Panofka, Theodor
Programm zum Winckelmannsfeste der Archäologischen Gesellschaft zu Berlin (Band 11): Atalante und Atlas. Antikenkranz zum 11. Berliner Winckelmannsfest — Berlin, 1851

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chen pflegt, desto leichter überzeugt man sich, dafs trotz der Gegenwart zweier Lö-
wen oder Leoparden auf dieser Lekythos weder von Cybele, noch von Attes die Rede
sein kann. Nicht glücklicher aber erscheint die andre Vermuthung desselben Antiquar,
indem einerseits die Abwesenheit bacchischer Attribute an Körper und Kleidung der
weiblichen Figur bei einer Bacchantin höchst befremden müste, und andrerseits bei
dem Bilde eines Dionysos Hyes zur Begründung solchen Götternamens wenigstens
ein Flüssigkeit auf den Boden giefsender Kantharos statt des hier dargereichten
Kranzes und des Sonnenhitze symbolisirenden Löwen sich erwarten liefse.

Die verfehlte Erklärung dieses Bildes hat wie so häufig ihren Grund in der
falschen Methode des Archäologen. Geben wir einem Laien das Bild zur Ansicht, so
wird er bald erkennen, dafs die Scene hier zwei Liebende uns vorführt von denen
offenbar die Geliebte einen Kranz, noch in den Händen des Jünglings, angeboten
erhält. Gleichzeitig wird es demselben wohl auch klar werden, dafs beide Löwen
keineswegs der sitzenden weiblichen Figur allein angehören, vielmehr durch den Ge-
gensatz ihres Charakters und ihrer Stellung eine Parallele zu dem Hauptgedanken
der menschlichen Figuren verrathen, indem der hitzig anspringende Löwe die heifse
Leidenschaft des hinter ihm Kranzreichenden Liebhabers deutlich versinnlicht, wäh-
rend der gegenüber in würdiger Kühe gelagerte der sittsamen Haltung der vor ihm
sitzenden Geliebten vollkommen entspricht.

Nachdem so der Grundgedanke des Vasenbildes und die Hauptmotive der
Handlung jedes Theilnehmers der Scene erforscht sind, schreiten wir zu näherer
Prüfung des Characters und Standes derselben vor. Der kurze, ärmellose Chiton der
Jungfrau verbunden mit ihrer Beschuhung weiset auf den auch mit dem nachbarli-
chen Löwen sich wohl vertragenden Stand einer Jägerin hin; die völlig gleiche
Beschuhung des Jünglings sowie der ihm voranspringende Löwe könnten auf glei-
chen Lebensberuf schliefsen lassen. Da wir aber bei beiden Figuren Bogen und
Köcher, Wurfspiefs und Jagdhund vermissen, so liegt hierin ein unverwerflicher Be-
weis, dafs der Vasenmaler nicht eigentlich Jäger und Jägerin uns vorzuführen beab-
sichtigte: vielmehr dürften beide Personen einem der Jagd verwandten Besuf angehören.
Gewifs auf die Feier des Liebesbundes deuten Kopf-, Hals- und Armschmuck
den Braut und Bräutigam mit einander gemein haben, sowie auch der von der Braut
mit der Rechten erhobne Peplos der an den Gestus der Aphrodite selbst erinnert.
Die gänzliche Kleiderlosigkeit des Bräutigams aber, sowie sein entschieden weiblicher
Haarputz — bei Eroten auf Vasenbildern keine ungewöhnliche Erscheinung — ha-
ben bei einem flügellosen Epheben etwas Befremdendes, dessen Rechtfertigung in
eigenthümlicher Landessitte (Plut. Qu. Gr. 58.) oder Persönlichkeit der dargestellten
Figur zu suchen sein dürfte. Was endlich Epheu und Korymben anbetrifft, die ober-
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