Caetani Lovatelli, Ersilia
Antike Denkmäler und Gebräuche — Leipzig, 1896

Page: 90
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caetani1896/0094
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile


errathen; die, welchen solches begegnete, wurden von
den Griechen nympholeptoi, von den Lateinern lympha-
tici oder lymphati, d. h. „von den Nymphen Ergriffene"
genannt. Als solchen erklärt sich Sokrates halb im
Ernst, halb ironisch, als er es im Schatten der Platanen
am Ufer des Ilissos unternimmt, über die Schönheit
zu sprechen.

Es war allgemeine Ansicht, dass die Nymphen
eine Art übernatürlicher Erregung in der menschlichen
Seele hervorbrächten, die alle möglichen Formen an-
nahm: vom Liebestaumel, der den schönen Hylas in
die Wassertiefe hinabzog, bis zur dichterischen Be-
geisterung, durch welche die Musen ihren Günstlingen
die Gabe verliehen, Vergangenheit wie Zukunft zu
besingen. Die Nymphen des Kithäron, Sphragitiden
genannt, waren so freigebig mit dieser Gabe, dass ihre
Grotte als ein Orakel angesehen werden konnte. So
nennen sie Plutarch und Pausanias thatsächlich, ob-
schon beide davon als von einem längst verschwundenen
Orakel sprechen, von dem in ihrer Zeit nur noch eine
unbestimmte Erinnerung vorhanden war.

Das Wasser einiger Quellen und die Dämpfe, die
aus gewissen unter dem Schutze der Nymphen stehen-
den Grotten aufstiegen, versetzten, wie man glaubte,
in Raserei; in den ihnen geheiligten Höhlen legte man
sich zuweilen zum Schlafe nieder, in der Hoffnung,
sie im Traume erscheinen zu sehen.

In Delphi war die Quelle Kassotis den Musen
geweiht, die über die prophetischen Kräfte jener Ge-
wässer geboten und desshalb ein Heiligthum bei den-
selben besassen. Sie tauchten sich gern in die Wellen
des Flüsschens Permessos, in die des Olmeios und in
die Quelle Aganippe, tanzten und tummelten sich um
loading ...