Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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andere verfugten es auf nocß anderen Klegen; das Ergebnis war immer das gleiche:
Abkeßr vom Gegenftändlicßen und darüber hinaus Abkehr von allen formalen Bin-
dungen und Ordnungen, die die bisherige Kunft beßerrfcßt und gehalten Ratten.
Und l)ier liegt der Kern der ganzen Bewegung, der Punkt, von dem aus fie ißren
Sinn bekomnt im Entwicklungsweg des Geiftes. Der Klille, der fiel) in diefem Bilder-
fturm darftellt, ift der Drang zum Freiwerden von ererbten Kunftbedenken, die inftinkt-
mäßig als nießt meßr lebendig und finngemäß empfunden werden.
Der Bilderfturm der Reformationszeit rießtete fieß gegen die „Ölgößen und Ölfraßen“
der Gotik, weil man den Sinn für die Bedeutung diefer Kielt verloren ßatte. Nocß
die Gotik ßatte in ißren Heiligenbildern meßr gegeben als bloße Darftellung: unter der
Form und Gliederung des Bildbaus lebte etwas geßeimnisvoll Symbolßaftes, das vom
Betracßter erlebt, im Scßauen füßlend als bedeutfam jenfeits aller Darftellung wie ißrer
rational auflösbaren Kompofition aufgefaßt wurde. Als mit der Renaiffance, zunäcßft
ßalb ungewußt, die große Kiendung zum Natürlicßen einfeßt, verfinkt dies füßlende
Kliffen um die geßeime Bedeutfamkeit des Bildformfymbols; die bloß weltlicße Ord-
nung.,^ die bewußte „Kompofition“, in der fieß beftenfalls wieder eine weltlicß natür-
licße Ordnung, die kosmifeße fpiegelt, wird zum alleinigen formalen Cräger des Bildes.
Als mit der Reformation in Deutfcßland die Rückwendung zum Geift beginnt, ift das
Kliffen um den Sinn der alten Klerke tot, die neuen fagen dem religiöfen Gefüßl erft
reeßt nießts. Das Ergebnis ift die 3erftörung beider.
Der Bilderfturm von ßeute füßlt gegenüber den Klerken der jüngften Vergangenßeit
wie der der Reformation gegen die naeßgotifeßen. Er rießtet fieß gegen den Rationalis-
mus, der feit den Cagen der Renaiffance das europäifeße Bild beßerrfeßt, feine Form
naeß begriffließ darftellbaren Prinzipien aufbaut — gegen das unlebendig Gefüßllofe
bloßer Kompofition, die nießt meßr als Sinnbild einer inneren Ordnung, fondern als
ein Seitenftück zu dem Fetifcß der modernen Kielt, der Organifation, empfunden wird.
Der Haß geßt gegen alles, was Kunft am Bilde ift, im Sinne des gefcßicßtlicßen Inßalts
diefes Begriffs — zugunften deffen, was urfprünglicß als lebendiges feelifeß-geiftiges
Leben, als Notwendigkeit in ißm war. Die Neigung für die Klerke der Vorrenaiffance,
der Gotik, des Romanifcßen berußt auf dem gleicßen Grunde: man empfindet dort nocß
dunkel den Reft einer tieferen Bedeutfamkeit, die dem Klerk jenfeits aller nur kom-
pofitionell farbigen Reize, einen fymbolßaft geiftigen Sinn und damit ein Dafeinsrecßt
als Lebenswert gibt.
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In diefem Grundgefüßl, das allen ßeutigen Kunftbeftrebungen, foweit fie diefen Namen
verdienen, gemeinfam ift, liegt das Pofitive, Klertvolle, was fie, troß aller Negation im
Formalen, befißen. Das Ableßnen und 3^rftören des ererbten Formbefißes wäcßft nießt
fo feßr aus einer Verneinung der Vergangenßeit (die ift nur Mittel), als aus einem
Bejaßen des wirkließen gelebten Lebens, aus derEßrfurcßt vor dem waßrßaft Lebendigen,
dem Gefüßl, das wießtiger und wertvoller erfeßeint als alle Cradition und Erbfcßaft der
Gefcßicßte. Es ßandelt fieß im Grunde um einen Reinigungsprozeß des Bereicßs der
Kunft. Alles was in ißr an Äftßetifcßem, Gefcßicßtlicßem, nur Vernünftigem und über-
ßaupt begriffließ Bedingtem aus toten Cagen lebt, foll fallen, aufgeßoben und befeitigt
werden zugunften deffen, was den ewig lebendigen Quell ißres Dafeins ausmaeßt.
Die Entwicklungsgefcßicßte der modernen Kunft feit der Renaiffance ließe fieß dar-
ftellen als eine Reiße immer erneuter Verfucße, dureß Verlegung des ünmittelbarkeits-

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