Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Heft 1

Entdeckungen s Institute und Vereine

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Ätelier Evangelista Timoteo Viti Raffael dann
späterhin jene bolognesisch-ferraresische Ein-
flüsse erfahren hat, die man in den Jugend-
werken des Urbinaten findet. Es wäre nunmehr
von größter Wichtigkeit, daß für Evangelista
Arbeiten nachgewiesen würden, aus denen man
den persönlichen Styl dieses Malers kennen
lernen 'könnte.

S

KURIOSES AUS MÜNCHEN

Herr Manuel Wiel an dt, der unentwegte
Tizian-Entdecker, macht wieder von seinen
imperatorenbildern reden, und die Reklame-
trommel geht ihm dabei wie gewöhnlich stattlich
voraus. Er hat, wie wir den Münchner N. N. ent-
nehmen, eine „Denkschrift“ verfaßt und „einge-
reidit“. Eingereicht bei Hofe. Das Werk ist nicht
gedruckt, noch auch im Druck. Aber große
Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Einst-
weilen erfahren wir nur, daß 18 Maler sich
günstig ausgesprochen haben über die Bilder;
18 Maler, darunter auch zwei mit alter Kunst
vertraute: Löfftz und Landsinger. Was sie
Vorteilhaftes aussagen über die flotte Malerei,
ist natürlich so interessant wie Alles, was gute
Maler über ihr Metier mitzuteilen haben, aber
nach den sorgfältig abwägenden Darlegungen, die
GeorgHabich über diese in der guten venetiani-
schen Schultradition des XVI. Jahrhunderts ge-
malten Kopien bereits im Februar vorigen Jahres
(Monatshefte 1908, Heft 3) hier gab, nicht weiter
überraschend. Daß die so lebhaft interviewten
Künstler teilweise sogar „Originale“ in der
Bilderserie sehen wollen, wird man nicht allzu
ernst zu nehmen brauchen, wenn man sich ver-
gegenwärtigt, was ein moderner Maler unter
„Kopie“ versteht, ein Begriff, der ihm identisch
ist mit Ängstlichkeit und Unfreiheit.

Beruhigen wir uns einstweilen dabei, was
wirkliche Kenner TizianischerMalerei, wie Bode
und Gronau übereinstimmend mit Künstlern
von der Kennerschaft eines Fr. Ä. von Kaul-
bach, Stuck, Hauser, Sessig u. A. sagten
und harren wir der Dinge, die jenes so spekta-
kulös angekündigte Promemoria bringen wird.
Vorher näher darauf einzugehen, halten wir
trotz der ungewöhnlichen Art, wie man das
ungelegte Ei ankündigte, nicht für nötig. Wir
bemerken nur, daß die fraglichen Bilder nach
wie vor unrestauriert, durch spätere Über-
malungen verunstaltet sind.

S

INSTITUTE und VEREINE

BERLIN -.

In der Oktobersitzung der Kunstgeschicht-
lichen Gesellschaft sprach Hermann
S ch m i t z über die Berliner Baumeister David
und Friedrich Gilly.

David, der Ältere, aus einer Hugenotten-
familie stammend, ward 1748 zu Schwedt a. 0.
geboren und war zunächst an mehreren Orten
in Pommern, sodann, seit 1788, in Berlin tätig.
Von seinen Bauten blieb uns wenig; Haupt-
werke sind u. a. Schloß und Gut Steinhöfel,
Paretz, Machnow und das sog. Wrangelschloß
in Steglitz.

Friedrich Gilly, der weitaus begabtere
Sohn und einflußreiche Vorgänger Schinkels,
sollte auch nur mit wenigen bedeutungsvollen
Gebäuden auf die Nachwelt gelangen; gerade
sein am großartigsten konzipiertes Werk, der
Entwurf zum Denkmal Friedrichs des Großen,
blieb ein Projekt. Ins Jahr 1797 fiel eine Reise
des Künstlers nach Paris, wo er mit dem fran-
zösischen Klassizismus, der ihm auch rein ras-
senmäßig nahe lag, Fühlung gewann. Von
seinen Werken blieben übrig die Meierei im
Park Bellevue und das Grabmal der Gräfin
v. Maltzahn. Von seiner Bedeutung geben ein
rechtes Bild erst die zahlreichen, von einem
reinen stilistischen Empfinden und großer archi-
tektonischer Kraft zeugenden Entwürfe, die der
Vortragende in vielen Proben vorführte und
erläuterte. Herr Kohte äußerte sich zur tech-
nischen Seite, indem er auf die Geschichte der
bei uns von Gilly propagierten Bohlendächer
einging, und wies auf die Posensche Tätigkeit
Gillys hin, auf die einige Bauten, u. a. in Ka-
lisch, neues Licht verbreiten. Herr Mackowsky
brachte weitere interessante Angaben über das
Geburtsdatum Gillys, über die Ausdehnung von
Gillys Tätigkeit in Paretz und im Park Buchwald
bei Hirschberg.

Danach sprach Herr M. J. Friedländer
über Colijn de Coter. Er wies auf die Lücke
hin, die in Brüssel zwischen Rogier van der
Weyden und Barend van Orley klafft. Wahr-
scheinlich sind Beziehungen zu dem benach-
barten Antwerpen. Erst seit einigen Jahren
kennt man durch zwei fast gleichartig signierte
Werke, ein Flügelaltarfragment im Louvre und
eine Madonna in Vieure, den Brüsseler Maler
Colijn de Coter, der die Lücke zwischen Rogier
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