Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ausheilungen

fteßt ja fcßon länger, gehört woßl auch) zum
Ceil der Gegenwart an, vieles davon ift aber
auch fcßon Vergangenes. Das letztere nicht bloß
deshalb, weil Klimt und Kolo Mofer fcßon ge-
worben find, fondern weil fie ein Ringen und
woßl aud) ein Finden bedeuteten, das über-
wunden ift. Ibr Gedächtnis wird neben dem
Scbieles in drei befonderen Räumen gefeiert,
und diefe drei Coten, denen fid) noch Meiner
in einigen kleineren Plaftiken und Otto Lendeke
mit 3eicbnun9en und Aquarellen biazugefellen,
geben den Grundton des ganzen Bildes, foweit
es (Dien, ein fcbon vergangenes CLIien bedeutet.
Den großen Suchern von einft ftebt die letzte
Gegenwart gegenüber, in der Üdien in einzelnen
Vertretern wie Iqarta, Gütersloh u. a. wohl die
Früchte der Vergangenheit erntet, in den lebten
Jahren aber des kräftigen Antriebes führender
Perfönlicßkeiten entbehrte. Kann doch auch der
einzige, der es vermochte, die Kraft der Fjeimat
lebendig zu vertreten und doch dabei den großen
3eitftrömungen gerecht zu werden, Oskar Ko-
kofcbka, feit Jahren nicht für tUien gezählt
werden; wenn er in diefer Äusftellung, abge-
feben von dem Saal, der feinen Graphiken ein-
geräumt ift, mit drei nicht gerade feiner cßarak-
teriftifcßften Gemälde fcßlecßt genug vertreten
ift, fo mag die Schuld wohl ihn felbft treffen,
der dien feit langem boykottierte. 3wei Er-
fcbeinungen können als Folge diefer Verßält-
niffe erkannt werden: Einmal die in den lebten
Jahren in dien fiel) breit machenden Verfucbe,
die fehlende eigene Kraft durch ein leichtes,
meift nur zu äußerliches Anpaffen an die inter-
nationalen Strömungen zu erfetjen — diefe Ele-
mente find in diefer Äusftellung berechtigter-
weife zurückgedrängt; und dann die Erfcßeinung,
daß gegenüber der füßrerlofen 3entrale die Län-
der an Kraft gewinnen und die verfeinerte groß-
ftädtifeße gegenüber einer urwücßfigeren öfter-
reießifeßen Note zurücktritt. In diefem Sinne
find u. a. die Arbeiten von Kolig, diegele und
Faiftauer, der feine internationale Malkultur
neuerdings in den Dienft volkstümlich religiöfer
Gegenftände zu ftellen verfueßt, für den Ge-
famteindruck der Äusftellung beftimmend. Oßne
die einftige diener Blüte find aber auch diefe,
wie mancher andere nicht zu denken, und viel-
leicht ift es bereits das Stagnieren ißrer Kunft,
das fie — wie jene Loten — jetjt erft dem diener
Publikum verftändlicß werden läßt. Eine Aus-
nahme maeßt der junge Kärntner Ä. Böckl, deffen
aufkeimende, von internationalen Einflüßen kaum
berührte und dennoch den modernften Anforde-
rungen entfpreeßende Perfönlicßkeit vielleicht
nur durch die knappe und nicht gerade günftige

Auswahl und Vorführung feiner Bilder in der
Äusftellung nicht zur vollen Geltung kommt. Fjier
feßeint fiel) eine ähnliche felbftändige Eigenart
anzukündigen, wie fie Öfterreich in Perfönlicß-
keiten wie Klimt, Schiele, Kokofcßka gegenüber
den geläufigen wefteuropäifeßen Strömungen ßer-
vorgebraeßt bat. — Plaftik und Kunftgewerbe
diefer Äusftellung fügen fieß ähnlich in die all-
gemeine Situation. Der Saal mit den Plaftiken
Anton Fjanaks zeigt uns zum erftenmal in einer
folcßen Fülle das derk diefes mit Bewußtheit
fern von der Öffentlichkeit feßaffenden Künftlers,
der in einem großen ehrlichen Ringen faßt als
einzelner den Geift der lebten großöfterreießi-
feßen Kunftblüte in die Gegenwart herüberträgt.
In ißm ift das 3iel einer künftlerifcßen Gefundung
auf handwerklicher Bafis noch von einem tieferen
Kulturerlebnis getragen als es gefcßmackvolle
und raffinierte Materialfreude ift. Leider be-
ßerrfeßt aber der Fjang zu einem allzu leichten
fpielerifcßen Schaffen auch die hier ausgeftellten
kunftgewerblicßen Erzeugniffe in einem Maße,
das den momentanen Einfall und das Raffine-
ment der Ausführung an die Stelle der Qualität
zu feßen droßt. Eine angegliederte Cßeater-
abteilung führt ein Scßaufpielßausprojekt Oskar
Strnads und lnfzenierungen und Figurinen von
K. Mofer, Roller, Cefcßner, Laske u. a. vor. —
So feßr diefe Kunftfcßau als ein zufammen-
faffendes Bild des gegenwärtigen öfterreicßifcßen
Kunftlebens ißren 3wecken gerecht wird und als
ein erftes 3urarnmenrafTen der vorhandenen
Kräfte nach langer 3ßit a's eiu Ereignis ge-
wertet werden muß, fo läßt das Gefamtbild doch
die zwingende zukunftsfroße Kraft vermißen, die
meßr vorwärts als zurückfcßaut. F). G.
Eine Äusftellung aus Darmftädter
Privatbefii}
Darmftadt, das unter der Regierung feines lebten
Großherzogs zu einem bedeutenden deutfeßen
Kunftzentrum erblühte, fueßt auch unter der re-
publikanifcßenRegierung feine Stellung als Kunft-
ftadt zu behaupten. Es verfügt ßeuer über nicht
weniger als zwei Sommerausftellungen; von
diefen ift die auf der Matßildenßöbe ausfcßließ-
lid) dem deutfeßen Expreffionismus gewidmet,
während die Ende Juni eröffnete Äusftellung in
der Darmftädter Kunftßalle am Rßeintor einen
meßr ßiftorifcß retrofpektiven Charakter trägt.
Der urfprünglicß gefaßte Plan, hier lediglich
Cöerke ßeffifcßer Künftler zu zeigen, zerfcßlug
fiel). Statt deffen brachte man eine Sammlung
von Gemälden aus Darmftädter Privatbefiß zu-
fammen, von denen ein beträchtlicher Ceil aus
dem Privatbefitj von Fjofrat Alexander Kocß

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