Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Bücfyerfammelwefen

Nur die Kapitel über Lithographie und Fjolz-
fchnitt find gar zu mager ausgefallen. Man
hätte gern auch in diefem 3urammenhange
etwas mehr davon erfahren. Über ein Drittel
des Buches nehmen „zwanglofe und unverbind-
liche Bemerkungen zu den Abbildungen“ ein,
die ihm die perfönliche Note geben, aber auch
zu manchen Ölliderlegungen Anlaß bieten wür-
den. — Erfreulich an der Neuauflage find die
hinzugekommenen modernen Beifpiele, Jo daß
jeßt auch Künftler wie Kokofchka, Meidner,
Pechftein, Lehmbruck, Barlach ufw. vertreten
find. Verfchiedene Äbbildungen der früheren
Huflagen wurden durch charakteriftifchere Bei-
fpiele der betreffenden Künftler erfeßt. find
fchließlich wurde ein Literaturverzeichnis hinzu-
gefügt, das den ttlert des Buches entfchieden
hebt und von allen Lefern freudig begrüßt
werden wird.
Die Äusftattung des öüerkes ift troß der tech-
nifchen Schwierigkeiten gegen früher fogar noch
verbeffert worden, denn das glänzende Kunft-
druckpapier wurde durch ein mattes erfeßt, auf
dem die Abbildungen vorzüglich wirken. Eine
Radierung von FJans Meid und eine Lithographie
von Slevogt find zu den bisherigen Originalen
nod) hinzugekommen. K. S.
Bücherfammelwefen
tlnter Leitung von
Bibliotheksdirektor Dr. E. von Rath
Leipzig, Ferdinand Roi)deftr. 35.
Neue fdjöne Bücljer
Sendungen von Büchern, die für diese Be-
sprechungen bestimmt sind, mögen unmittelbar
an Herrn Prof. Dr. Minde-Pouet, Direktor der
Deutschen Bücherei, Leipzig, Münzgasse 28 ge-
richtet werden.
Julius 3eitler fchrieb vor kurzem in der „Dame“
in einem Fjugo Steiner-Prag huldigenden Auffaß,
auch jene Luxusausgaben-Fabrikanten, die im
Buchwefen ein breitesFeld für ißrePreistreibungs-
gelüfte wittern, merkten endlich, daß ein gut
gemachtes, gefchmackvoll ausgeftattetes Buch
heute noch viel mehr ein Kunftftück fei als vor
dem Kriege, und er glaubt zu fpüren, wie diefe
oder jene Luxusbuchfpekulanten langfam aus
dem Rennen ausfcheiden, troß der Graphik, die
fie zur önterftüßung herbeirufen, weil man
fcheinbar doch nicht alle feine Karten auf den
Schieber des Bibliophilen feßen kann. Qätte
das ein anderer gefchrieben, würde ich fagen:
das ftimmt nicht! Aber Julius 3eitler weiß, was
er fagt, liebt und haßt das fogenannte fchöne

Buch genau wie ich und verfolgt mit gleicher
Sorgfalt alles, was auf dem Gebiete der neuen
Buchkunft vor fiel) geht. Deshalb muß ich fagen:
ich beneide ihn um feine Beobachtung, deren
Richtigkeit ein großes Glück für die deutfcße
Buchkunft bedeuten würde, die ich aber leider,
noch nicht zu beftätigen vermag. Ich feße viel-
mehr, daß die Luxusdruck-Fabrikanten noch
immer unheimlich rüftig am Merke find, noch
immer das Material und die Graphiker auf-
treiben, die fie für ihre 3wecke brauchen, und
daß das wirklich gut gemachte, gefchmackvoll
ausgeftattete Buch fiel) noch immer in einem
übergroßen FJaufen von Luxusfchmarrn (ein treff-
liches öüort von Fjans v. Kleber) verkrümelt,
tlnd als Luxusfchmarrn find nicht nur Bücher zu
brandmarken, die gefchmackvolle, ftilechte Aus-
ftattung vortäufchen, fondern die das Äußere
als das allein Klefentliche betrachten und ver-
geffen, daß auch fo etwas wie Inhalt vorhanden
fein muß.
Klie ein wirklich fchönes, auch den höchften
an Inhalt und Form zu ftellenden Anfprüchen
genügendes Buch auspeht, zeigt die dritte Ver-
öffentlichung der Bremer Preffe: „Sopho-
kles’ Oedipus der Cyrann, überfeßt von
Friedrich FJölderlin“, in 270 Exemplaren auf
beftem Büttenpapier gedruckt; 40 Exemplare er-
hielten einen in der Binderei der Bremer Preffe
gefertigten Ganz-Maroquineinband (260 M.), der
bei 10 diefer Exemplare noch nach einem Ent-
würfe von Frieda Ehierfd) handvergoldet wurde
(800 M.), die übrigen find in Fjalbpergament mit
Rückentitel in Gold brofeßiert (120 M.). An-
gefichts diefer wunderbar feinen, durchgebildeten
Leiftung braucht einem um die deutßhe Buch-
kunft nicht bange zu fein. In jedem Schriftwerk
von Bedeutung ruhen ganz beftimmte Gefeße
für die Form, in der es zu reinfter Klirkung
kommt; diefe Gefeße muß der Bucßkünftler er-
kennen, und die Bremer Preffe hat fich darin
bisher unfehlbar erwiefen. Sie druckt nur her-
vorragende Schöpfungen des menfchlichen Gei-
ftes, und jeder Druck offenbart auch im Kleinften
das innere Verhältnis zum Geift des Buches.
Auch diefe neuefte Veröffentlichung verzichtet
felbftverftändlich auf die Illuftration, verfchmäht
aber fogar felbft das unbedeutendfte Ornament
und 3ierat. Mit dem feinften Gefühl für den
Buchftaben und feine Architektonifierung zum
Saßbilde wird die herrliche Klirkung diefes
Druckes nur durch die Schrift und das Saßbild
erzielt, und noch dazu durch eine Schrift mit
nur einem einzigen Schriftgrad, eine eigens für
die Preffe gefchnittene, breit gebaute Antiqua,
die in Anlehnung an Inkunabelfchriften einen

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