Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von PAUL FECHTER

Bilder ft urm

ir durchleben heute eine 3eit, die, gefd)wäcl)t durch vier Jahrhunderte 3ivili-


[ation, in mancher Beziehung Strebungen und Tendenzen der Lutherzeit, nur

▼ ▼ ohne einen Luther, rekapituliert. Än die Stelle der Kirche ift der Staat ge-
treten, der eine Reformation an Fjaupt und Gliedern erfahren [oll: die Ideen, wenn
man das große Tlort einmal für die befcheidene Geiftigkeit von heute gebrauchen will,
find die gleichen geblieben. Die Bewegung gegen Kirche und Geiftlichkeit, das Drängen
zum Kommunismus, Putfehtaktik und 3ielverworrenl)eit wiederholen fiel) direkt: der
d)iliaftifche Aberglauben hat fiel) in die Fjoffnung auf die TIeltrevolution verwandelt
und um das Bild zu vervollftändigen, fehlt auch der neue Bilderfturm nicht, wenn
auch in einer wunderlich abgefd)wäcl)ten und ungebogenen Form — dergeftalt nämlich,
daß er nicht vom Volk, fondern diesmal von den Künftlern ausgeht und darum auf
halbem TIege ftecken bleibt.
Der Schrei gegen die Kunft ift keine Errungenfd)aft der Revolution. Schon vor
dem Kriege erhob er fid), bezeichnenderweife zuerft in dem Lande, das mit Kunft der
Vergangenheit am reichften gefegnet ift: in Italien. Die Futuriften waren es, die zu-
erft die traditionelle Verehrung der alten Meifter in ihr Gegenteil verkehrten, einen
wütenden Kampf gegen allen Paffeismus eröffneten, den Marinetti gelegentlich bis zu
der Forderung der 3erftörung aller Mufeen und Bauten der Vergangenheit fteigerte.
Tier jemals in Italien gewefen ift, in Florenz oder Rom den hoffnungslofen Verfuch
des Durcharbeitens diefes ererbten Befi^es von Jahrtaufenden unternommen hat» hat
die eine Komponente diefer Auflehnung an fid) felbft erlebt. Es war die Notwehr der
Gegenwart gegen das Übergewicht der Fjiftorie, aus der diefe Protefte erwuchfen: der
Kampf einer Jugend um Raum für ihr Leben, das von den Vorfahren und ihrem
Nachlaß von vorneßerein erdrückt wurde. Man erlebte dort nur den Nachteil der
Fjiftorie, weil man im Grunde zu überhaupt keinem anderen Erlebnis kam.
Aber diefes Ringen um die Möglichkeit 3eitgenoffe und nicht nur Nachkomme zu fein,
war nur ein Faktor in dem Kampf der Futuriften. TIäre diefe antigefd)id)tlichc Ein-
teilung die Fjauptfadje gewefen, fo hätte das Ergebnis, wenn nicht 3erftörung, [o, bei
wirklicher Konfequenz, wenigftens Verzicht auf eigene Kunftübung fein müffen, deren
Refultate morgen felbft fd)on wieder Paffeismus waren. Diefe theoretifchen Bilder-
ftürmer aber malten, dichteten, bildhauerten felbft alle luftig weiter, vergrößerten täg-
lich den Überfluß ihres Landes an Kunftbefi^. Ihr Neinfagen machte Fjalt vor dem
Faktum der Kunft, das auch fie bejahten — und begnügte fid) mit der Negation der
ererbten Formen und Gefetje. Sie zerfd)lugen nicht die Kunft und ihre Tlerke, wie
fie es eigentlich folgerichtig hätten tun müffen, fondern lediglich den hiftorifd)en Bild-
bau und wenigftens teilweife die Objekte der Darftellung. Damit erreichten fie den
Punkt, wo die urfprünglid) rein lokale, von italienifchen Verl)ältniffen bedingte Be-
wegung den Anfd)luß an eine europäifche, übernationale Bewegung fand, die jenfeits
aller bewußt formulierten Tendenzen aus einer geiftigen Notwendigkeit zu fließen feßeint.
Denn diefe felben Strebungen zur 3erfchlagung der ererbten Kunftformen wuchfen
gleichzeitig und unabhängig von der futuriftifchen GCIelle in Frankreich, in Deutfcl)land,
in Rußland, überall, wo Menfcßen verfucßten, auf dem Tieg über Farbe und Leinwand
zum Ausdruck ihrer felbft und damit zu ihrem Leben zu gelangen. Picaffo kam mit
feinen kubiftifchen Skelettierungen, Kandinsky mit feinen mufikalifcl)en Farbenvifionen,

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