Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 2.1910

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DÄS MUSEO CIVICO IN BELLUNO

Mit 4 Abbildungen (2 im Text und 2 auf einer Tafel)

Vor kurzem i[t das Mufeo Civico in Belluno nach einer völligen Neuordnung wieder
eröffnet worden, was den Anlaß geben foll, über diefe kleine, aber gediegene
Sammlung hier einiges zu fagen. — Bei der Äusftattung der Räume und Aufhellung
der Kunftwerke i[t dem an [ich ja ganz richtigen Grundfaße, dem Mufeum die kalte
Magazinhaftigkeit der ältern Galerien zu nehmen und ihm ein etwas wohnliches Aus-
fehen zu geben, in zweifellos übertriebener Weife gehuldigt worden. Der Blumentopf
mit der Blattpflanze und der Lehnftuhl am Fenfter — notabene ein ganz gemeiner
Lehnftuhl von Anno 1880 — gehören nicht in ein Mufeum. Es fehlte nur der
piepende Kanarienvogel und das Kleinbürgermilieu wäre fertig. — Im übrigen foll Eifer
und Liebe, die bei der Ordnung des kleinen Mufeums gewaltet haben, ungefchmälerte
Anerkennung finden.

Bei der Aufhebung der Klöfter und Schließung von Kirchen zu Anfang des 19. Jahr-
hunderts ift nichts von Bedeutung von den damals freigewordenen Kunftwerken in
Belluno geblieben. Einige Belluriefer Bilder find in die venezianifche Akademie ge-
kommen, andere wurden von Solly aufgekauft und gelangten dann mit deffen Samm-
lung in den Befiß der Berliner Galerie, wie die Madonna mit fechs Heiligen von
Alvife Vivarini, zwei große Altarbilder Bordones, ein anderes von Francesco Vecellio.
So war man fpäter bei der Gründung eines ftädtifchen Mufeums vorwiegend auf die
Liberalität der kunftbefitjenden Mitbürger angewiefen, deren Schenkungen, Werke ver-
hältnismäßig kleinen Umfangs, Medaillen, Plaketten, Bronzeftatuetten, Halbfigurenbilder
und Porträts der Sammlung einen intimen Charakter geben.

Nur einige Freskenfragmente find aus öffentlichem Befitj in das Mufeum gelangt.
Traurige Bruchftücke der Freskenzyklen des Jacopo Montagnana und des Pomponio
Amalteo aus dem alten Stadthaufe. Die Refte der Fresken Ämalteos bieten nicht viel.
Man kennt den Künftler ja auch fdion fo zur Genüge und dann liegt es an der all-
gemeineren, etwas leeren Freskobehandlung der meiften Cinquecentiften, daß Frag-
mente ihrer Fresken keinen rechten Reiz mehr haben, während die Überbleibfel
von den mehr ins Detail gehenden Quattroncentoarbeiten einen guten Teil ihrer An-
ziehungskraft bewahren. — Überdies find die Bruchftücke der Fresken Montagnanas,
die 1490 entftanden, Szenen aus der römifchen Gefchichte darftellten, von größerer
Bedeutung für die Kenntnis diefes paduanifchen Künftlers, da fie unzweideutiger als
andere Arbeiten, feine Abkunft von Mantegna dokumentieren.

Von den beiden dem Bartolomeo Montagna zugefchriebenen Madonnen wird man
nur die eine, die hier abgebildet wird, als eigenhändig anfehen dürfen. Sie kann fich
zwar nicht mit der Anmut der wundervollen Madonna meffen, die Miß Herfe in London
befitjt, fteht aber in der Güte der Zeichnung und Gediegenheit der Technik keinem anderen
Werke Montagnas nach. Eine dritte Madonna ift von Berenfon meines Erachtens richtig
einer noch immer etwas problematifchen Perfönlichkeit, nämlich dem Bartolomeo Veneto
zugefchrieben worden. Der kleine landfchaftliche Ausblick auf dem Bild in Belluno
gleicht zu fehr dem Stückchen Landfchaft im Hintergründe des bekannten Bildniffes
der Galleria Corfini, als das man an der Identität des Künftlers zweifeln könnte. Auch
das preziöfe Kolorit des Bellunefer Bildes fpricht für Bartolomeo. Eine Unterfuchung
der Formen von Mutter und Kind bringt uns nidit weiter. Wie Bartolomeo in der
Galerie zu Bergamo und im Palazzo Michiel delle Collonne in Venedig eine heute ver-
fchollene Madonna des Giovanni Bellini kopierte, die auch Biffolo und anderen als

Der Cicerone, II. Jahrg., 19. Heft. 46

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