Charis.
unterhaltungsolatt
fuͤr
Leben und Literatur; Poeſie and unf.
Revaktear und Herausgeber: Fr. K. Sretherr v. 6216.
——
Dieſes Blatt erſcheint
jeden Mittwoch und Sonnabend, und kaͤnn
e in Abonnement mit 1 f. 30 kr. vierteliährig auf vaffelbe croffnet werden.
N 35.ͤ —
Mannheim, den 1. August, 183r.
* etti's Sop hiſt i k.
Was ziereſt du dle Schleife,
Was knuͤpfeſt du am Mieder,
Du eitle, kleine Dirne! x
Kaum niſt deinKinn geruͤndet
Und kaum das Lippchen ſproͤdez
Kein Auge kann des Mieders
Geheimniß ſchlau erkunden —
Mit Kindern magſt du ſpielen;
Oenn — Maͤnner gehn voruͤber!
„ Kaum iſt mein Rinn geruͤndet
„Und kaum das Lippchen ſproͤde;
»„Kein Auge kann des Mieders
„Geheimniß ſchlau erkunden —
„Mit Kindern muß ich ſpielen;
„Denn Manner gahn voruͤber;
v„Komm, Amor, laß uns ſpielen:
„»Du biſt ein kleiner Jungel-
Thorbecke.
——————..—
unter den ſchwabiſchen Kaiſern.
CSeſchinß. 5
Gleichwie nun die Niebelungen nach den fabelhaf-
ten Norden hinweiſen, ſo regt ſich in den Nachbil-
—5
—* ——
ueverdenteulſchen Minnegeſfang
Gedanken
eines Minnelieds;
dungen der Provenzaliſchen Sagen der leblihe Geiß
des Orients. Das Wunderbare zieht aus dem Aben-
theuerlichen ins Magiſche; die Helden verlieren an
— Große, aber Sehnſucht und Liebe ſchwellt ihre Bruſt;
die epiſche Wahrheit verſchwindet aber wunderbare
Farben und Toͤne, ziehen uns in ein Zauberland
traͤumeriſcher Erſcheinungen und bilden ſo den
Uebergang zum Minnegeſang der in kindlicher Un-
befangenheit, nichts weiter als die Gefü hle des Her-
zeus, und die milde Reinheit des Gemuͤths in lie-
bender Bruſt ſchlldern will. Fruͤhling und Froͤhlich-
keit, Sehnſucht und Schoͤnheit, waren die dichteri-
ſchen Gegenſtaͤnde, welche nie ermuͤdeten, weil ſie alle
Hoͤrer hinriſſen, und alle Herzen in gleicher Liebe
verbanden. Nicht Reflerion oder Theorie war es,
welche dieſe Maͤnner zur Poeſie hinleitete, ſondern
die eigene Bruſt die ihnen die Sprache lieh, die
Unſchuld, und der ſchoͤne Glaube an das was ſie
beſingen wollten. Daher die ſchlichte, ungeſuchte
Sprache dieſer Zeit daher die ewige Luſt am Fruͤh⸗
ling, das wiederholte Lob der ſchoͤnen Frauen, und
die immerwiederkehrenden Klagen und Freuden der
Liebe. Nur in Toͤnen und Reimen, nicht in geſuchten
zeigte ſich die Zierde und Kuͤnſtlichkeit
aber nicht der Trieb zu Schwie-
rigkeiten, leitete die Verſchiedenartigkeit des Silben-
unterhaltungsolatt
fuͤr
Leben und Literatur; Poeſie and unf.
Revaktear und Herausgeber: Fr. K. Sretherr v. 6216.
——
Dieſes Blatt erſcheint
jeden Mittwoch und Sonnabend, und kaͤnn
e in Abonnement mit 1 f. 30 kr. vierteliährig auf vaffelbe croffnet werden.
N 35.ͤ —
Mannheim, den 1. August, 183r.
* etti's Sop hiſt i k.
Was ziereſt du dle Schleife,
Was knuͤpfeſt du am Mieder,
Du eitle, kleine Dirne! x
Kaum niſt deinKinn geruͤndet
Und kaum das Lippchen ſproͤdez
Kein Auge kann des Mieders
Geheimniß ſchlau erkunden —
Mit Kindern magſt du ſpielen;
Oenn — Maͤnner gehn voruͤber!
„ Kaum iſt mein Rinn geruͤndet
„Und kaum das Lippchen ſproͤde;
»„Kein Auge kann des Mieders
„Geheimniß ſchlau erkunden —
„Mit Kindern muß ich ſpielen;
„Denn Manner gahn voruͤber;
v„Komm, Amor, laß uns ſpielen:
„»Du biſt ein kleiner Jungel-
Thorbecke.
——————..—
unter den ſchwabiſchen Kaiſern.
CSeſchinß. 5
Gleichwie nun die Niebelungen nach den fabelhaf-
ten Norden hinweiſen, ſo regt ſich in den Nachbil-
—5
—* ——
ueverdenteulſchen Minnegeſfang
Gedanken
eines Minnelieds;
dungen der Provenzaliſchen Sagen der leblihe Geiß
des Orients. Das Wunderbare zieht aus dem Aben-
theuerlichen ins Magiſche; die Helden verlieren an
— Große, aber Sehnſucht und Liebe ſchwellt ihre Bruſt;
die epiſche Wahrheit verſchwindet aber wunderbare
Farben und Toͤne, ziehen uns in ein Zauberland
traͤumeriſcher Erſcheinungen und bilden ſo den
Uebergang zum Minnegeſang der in kindlicher Un-
befangenheit, nichts weiter als die Gefü hle des Her-
zeus, und die milde Reinheit des Gemuͤths in lie-
bender Bruſt ſchlldern will. Fruͤhling und Froͤhlich-
keit, Sehnſucht und Schoͤnheit, waren die dichteri-
ſchen Gegenſtaͤnde, welche nie ermuͤdeten, weil ſie alle
Hoͤrer hinriſſen, und alle Herzen in gleicher Liebe
verbanden. Nicht Reflerion oder Theorie war es,
welche dieſe Maͤnner zur Poeſie hinleitete, ſondern
die eigene Bruſt die ihnen die Sprache lieh, die
Unſchuld, und der ſchoͤne Glaube an das was ſie
beſingen wollten. Daher die ſchlichte, ungeſuchte
Sprache dieſer Zeit daher die ewige Luſt am Fruͤh⸗
ling, das wiederholte Lob der ſchoͤnen Frauen, und
die immerwiederkehrenden Klagen und Freuden der
Liebe. Nur in Toͤnen und Reimen, nicht in geſuchten
zeigte ſich die Zierde und Kuͤnſtlichkeit
aber nicht der Trieb zu Schwie-
rigkeiten, leitete die Verſchiedenartigkeit des Silben-



