sturm die Kronen der höchsten Bäume
am stärksten bewegt, so werden auch im Sturm und Drang unserer Tage die führenden Geister, die Seher im
Volke — denn Dichterberuf ist: Seher sein—, am mächtigsten ergriffen. Man achte wohl auf ihre Sprache!
Die Wartburg aber bleibe, was sie war: eine magische Stätte. Sie werde eine Stätte der Weissagung, ein
flammendes Zeichen in die Zukunft, Sinnbild und Leben! Kein abseitiges Leben! Was in der Wartburg als
Sinnbild zusammengefaßt erscheint, soll nicht sein das Wirken eines in sich abgeschlossenen, gleichsam priestcrlich
geweihten Kreises. Wenn wir auch von dem Priestertum des Künstlers tief überzeugt sind, so wissen wir doch
auch von den: Berwurzeltsein allen echten Künstlertums mit dem Volkstum. Aus diesem quillt jenes hervor,
Segen empfangend, Segen spendend, in ewiger Wechselwirkung. So war's von alters her und so soll es bleiben.
Der „I'ari pour I'art"-Gedanke wurde den: deutschen Volke von außen her aufgeschwatzt, deutschem Wesen entspricht
Die Wartburg: Blick in die alte Wachstube.
strömten. Keine bloße Sehenswürdigkeit, sondern Sammelpunkt feingeistigen Lebens — das war die Wartburg
durch den Weimarer Fürsten und dank der Anregungen seiner künstlerischen Freunde geworden.
Ein Menschenalter ist vergangen seit dem Tode jenes liebenswürdigen, in seiner Wirksamkeit für deutsches
Geistesleben noch lange nicht genug gewürdigten Romantikers auf dem Thron. Heute stehen wir au einer Zeit-
wende. Vor den Stürmen der Kriegs- und Nachkriegszeit sind alle romantischen Nebel zerstiebt. Für eine über-
lebte Ritterromantik ist im Zeitalter des Rundfunks und Flugzeugs kein Raum mehr. Nur was an der Romantik
zum echten Kunstwerk sich formte, bei Wagner, bei Schwind, bleibt lebendiger Besitz des deutschen Volkes. Ro-
mantik ist ihrem Wesen nach aber immer mehr ein Werden als ein Sein, mehr ein Suchen als ein Finden, mehr
Spannung als Lösung, jedenfalls mehr Rück-
schau oder Vorschau als Gegenwartsbewußt-
sein. Allein die ewig ruhelose, ins Unbegrenzte
schweifende bleibt eben doch dem deutschen
Menschen unlösbar verbunden. Somit steckt
also auch in uns heutigen, so sachlich gearteten
Menschen ein Stückchen unausrottbarer Ro-
mantik?! Ja, so ist es! Wir sind und bleiben
Romantiker. Darum sind und bleiben wir all
unfern Nachbarn so unverständlich.
Frühlingssturm und Drang fegt durch
deutsches Land. Sturm und Drang sind so
recht Kennzeichen deutscher Romantik. Von je-
her kreisen sie im Blut des Deutschen, zuzeiten
gebändigt von fremdem Formwillen, dann
wieder tollend und brausend gleich einein Wild-
bach. Auch um die Wartburg schäumt und
braust es. Gerade um sie! Denn noch einmal
soll sie, Königin im Zauberreich der Romantik,
sich als Sinnbild sowie als lebendige Schöp-
ferin bewähren. Wird sie das auch inmitten
unserer gewaltig dahinstürmenden Gegenwart?
Gewiß! Sie muß mW wird sich bewähren. In
ihr wurde uralt heiliges Kulturgut zum Sinn-
bild geformt, zum Leben geweckt. Einstmals
erklang deutsches Lied in ihren Hallen, wandelte
ein deutsches Frauenschicksal durch ihre alten
Mauern, ward deutsche Sprache hier gemeißelt.
Immer blieb die Wartburg schicksalverbunden
mit dem deutschen Geistesleben. Das Band
wird in Zukunft noch enger geschlungen wer-
den. Dichter und Musiker werden einen son-
derlich starken Anteil daran haben. Mit gutem
Grund! Denn unmittelbarer noch als in der
bildenden Kunst offenbart sich deutsches Wesen
in Sprache und Ton. Beide: Dichtkunst und
Musik sollen auf der Wartburg auch in Zukunft
jenen Ehrenplatz einnehmen, der ihnen von alters
her zusteht, auch willig eingeräumt wurde.
An der Kunst, vor allem Dichtkunst liest
man wie an einem empfindlichen Meßinstrument
alle schwankenden Bewegungen innerhalb des Geisteslebens ab. Wie ein Sturm die Kronen der höchsten Bäume
am stärksten bewegt, so werden auch im Sturm und Drang unserer Tage die führenden Geister, die Seher im
Volke — denn Dichterberuf ist: Seher sein—, am mächtigsten ergriffen. Man achte wohl auf ihre Sprache!
Die Wartburg aber bleibe, was sie war: eine magische Stätte. Sie werde eine Stätte der Weissagung, ein
flammendes Zeichen in die Zukunft, Sinnbild und Leben! Kein abseitiges Leben! Was in der Wartburg als
Sinnbild zusammengefaßt erscheint, soll nicht sein das Wirken eines in sich abgeschlossenen, gleichsam priestcrlich
geweihten Kreises. Wenn wir auch von dem Priestertum des Künstlers tief überzeugt sind, so wissen wir doch
auch von den: Berwurzeltsein allen echten Künstlertums mit dem Volkstum. Aus diesem quillt jenes hervor,
Segen empfangend, Segen spendend, in ewiger Wechselwirkung. So war's von alters her und so soll es bleiben.
Der „I'ari pour I'art"-Gedanke wurde den: deutschen Volke von außen her aufgeschwatzt, deutschem Wesen entspricht
Die Wartburg: Blick in die alte Wachstube.


