Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule u. Haus — 24.1882

Page: 50
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/christliches_kunstblatt1882/0054
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
50

Zwecke nicht wieder einmal ad» ovo, d. h. von der Katakombcnknnst angefangen,
sondern das näher liegende, durch die Überschrift bezeichnete enge Gebiet aus der
Fülle des Stoffs besonders ins Auge gefaßt werden soll. Es ist trotzdem weit
genug. Denn solcher Denkmäler sind allenthalben in den evangelischen Kirchen
Deutschlands, die in die Neformationszeit zurückreichcn, so zahlreiche vorhanden, daß
sie beinahe jeder unmittelbar zur Hand hat und das darüber zu Sagende
kontrolieren kann. Und gerade für diese nächstliegenden unscheinbaren und wenig
beachteten etwas mehr Teilnahme zu Wecken, wäre erwünscht. Über die groß-
artigeren, künstlerisch bedeutsameren findet man, von andren Gesichtspunkten aus,
namentlich ohne Scheidung des eigentümlich Evangelischen, Nachrichten mit
Illustrationen in Lübkes Geschichte der deutschen Renaissance S. 78—88 und
sonsthin z. B. S. 940—947.
Eine Erörterung über den Stil dieser Denkmäler soll hier vermieden werden.
Diese sogenannte deutsche Renaissance, die in der Profanarchitektur und im
Kunstgewerbe vorläufig die Mode bei uns noch stark beherrscht, ist — vielleicht
eben deshalb — bei denen, die über kirchliche Knnst mitsprechen, meistenteils
sozusagen als das ungefähre Gegenteil eines kirchlichen Stils in Verruf. Römisch-
katholischer Betrachtung könnte man dies vielleicht auch ohne weiteres zugeben.
Einem unbefangenen evangelischen Sinne aber wird es bei aller Sicherheit, mit
der sich das ausspricht und nachspricht, doch Wohl wie eine recht befremdliche
Zumutung vorkommen, diejenige Formensprache der Kunst, in welcher die Väter
und Helden unsrer evangelischen Kirche ihre evangelisch-kirchlichen Gedanken harm-
los und fröhlich ausgesprochen haben und haben aussprechcn lassen, so von oben
herab als unkirchlich anschen und sich dagegen seine Begriffe vom „Kirchlichen"
in Kultus uud Kunst gerade aus der Zeit herholcn zu sollen, die von den
Satzungen eines Jnnocenz III. und Durandus beherrscht ist. Hiergegen dürfte
bei jeder Gelegenheit entschieden Verwahrung einzulegen sein.
Doch dies nur neben her, obgleich gerade der vorliegende Gegenstand zur
weiteren Erörterung dieser Frage verlocken könnte. Leicht macht man die Wahr-
nehmung, wie das Subjektive, Individuelle, Menschlich-Persönliche, das sich ja das
ganze katholische Mittelalter hindurch neben der starren liturgischen und hierarchischen
Kirchcnsatzung dennoch in den Räumen und Kunstwerken der Kirchen geltend zu
machen gewußt hat, in auffallendem Maße gesteigert im letzten Jahrhundert vor der
Reformation an Raum gewinnt. Altargemälde finden sich da kaum mehr, auf
denen nicht wenigstens eine mehr oder minder lange Inschrift über Namen und
Absicht der Stifter Auskunft gäbe. In weitaus den meisten Fällen erscheinen die-
selben aber nunmehr in Person darauf. Anfänglich in kleinerem Maßstabe, an
unscheinbarer Stelle, in irgend einer Ecke anbetend, bald immer größer und
selbständiger hervortretend, auf den Flügelbildern, zuletzt auch auf dem Haupt-
bilde selbst, mit ihren Wappen vor sich und von ihren Schutzheiligen begleitet,
die sie fürbittend der Himmelskönigin — denn um diese handelt es sich doch
überwiegend — des Hauptbildes Vörstetten; bis man schließlich, wie z. B. bei
der Holbeinschen Madonna, nicht mehr recht weiß, was eigentlich die Hauptsache
ist, ob das Familienbild des Stifters, oder die inmitten desselben stehende Maria.
loading ...