Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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VERMISCHTES

Pauli felber befifet genügend Kritik, um die
Ifoliertheit diefer feiner Meinung über die Büfte
einzufehen. Seiner Meinung! Die doch im
Grunde nichts ift, als die ganz fubjektive Mei-
nung jener Künftler modernfter Obfervanz, von
denen fein äfthetifches Urteil leider mehr und
mehr abhängig geworden ift.

So ungern man es einem Manne fagt, den man
in mancher Beziehung hochfchäfeen muß: Pauli
fehlt es an gefundem Inftinkt gegenüber der älte-
ren Kunft, die Sicherheit feines Blickes ift durch
moderne Äteliervorurteile beeinträchtigt, und nir-
gends macht fich das verhängisvoller bemerkbar
als in Fragen der Echtheit und der Qualität.

Wir würden es bedauern, wenn Pauli gegenüber
den deutfchen Fachgenoffen fortführe alsÄdvo-
kat eines englifchen Kunsthändlers zu fungieren.
Ein orientierender Blick über die Gefellfchaft,
in deren weitgeöffnete Ärme er fich geworfen
hat, follte ihm die Niederlage klarmachen, die
er bei den Wiffenfchaftlern erlitten hat. Den in
Fachzeitfchriften gegen ihn und feine Theorie
gerichteten Angriffen antwortet er mit Lächer-
lichmachung des wiffenschaftlichen Gegners in
einer Tageszeitung, noch dazu in einem Or-
gan, von dem er weiß, daß es;fich dem ent-
gegengefefeten Standpunkt prinzipiell
verfchließt. Ich zweifle fehr, ob man in Eng-
land auf ein folches Verfahren das Wörtchen
„fair“ noch anwenden würde.

Es wäre wünfchenswert, daß der ehemals „han-
featifdh zurückhaltende“, jefet leider aus der Faffon
geratene Mann noch einmal in Ruhe die Be-
merkungen überlefe, mit denen er vor einem
in der Hauptfache unkritifchen Publikum
G. Gronau und F. Schottmüller als Wiffen-
fchaftler herabfefeen wollte; vielleicht, daß er
felber nachträglich feine Kampfesweife anders
beurteilt und die Waffenbrüderfchaft mit feinem
jefeigen Kampfgenoffen aufgibt.

Hermann Voss

DIE HOCHWÄSSERKÄTASTRO-
PHE IN PARIS Die entfefeliche Kataftrophe,
die über die franzöfifche Hauptftadt herein-
gebrochen ift, hatte Samstag, den 29. Januar vor-
mittags ihren Höhepunkt erreicht. Über die furcht-
baren Verwüftungen in allen Parifer Stadtvierteln
ift hier nicht der Ort zu fprechen. Äber alle
Lefer diefer Zeitfchrift werden mit banger Sorge
und herzlicher Teilnahme die bange Kunde vou
der Bedrohung der Parifer Kunftfchäfee vernom-
men haben. Das Herz krampfte fich zufammen,
als am Mittwoch die camelots im Sturm und
Regen riefen: Le Louvre en danger. Nach angft-
vollen Tagen hellte fich am Samstag der Himmel

auf. Bei klarem ruhigem Wetter fank die Seine
1 Zentimeter in der Stunde. Über die Gefähr-
dung der Kunftdenkmäler gibt nachftehende Ta-
belle Äuffchluß.

Louvre. Vor dem Flügel der Caterina von Me-
dicis Senkung der Straße am Quai du Louvre
durch Bruch eines Sielrohrs. Es befteht die
Gefahr, felbft wenn die Seine finkt, daß der
ganze Flügel und die herrliche Faffade Sprünge
aufweifen wird. Einfturzgefahr behoben. Vor
dem Pavillon Marengo Sielrohrbruch, ohne
Folgen geblieben. Die Keller des Louvre ftehen
unter Waffer; doch das wird kaum Folgen
nach fich ziehen, da fie fpäter ausgetrocknet
werden folien.

Palais de Bourbon. Einfturzgefahr auch wäh-
rend des Zurückgehens des Waffers.

Palais de la Legion d’honneur (erbaut 1790 von
Rouffeau) unter Waffer. Da der ganze Quai
d'Orfay abzubröckeln droht, Einfturz beim
Sinken der Seine zu fürchten.

L'Inftitut unter Waffer. Keine Gefahr erfichtlich.
L’Ecole des Beaux-Ärts unter Waffer. Keine
Gefahr erfichtlich.

L’Hotel de Ville Kellerräume unter Waffer.
Keine Gefahr.

Hotel Lambert und Hotel de Lanzun unter Waffer.
Zuftand bedenklich, da der Quai d’Änjou ab-
zubröckeln droht.

Grand Palais unter Waffer. Keinerlei Gefahr.
Palais de l’Elysee unter Waffer. Keinerlei Gefahr.
Musee de Sevres unter Waffer. Zuftand Be-
forgnis erregend.

La Bagatelle unter Waffer. Keinerlei Gefahr.

Zahlreiche alte Privathotels im Faubourg
St. Germain, mehrere Minifterien haben ernften
Schaden gelitten. Die ganz unterfchwemmte
Place de la Concorde droht einzuftürzen. Das
Sinken des Hochwaffers wird nach Äusfagen
von Fachleuten 10—14 Tage in Änfpruch nehmen.
Während des Sinkens des Waffers werden fich
die drohenden Einfturzgefahren nicht vermindern;
fie werden fich noch erhöhen, wenn ftarker Froft
von längerer Dauer eintreten follte. In allen
hier genannten Gebäuden find Dampfheizung
und elektrifche Beleuchtung geftört. Die Wieder-
inftandfefeung diefer Bauten und ihre Äustrock-
wird dem Staat allein etwa eine Million Franken
koften. Da alle Verbindungslinien in Paris feit
zehn Tagen unterbrochen und viele Straßen un-
zugänglich find, hat das Kunftleben der Stadt
durch die Kataftrophe fchwer gelitten. 0. G.

(Obwohl inzwifchen die Tagesereig-
niffe die Mitteilungen unferesKorre fpon-
denten z. T. überholt haben und obwohl
gottlob dieMehrzahl derGefahren über-

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