Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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AUSSTELLUNGEN

alsBleiftiftzeichnungen mit impreffioniftifdierÄus-
tufchung herausftellen. Im angrenzenden Raum
haben die Plaftiken von Büffelt Äufftellung
gefunden: ruhige, fchwere Arbeiten, deren große
Gebärde und monumentale Strenge im Rund
der Halle wunderbar zur Geltung kommt.

Getrennt durch die Äusftellung des Kunftge-
werbes, in der befonders Ehmckes für Düffel-
dorf gewonnene, fachliche und gediegene Per-
fönlichkeit hervortritt, folgt eine Ärt Tribuna der
Impreffioniften. Sie enthält neben Bildern der
genannten Düffeldorfer charakteriftifche Stücke
von Rouffel, Vuillard, Bonnard und deren
Gegenbild Denis, während im erhöhten Teil
des Saales das Ehrenmitglied des Bundes, Max
Liebermann, ausftellte. Sein Hauptbild, Sam-
fon und Dalila, und noch mehr feine neueften
Strandfkizzen laffen ihn frifdr und farbenrein
erfdieinen, als fei er der Jüngften einer. Neben
ihm hat E. te Peerdt den Ehrenplaß gefunden,
der fchlicht und ehrlich in Düffeldorf der ab-
fterbenden Hiftorienmalerei fchon Vorjahrzehnten
den Weg zu einer modernen Landfchaftsauf-
faffung gefunden hat.

Es folgen die Räume mit den über den Im-
preffionismus hinausftrebenden neueften Fran-
zofen. Än ihrer Spiße fteht als Vertreter der
Neoimpreffioniften Signac, deffen klaffifche
Größe pch hier — im Gegen faß zu zwei flauen
Stücken von Cross — klar heraushebt. Hatte
ihn früher fein unbedingter Pointilismus leicht
zu einem Zerfließen der Formen im Licht ge-
führt, fo fcheint jeßt in drei füdlich farbigen
Werken das Umgekehrte der Fall: Luft und Licht
ßnd zur kompakten Maffe geworden, in der die
Farben metallifch leuchten.

Neue Namen geben das Gegenfpiel: Braque,
Manguin, Derain, Dupont und Othon Frieß
fehen die Farbe als beftimmte Fläche, die fie in
parken, das Bild rhgthmifch belebenden Kon-
traften nebeneinander ftellen. Anders ift das
Schaffen von Matiffe, deffen lineares Verein-
fachen weniger aus der Beobachtung als aus
dem Willen des Temperamentes hervorzugehen
fcheint: was ihn darum ftark macht, ift für andere
Gefahr. Von diefer Gefahr reden die Werke
der in München begründeten „Neuen Vereini-
gung“ meift flavifcher Künftler. Während die
jüngften Franzofen unbedingt nach dekorativer
Formung ftreben, wirken hier zentrifugale Kräfte:
Jawlenskis und noch mehr Kadinskis Bilder
erfcheinen wie momentaneFarbvifionen.die einem
pnnenglühenden Temperament im Entftehen zer-
rannen. Für Künftler anregend und belebend,
müffen diefe Bilder dem Laien ohne Sprache
fein und den unkünftlerifchen Betrachter zur
Wut reizen.

In wirkungsvollem Gegenfaß zu den farben-
ftarken Bildern der Neueften unter den Modernen
wurden im runden Mittelraum diefer Äusftel-
lungsgruppe Plaftiken aufgeftellt: hier erfcheint
Haller (Paris), der durch eine wundervoll weiche
Behandlung des Materiales (Terrakotta oder
Gips) feinen Körpern den Schimmer der Haut
zu geben vermag, Bar lach (Berlin), der durch
großzügiges Erfaffen pächenhafter Wirkungen
eine der Holzfchnißerei entfprechende Technik
gefunden hat und Minne, den wir als Klaffiker
rechnen.

Die nicht aus Düffeldorf ftammenden Maler
Deutfchlands find meift zwifchen den neueften
Franzofen ausgeftellt. Nur K. Hofer (Paris)
wurde mitFreyhold (Emmendingen)undBrühl-
mann (Stuttgart) in einem Sonderraum ver-
einigt. Er fandte fchöne Bilder; zumal in dem
fehr farbigen Vorwurf des Knaben mit der Tri-
colore zeigt er alle Feinheit, die Parifer Schu-
lung zu geben vermag. Doch muß man vor
feinen Arbeiten zu viel an andere Namen denken
(gegenwärtig Greco), und das verftimmt. Ändere
zeigen fich in Zwifchenftadien: fo Ottilie Rey-
laender(Rom) und Ophey (Dü|jeIdorf). Ophey,
früher bekannt durch zarte niederrheinifche Land-
fchaften, verarbeitet italienifche Eindrücke. Flim-
mernd im Sonnenlicht, das die Farben in Halb-
tönen zufammenklingen läßt: fo fehen feine
Bilder aus. Ein beftimmter Wille fteckt nicht
dahinter, und doch freut man fich, daß einer
fich fo aufgeben konnte im Lernen und fühlt,
daß er fich neue Werte erringt.

Und fchließlich fteht man ftaunend vor drei
ftarken Naturen: Rohlfs (bisher Hagen), Nolde
(Berlin) und Nauen (Krefeld). Rohlfs erfcheint
in einer Äktftudie, deren Linien in belebten
Kurven fchwingen, auf neuen Bahnen. Nolde
zeigt in dem farbenfchweren Bilde der jungen
Ochfen eine fo urfprüngliche Kraft, daß man
nicht begreift, warum fein Name nicht feit langem
genannt wird, und Nauen, der in „Vise am Mor-
gen“ noch im Zeichen franzöfifcher Meifter fteht,
wirkt in der farbenklaren Landfchaft mit wogen-
dem Wiefengrün frifch und eigenkräftig und
läßt uns das Reichfte erwarten.

Man fieht an allen drei Meiftern, wie fremde
Einßüffe beleben und erfrifchen können, ohne
irgend wie die nationale Eigenart abzufchwächen,
und man begreift, wie gefund der Plan der Ver-
einigung franzöfifcher und deutfcher Meifter war.

So ift die Äusftellung als Tat zu begrüßen.
Dem Künftler muß fie Hilfe und Anregung
bringen; denn wenn auch extreme und un-
fertige Werke nicht fehlen, fo find doch nur
folche vertreten, von denen ein Schaffender
etwas lernen kann. Und darauf kommt bei

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