Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ausheilungen

elegifcßen Sanftmut und Beruhigung feiner Far-
ben. Kein ftürmender ftrenger Klegebaßner wie
Schlemmer, aber ein tiefer, feiner Künftler mit
dem Sinn für das unhörbare Klingen der Sphären:
Das ift Baumeifter. Paul F. Schmidt.
Ausftellung der Effener Handwerker-
und Kunftgewerbefd)ule in der
Stadt. Kunftfialle in Mannheim
Äls 24. didaktifcßeAusftellungdesMann-
heimer „Freien Bundes zur Einbürgerung
der bildenden Kunft“ zeigte jeßt Dr. Friß
Klicßert das Gefamtfchaffen der von Regierungs-
baumeifter Hlfred Fifeher mufterßaft geleiteten
EffenerFjandwerker-undKunftgewerbe-
fchule. Ein expreffioniftifcher Stil von ftrenger
areßitektonifeßer Bindung vereint geiftig alle die
verfchiedenartigen Produktionsgebiete, durch-
dringt Jchöpferifch das kleinfte Ornament eines
Vorfaßpapiers wie auch die großräumige Kom-
pofition des Innen- und Äußenbaus.
In der Fjauptfacße find es fechs Lehrer, die dem
Ärchitekten als dem geiftigen Führer der ganzen
Änftalt zur Seite fteßen: der den reinen Ge-
fchmack der „Kliener Klerkftätten“ verkörpernde
fl. O. Fjollub, die Leiter der Klaffen für Scßrift-
und Flächenkunft KI. Poetter und für dekora-
tives Entwerfen, wie Plakate und Koftüme, Karl
Kriete, die Lehrer für Studien nach der Natur
Jofef ürbaeß, für Bildhauerei J. Enfeling
und für Metallarbeiten Jofef Merten. Alfred
Fifcher ift als ein höchft gewiffenhafter, ftrenger
Architekt, z. B. von feinen Bauten auf der
Kölner Klerkbundausftellung 1914 her, uns allen
wohl bekannt, würfelhaft begrenzt in der Plaftik
feines Äußenbaus, feßarf quadratifd) in der Eei-
lung feiner Innenräume, darin feelenverwandt
einem Klilßelm Kreis, Peter Beßrens, der Kliener
Baufcßule Otto Klagners und Jofef Fjoffmanns.
Diefe ftrenge Rhythmik nimmt nun auch die
Innendekoration A. O. Fjollubs auf, indem fie
Körper und Flächen in gefcßmackvoller Farbig-
keit kontrahiert.
Der tßeoretifcße Gegenfaß einer körperhaft
fyftematifcßen „Raumkunft“ und einer in funk-
tioneller Gliederung arbeitenden Konftruktion
feßeint an der Effener Schule in höherer Syn-
tßefe aufgeßoben zu fein: Die Ornamentik, wie
fie auf dem Grund eines Quadratneßes fieß als
zierliches Vorfaßpapier, als großgemufterte Ea-
pete, freikünftlerifd) gefteigert als leudßtendes
Fresko entfaltet, nimmt die aktive Diagonale
zum Ausgang, um daraus eine Fülle farbig aus-
drucksreicßer Formen zu entwickeln. Ebenfo
fueßt die alle klaffifcße, gotifeße und Kurfiv-

formen fouverän beßerrfeßende Scßriftklaffe ißre
Eexte zu einer expreffiven Monumentalität zu
fteigern: die banale Lesbarkeit muß hinter das
ftolz Aufgericßtete, das 3ufammengekauerte, das
Fließende oder das graziös Schwebende diefer
rßytßmifch geordneten Bucßftabenreißen als ein
facßlicß übergeordnetes zurücktreten. Äucß die
pßantafievollen Plakate, die in diefer Scßulklaffe
entfteßen, fteigern alle induftriellen oder luxuriöfen
Gefcßäftszwecke zur bewußten Kunftform, und
in diefem Sinne wirkt dann auch die mannig-
faltige freie Graphik, der Fjolzfcßnitt in feiner
derb gebrochenen Vieleckigkeit natürlich domi-
nierend, feiner Eecßnik die Kaltnadelradierung,
die feßarf geftricßelte Lithographie, die in großen
Maffengegenfäßen arbeitenden Bleiftift- oder
Eufcßzeicßnungen annähernd. Denn auch die
freikünftlerifcßen Naturftudien jener von Jofef
ürbaeß geleiteten Klaffe, die den figürlichen Akt,
die Landfcßaft, die Eierfkizze nach dem während
der 3eit der Koßlennot in Effen weilenden
Fjagenbeckfcßen Eierpark pflegte, geben keine
vollkommen durcßdetaillierten Naturbilder, fon-
dern nur wefentlicße Akzente im Fjinblick auf
3eicßnung, Farbigkeit, Beleuchtung: zufammen-
geßaltene Silhouetten, komplementäre Farben,
ftark wirkende Gegenfäße in Ließt und Schatten.
Es ift da in Mannheim eine Illuftrationsfolge in
Fjolzfcßnitt der „Paffion Cßrifti“ des jungenNeußer
Ewald Malzburg zu feßen, die nach religiöfer
und formaler Vertiefung auch in jeder freikünft-
lerifcßen Ausftellung mit Eßren befteßen könnte.
Auch die Plaftik in ißren ornamentalen wie
ißren figürlichen Klerken ift diefes arcßitektonifcß
geftrafften Geiftes voll, auch die buntfcßillernde
Keramik, die Emaillearbeit, die Ereibkunft in
Eifen undMeffing: Im Sinn der Scßulausftellung
ift es ßöcßft leßrreicß, den Klerdegang folcß eines
Flacßtellers vom ausgefeßnittenen glatten Blecß
an bis zur plaftifcß vollendeten Form zu verfol-
gen. Runde Fjolzfcßacßteln bedecken fieß mit viel-
farbig aufgemalten Ornamenten, die ein koftbares
expreffioniftifeßes Mufter immer neu variieren.
(Ind diefe Variation fcßillernder Ornamente ift
fcßließlicß auch das Fjauptgebiet der weiblichen
Eextilarbeiten, wie fie in mannigfaltigftem Reich-
tum an der Effener Kunftgewerbefcßule gepflegt
werden: großzügige Batiks, wie man fie freilich
feßon vielfach gefeßen, bunte Stickereien in derben
Klollfäden, endlich entzückende Damenkleider in
fein zueinander geftimmten und anmutig beftickten
Seidenftoffen, die jene koketten Modebildcßen
nun endlich einmal wirklich machen, fie aus dem
Scßattendafein „bloßer Figurinen“ herausheben.
Fjier feßeinen fieß nun auch in beruflich fozialer
Fjinficßt Klege zu öffnen für viele jener Mit-

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