Gerhard, Eduard
Programm zum Winckelmannsfeste der Archäologischen Gesellschaft zu Berlin (Band 6): Das Orakel der Themis — Berlin, 1846

Seite: 3
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bwpr1846/0004
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
*H

iffsH t»!>

DAS ORAKEL DER THEMS.

Am Innern einer volcentischen Schale, deren vortreffliche Zeichnung der ausgebil-
detsten Zeit griechischer Kunst angehört, ist unter einer dorischen Halle eine Frau
dargestellt, welche auf dem prophetischen Dreifufs sitzt, ihr gegenüber aber ein
Mann, der, durch eine Säule getrennt, ihrem Orakel sich nähert. Sitz und Handlung
so zu bezeicbnen sind wir nicht nur durch die gangbarste Form und Anwendung des
Dreifufses ('), sondern auch durch ähnliche Darstellungen des darauf thronenden
delphischen Gottes (2) berechtigt, und es ist daher leicht zu entschuldigen, wenn
jene vorwärts geneigte und niederblickende, mit schwebenden Füfsen sitzende Frauen^
gestalt eher für eine zarte Priesterin (3) als für eine mächtige Göttin galt, dieses um
so mehr als Opferschale und Lorbeer in ihren Händen diese Voraussetzung begün-
stigten.

In ganz ähnlicher Weise ward der bildliche Gegenstand dieser Schale auch
von deren erstem Besitzer und Erklärer, von Lucian Bonaparte, aufgefafst (4). Mit
dem Kunstgefühl, welches dem hochverdienten Entdecker der reichsten etruskischen
Nekropole keineswegs fehlte, geht er in eine lebendige Schilderung der propheti-
schen Frauengestalt unsres Bildes ein, schweift aber auch mit seinem patriotischen
Traum altitalischer Weltherrschaft in die Urzeit hinüber, in welcher nach seiner
Meinung Saturn und die Hyperboreer, beides tyrrhenische Ansiedler, das delphische

/."ihau»i'«!.r1o<i bis 1 1 .»»*'■

(1) Müller De tripode Delphico. Gotting. 1820. als Sitz des Gottes angegeben, die in der Albani-
Amalthea III, 21 ff. Handb. 299, 12. Luynes Nouv. sehen Statue (Winck. Mon. vol. III) als Untersatz
Annales II, 251 ff. pl. C. seiner Ffifse dient.

(2) Eurip. Iph. T. 1220: Tqinoäi r' iv xqveitp (3) Rapporte volcente not. 432. Panofka Grie.
8-äaaus, iv diptvifii 8-(>övm. Vgl. Mon. d. Inst. I, 46. chinnen und Griechen S. 23. Taf. II, II.
Häufiger und zumal auf Münztypen (Eckhel D. N. (i) Museum etrusque (Viterbe 1829) no. 591.
IV, 537) natürlicher ist andeutungsweise die Cortina p. 81 —85.
loading ...