Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von PAUL WOLF
Mit 13 Abbildungen

Die Grundform der Stadt
Die Grundform der Stadt war zu allen 3eiten ein Produkt der Lebensgewohnheit
eines Volkes, feiner Red)tsverhältniffe und der Art feines öffentlich-kommunalen
Lebens. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts zeigten durch Jahrhunderte und
Jahrtaufende hindurch die Stadtformen im wefentlichen konzentrifcf)e Cendenz. Meift
bildeten die Stätten des religiöfen Kults und der Siß der kommunalen Verwaltung den
Mittelpunkt der Stadt. Bei den Griechen war die von Gempeln umgebene Agora das
feftliche 3entrum des öffentlichen Lebens, bei den Römern fteigerten fich Glanz und
Pracht im Forum, um das fich die öffentlichen Gebäude und Denkmäler der Stadt
gruppierten. Im frühen Mittelalter fiedelten die Städte fich zunächft vorwiegend um
vorhandene Burgen und Klöfter an, bald aber wurde der Marktplatz an dem fich der
Dom und das Rathaus erhoben, zum Kulminationspunkte der Stadt, önd bei den
landesfürftlichen Städtegründungen der Renaiffance und des Barock wurde das fürftliche
Refidenzfchloß zum ftrat)lenden Mittelpunkt, dem die übrigen öffentlichen Gebäude und
die Bürgerhäufer fich unterordnen mußten.
Immer fpiegelte fich im Mittelpunkt der Stadt der Ausdruck der Geiftigkeit einer 3^it
wieder. Diefe fand im Mittelalter ihre höchfte Steigerung im Dom, dem Stein ge-
wordenen Symbol der transzendentalen Setmfucht, die das myftifche Empfinden jener
3ßit beherrfchte. In kühnem Vertikalismus wuchfen die Baumaffen der Kathedrale gen
Gimmel (Abb. 1) und die Bürgerhäufer der Stadt, die den Ausdruck des materiellen
Lebens bildeten, ordneten fich willig diefer Dominante unter. Als dann die FJanfa
ihren mächtigen Flügelfdßag kraftvoll erhob, das Bürgertum mehr und mehr erftarkte
und feinen Plaß neben der Geiftlichkeit behauptete, gewannen auch die Ratßäufer an
Bedeutung und fie wurden zu einem ftolzen Ausdruck der Macht und Größe des Bürger-
tums, zum Mittelpunkt des materiellen Lebens einer Stadt. Die Cecßnik der Befeftigung
der Städte fcßließlich bedingte dann die Gefamtform der mittelalterlichen Stadt. (Dir
fehen das Beftreben, das innerhalb der neu gefchaffenen öüälle und Gräben vorgefeßene
Stadterweiterungsgebiet fo ausgedehnt zu bemeffen, daß auf längere 3^it hinaus für
eine Bevölkerungszunahme der Rahmen gefcßaffen ift. Durch die ömwäßrung der
mittelalterlichen Stadt mit GCIall und Graben ergab fich immer die ringförmige, konzen-
trifche Stadtform (Abb. 2).
Cöar das Mittelalter im wefentlichen beherrfcht von dem Glauben an eine geheimnis-
volle Macht, fo trat in der Renaiffance an deffen Stelle das Bewußtfein des eigenen
öüillens. önd diefer önterfcßied in der Lebensauffaffung fand feinen logifcßen Aus-
druck im Organismus der Stadt. Die Renaiffance erftrebte bewußt die künftlerifcße
Einheit der ganzen Stadt (Abb. 3). Mit der Änderung der Staatsform gelangte dann
die Macht immer mehr in die Fjände der Landesfürften und die Entwicklung führte
fchließlich) zum Abfolutismus. Der franzöfifche Sonnenkönig gab mit der Gründung
von Verfailles (Abb. 4) das Vorbild für die landesfürftlicße Stadtform, die bald auch m
Deutfcßland zu zahlreichen Nachbildern führte (Abb. 5).
Mit der Induftrialifierung feßte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein 3ufluß
Anmerkung des IJerausgebers: Vor kurzem ift vom Verfaffer diefes Beitrages ein grund-
legendes Klerk über „Städtebau“ bei Klinkßardt & Biermann erfcßienen, deffen Bedeutung an an-
derer Stelle gewürdigt werden foll. Der hier mitgeteilte Auf faß entlehnt zwar einen Ceil feiner
Abbildungen dem erwähnten Klerk, ift im übrigen aber ein Originalartikel, der eines der wicß-
tigften Probleme von hoher Klarte aus durchleuchtet.

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