Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Neue Graphik

fedjs nachgelaffenen Radierungen des im März
1919 verdorbenen Rheinländers Paul Seehaus
bedeutet nicht nur einen Akt fchöner Pietät und
pofthumer Huldigung vor diefem reichen Calente,
fondern läßt den Verluft, den die rheinifche Kunft
durch das viel zu frühe Fjinfcheiden diefes Künft-
Iers erlitten, doppelt fchmerzlich empfinden. Diefe
kleinen feinen Blätter, die fo überzeugend den
Reichtum künftlerifchen Vermögens verraten, find
Bekenntniffe eines Menfchen, der die Natur mit
Inbrunft umfaßt und ihren 3auber auf feine be-
fondere Art ausgedeutet hat. Etwas vom Geift
der frühen Miniaturiften des 15. Jahrhunderts
liegt in diefen Arbeiten verborgen. Irgendwo
und irgendwie empfindet man im Genuß diefer
koftbaren fubtilen Proben eines aus dem Born
feines inneren Erlebens fchöpfenden Geftalters
Beziehungen geiftiger Art, die Jahrhunderte über-
brücken und den modernen Künftler wie einen
fpäten Jünger des hh Franziskus erfcheinen laffen.
Cohen, der dem verdorbenen Freunde ein pracht-
volles Blatt der Erinnerung als Einführung ge-
widmet hat, meint, daß „diefen Radierungen
feine 3uneigung fchenken müffe, wer auch den
Sinn für Kammermufik hat“. Damit ift in der
Cat der Con bezeichnet, auf den diefe Blätter
geftimmt find. Es find lyrifche Bekenntniffe eines
Künftlers, der den Räuber feiner IJeimat — man
möchte fagen — mufikalifch niedergefchrieben
hat. Prachtvoll im Gefühl, wie verhaltene Coten-
klage ift Nauens Entwurf des Umfchlags. Die
befchränkte Auflage von nur 35 Exemplaren
wird diefe Mappe zu einer bibliophilen Selten-
heit machen. * *
*
3u Cheodor Däublers klingender Ode „Der
Nachtwandler“, in der gefpenfterhaft und filbrig-
bleich die Dämonie der Mitternachtsftunde auf-
lebt, hat Georg Cappert acht Qolzfchnitte ge-
fchaffen, die den Sinn diefer Dichtung nach-
erlebend wundervoll erfaßt und graphifch zu
neuen Bildern haben erftehen laffen. Capperts
ficherer Strich will vielleicht zu erdhaft für den
überfinnlichen Klang diefes Gedichtes erfcheinen.
Das Phantaftifche feiner Blätter ift wie kühnes
Rankenfpiel des Craumes auf dem Untergrund
der Klirklichkeit. Nimmt man aber weniger
Bezug auf den 3ufammenhang mit der Däubler-
fchen Dichtung, dann wird man in den Arbeiten
Capperts nicht nur eine ftarke Leiftung diefes
eigenwilligen Könners erkennen, fondern mehr
noch zugeftehen, daß fie innerhalb der künft-
lerifchen Gefamtproduktion diefes Jahres zweifel-
los mit zu dem Bedeutendften zählen, was uns
die deutfche Graphik gefchenkt hat. Diefe fjolz-
fchnitte haben die überzeugende Struktur ihrer

Cechnik. Sie find in der Kompofition groß und
frei erfunden und das Spiel der Kontrafte von
Licht und Schatten verrät jenen von innen heraus
gewordenen expreffiven Drang, der das befte
Kennzeichen eines wirklichen Künftlers ift. Diefer
Meifter hatte in Klilhelm Morgner feinen kraft-
vollen Schüler. Gerade diefe Fjolzfchnitte ver-
raten eine tiefere Verwandtfchaft zwifchen diefen
beiden ftarken Naturen, die einem eigentlich erft
jetjt zum Bewußtfein kommt. Die Mappe felbft
aber füllten fich alle Sammler graphifcher Kunft
nicht entgehen laffen. B.
3ur Bayros-Mappe des Verlages
Ed. Stradje
Der Kliener Verlag Ed. Stradje hat die Ver-
ausgabe von Mappenwerken deutfch-öfterreidn-
fcher Künftler unternommen; ein an fich löbliches
Beginnen, fo die Durchführung diefes Planes ein-
wandfrei wäre.
Vor einem Jahre hat A. Roeßler in feinen kri-
tifchen Fragmenten (Verlag Lanyi, Klien) feine
gefammelten Effays über junge Künftler des ehe-
maligen Öfterreich veröffentlicht. Unter anderen
finden wir dafelbft auch Guftinus Ambrofi, mit
deffen Jugendarbeiten der eingangs erwähnte
Verlag feine Künftlerausgaben einleitet.
Die Befchaffenheit der Mappe mußte von vorn-
herein (gegenüber allen weiteren derartigen Ver-
öffentlichungen des Verlages Strache) fkeptifch
ftimmen. Schon die Abficht, die Jugendwerke
Ambrofis zu vereinen, wo es fich um Leiftungen
fehr verfchiedener Güte handelt, war gründlich
verfehlt: überdies wurde der Eindruck des Effekt-
hafcherifchen mancher Arbeiten durch die kitfchige
Aufmachung der Abbildungen (Spielereien mit
Veil- undDunkelkontraften) und das Schwelgen in
knalligen Farbeneffekten hervorgehoben. (Benga-
lifches Feuerwerk für ^Kriegsgewinnler von dem
Kunftverftändnis des Fjerausgebers.)
Daß künftlerifche 3wecke für den Verlag in
fehr geringem Maße in Betracht kommen, daß
es vielmehr den Änfdjein hat, als ob es ihm um
eine Spekulation auf den Geldfäckel neuer Reicher
zu tun fei, beweift die kürzlich erfdjienene
Bayros-Mappe.
Dem Staatsanwalt, der feinerzeit den Buch-
händler C. KI. Stern wegen Verbreitens von
Büchern mit unzüchtigen Illuftrationen belangte —
die Abbildungen ftammten zumeift von Bayros
wird jeder künftlerifd) Empfindende recht geben.
Denn was Bayros fchafft, entftammt nur einer
gewiffen manuellenGefchicklichkeit, die von Kunft
weit entfernt ift. Seine erotifchen Illuftrationen
— das einzig Charakteriftifche an ihm — ent-

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