Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Ausstellungen

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Havard Thomas eine Einmannschau ab, in
der auch sein Lycidas, einst von der Royal
Academy zurückgewiesen, zu sehen ist. Ein
sicheres, bildhauerisch sehendes Äuge ver-
bindet sich leider nicht mit eigenen inneren
Gesichten. So gelingen einfache, schlichte Auf-
gaben; größere aber wirken wie aus zweiter
Hand. — ln den Leicester Galleries merkt
man die herannahende Weihnachtszeit, in der
Mr. Rackham, der Märchenillustrator, sich
immer zur rechten Zeit einstellt. Diesmal hat
er sich „Undine“ ausgewählt. Es steckt viel
eigenwillige, aber eben erzwungene Phantasie
in diesen Blättern, die hier großen Absatz finden.

F.

MÜNCHEN

Die erreichbaren Gemälde des als Zeichner
bekannteren Thomas Theodor Heine in
einer Ausstellung vereinigt zu haben, ist der
Braklsehen Kunsthandlung schönes Verdienst.
Vielseitigkeit und Fleiß, Ehrlichkeit und Phan-
tasie — damit sind noch nicht alle Seiten des
Heineschen Könnens aufgedeckt. Der ein wenig
sentimentale Landschafter beginnt, erst ganz
ruhig, dann mit einer bewußt herausgearbeiteten
Staffage wie dem Angler an den vorzüglich
wiedergegebenen Wirbeln des Baches die stär-
kere Wirkung versuchend. Der Porträtist folgt,
farbige Effekte, Kontraste und selbst Unwahr-
scheinlichkeiten stehen neben einem ruhigen
Kinderbildnis voll intimer Farbigkeit. Den Über-
gang bildet der Humorist: durch düsteren Wald,
der mit hunderten von Äugen zu schauen scheint,
wandeln furcht- und sittsam zwei Kinder, bieder-
meierlich aufgeputzt — gegenüber öden Mauern
an den Trauerweiden des Baches entlang führt
das Schloßfräulein ihre drei Möpse — vom
sonnengewandt aufschnaubenden Pegasus ist
der Dichter gestürzt, hilflos liegt er am Boden,
während ihn zwei Elfen verspotten. Siegreich
wird der Satiriker, der mit dem Symboliker den
Bund schließt, der Meister des Simplizissimus.
Da wir ihn nicht vergessen können und durch
die zwei auf Leinwand übertragenen Grotesken
direkt auf ihn gestoßen werden, messen wir
noch das Ganze mit diesem Maß. Noch, denn
nun kommen Landschaften und Porträts uns
vor wie ein Äusruhen. Zwei Bilder fehlen bei
Brakl, die für Heines Zukunft wichtig werden
können, wenn ihm daran liegt: Vor Sonnen-
aufgang und Der Drachentöter, der vor zwei
Jahren in der Münchener Sezession dem Ein-
gang gegenüber hing und den Zeichner Heine
nur mehr in der Vorliebe für eine elegische
Ornamentik erkennen ließ.

Im „Kunstsalon Hermes“ ist ein aus-
gezeichnetes frühes Selbstporträt von Trübner
ausgestellt, datiert 1871, also aus der ersten
Zeit des Künstlers, der sich in Ritterrüstung, halb
zur Seite gewendet, gemalt hat.

* *

*

Bei Heinemann zeigt der Belgier Cour-
tens in einigen wohlbekannten sonnigen Land-
schaften und Tierstücken sein respektables
Können, das in einer bewegten Marine selb-
ständiger zutage kommt.

* „, *

*

Im Kunstverein hängen Bilder von Zim-
mermann, die wir von der Ausstellung der
Diezschüler kennen. Die kraftvolle Art des
ruhigen Künstlers spricht sich aus seinen Por-
träten mehr im Stil der gut malenden Ält-
münchener Kunst denn in der reiferen Be-
wegungsfreiheit der Diezschule aus.

* *

*

In „Tannhausers moderner Galerie“ stellen
vom 1. Dezember an die Münchener Künstler
Bauriedl, Felber, Osswald und Partscher größere
Kollektionen aus.

Gleichzeitig eröffnet die „neue Künstlerver-
einigung München “ eine neue Zusammen-
schließung Münchener Künstler, welche dem von
ihnen ausgegebenen Programm entsprechend
nach „künstlerischer Synthese, d.h. einer Kunst,
die von allem Nebensächlichen befreite Formen
sucht und nur das Notwendige stark zum Aus-
druck bringen will“ streben, und zu denen u. a.
Hofer und Kubin gehören, eine Äusstellug. Da
dieselbe durch ganz Deutschland zu reisen be-
stimmt ist, haben wir noch kurz hierüber zu
sprechen. U.-B.

STUTTGART

Im Museum der bildenden Künste ist eine
Ausstellung zu Ehren des am 24. Juli 1909 im
Älter von 46 Jahren verstorbenen Landschafters
Otto Reiniger eröffnet worden. Sie umfaßt
131 Gemälde und 37 Temperaskizzen, größten-
teils aus Privatbesitz, und gibt eine gute Vor-
stellung von der hohen Bedeutung dieses noch
viel zu wenig gewürdigten Künstlers. Deutlich
grenzt sich von der zeichnerischen Frühzeit (bis
etwa 1892) eine Periode breiten malerischen
Vortrages bei starker Tonigkeit ab, die seit etwa
1902 durch das Streben nach stärkerer Kon-
trastwirkung der Farbe abgelöst wird. Doch
tritt das Problem der Farbe noch zurück hinter
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