Kunftpofitik — Sammlungen
Entfchluffes offenbar zu fpät ift, fo foll an diefer
Stelle wenigftens der ernfte Wunfch ausgefprocben
werden, daß andere Städte dem Beifpiel Falles
nid)t folgen möchten. 5- Gs.
Kun[terziei)ung
Die Mängel unferer Kunfterziepmng (in Schulen,
Kunftfcßulen, Kunftgewerbefchulen, Akademien,
Technifchen Qochfchulen ufw.) find längft er-
kannt. Eine umfangreiche Literatur beftgemeinter
Reformvorfchläge liegt vor, darunter Weitfich-
tigftes von Lichtwark, Mutßefius, Sombart u. a.
Befferungsvorfchläge haben nur Sinn, wenn die
Urfachen der zu befeitigenden Mängel erkannt
find, haben Ausficht auf Erfolg, wenn die Gr-
fachen fchwinden.
Die Gründe der Mißftände find zwei: renaif-
fancemäßige Einteilung, intellektuelle Auffaffung
der Kunft und daraus zwangsweife folgend,
Überfchät$ung der Individualität, wiffenfchaft-
licßer Dünkel, Scheidung von Kunft und Pfand-
werk. Die Wende der geit, in der wir ftehen,
entwickelt ein anderes Lebensgefühl, eine andere
Art von Weltanfchauung. Kollektiviftifches Ge-
meinfamkeitserleben, Befreiung von der tyran-
nifchen Suprematie der ratio, Erkenntnis der
Bedeutung der Intuition u. a. find da, aber nicht
um ihrer felbft willen, fondern lediglich als Wege
zum Übermenfchen, allerdings zu einem gänz-
lich anderen, als dem Macht- und Großherrn
Niet$fches.
Wae^oldt^ rollt die genannten Probleme in
einer eben erfchienenen Schrift auf, geht mit
wohltuender Offenheit den Übeln an die Wurzel,
nennt die Dinge beim Namen, bricht den Stab
über die unhaltbaren Erziehungsmethoden — und
auch über die verfloffene materialiftifch-indi-
vidualiftifch - intellektualiftifche Weltanfchauung
famt allen ihren Folgen. Ein großes und unbe-
ftreitbares Verdienft, das noch gefteigert wird
durch den überlegenen weiten Blick und die
überzeugende fachliche Ruhe. Aber Wae^oldt
geht weiter. Er klagt nicht an, zeigt Schwächen,
reißt nieder aus Freude an der Negation, er
baut auf, gibt Wege, ja er ftellt fogar ein bis
ins einzelnfte gehendes Programm mit genauen
Lehrplänen auf. Er erkennt, daß die Reform
nicht von oben, vom grünen Tifch, fondern
von unten kommen muß, geht von der Ein-
heitsfchule aus und krönt fein glänzend durch-
dachtes Volksgebäude mit den Meifterateliers.
Eine finnvoile Methode des ftufenweifen Auf-
ftiegs, der Fjandwerk und Kunft als gleich-
berechtigte Tätigkeiten nebeneinander be-
^ Vgt. KJ. <Uaet}oidt, Gedanken zur Kunftfd)u]-
reform. Leipzig 1921. Quelle & Metjer.
ftehen läßt, foll Kunft und Künftlern in gleicher
Weife dienen. Die Fülle der Gedanken, die
Waet$oldt in immer neuen praktifchenVorfchlägen
gipfeln läßt, kann unmöglich auch nur genannt
werden.
Die Folgerung, die ich aus der jetzigen Um-
ftellung ziehe (Fjinweis auf den neuen Über-
menfchen), teilt Wae^oldt nicht. Ihm liegt ein
näheres 3iel: Durchfe^ung des einheitlichen Bil-
dungsgedankens, Überbrückung von Gegenfähen,
Benutzung der Kunft als Mittel zum Wiederauf-
bau. Es kann fein, daß wir, die wir von dem
„neuen Geifte" mehr erwarten, irren, daß das
Blinkfeuer des kosmifchen Willens nicht mehr
als eine Verheißung war. Aber auch im anderen
Falle wäre die Verwirklichung von Wae^oldts
Reformplänen eine Tat, denn er hat das 3eug
eines wirklichen Politikers (Kunftpolitikers), der
nur dann etwas taugt, wenn er nicht an den
elenden „gegebenen Verhältniffen" hängt, zwar
mit ihnen rechnet, aber nur, um fie für das not-
wendig Gewollte und als kommend ficher Er-
kannte umzuge ft alten; zu befeitigen, zu ver-
nichten, wenn es der gwang erfordert.
Ein, auch fürdenFjiftoriker wertvoller, zweiter
gefchichtlicher Teil rollt das Entftehen der in
jeder Beziehung unhaltbar gewordenen ftaat-
lichen Kunftpflege auf. Man ift dankbar erftaunt
über die Fülle vernünftiger Ideen im 17. und
18. Jahrhundert und findet auch hier wieder ein-
mal mit großer Genugtuung beftätigt, daß wir
in dem Augenblick, wo wir (Europa) es fo herr-
lich weit gebracht zu haben fchienen, von Gott
und Geift verlaffen waren. V. C. Fjabicht.
Sammlungen
Die Neuordnung der Erjurter
Sammfungen
Im Dezember 1920 wurde im Fjauptgefchoß
des Angermufeums die von Direktor Dr. Kaes-
bach von Grund aus umgeftaltete und neugeord-
nete ftädtifche Gemäldegalerie eröffnet. Die im
wefentlichen von Direktor Redslob in jahre-
langer Arbeit fehr gefchickt zufammengeftellten
Beftände kommen nun erft voll zur Geltung und
Wirkung, nachdem durch bauliche Veränderung
und neue Ausftattung brauchbare Räume ge-
fchaffen worden find. An einen den Erfurter
Künftlern gewidmeten Saal fchließt fich auf der
Straßenfeite eine Reihe von Kabinetten an, in
denen verfucht worden ift, vom fpäten 18. Jahr-
hundert an einen Eindruck von der h'ftorifchen
Abfolge der neueren Malerei in Deutfchland zu
geben. Für den Raum des 20. Jahrhunderts
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Entfchluffes offenbar zu fpät ift, fo foll an diefer
Stelle wenigftens der ernfte Wunfch ausgefprocben
werden, daß andere Städte dem Beifpiel Falles
nid)t folgen möchten. 5- Gs.
Kun[terziei)ung
Die Mängel unferer Kunfterziepmng (in Schulen,
Kunftfcßulen, Kunftgewerbefchulen, Akademien,
Technifchen Qochfchulen ufw.) find längft er-
kannt. Eine umfangreiche Literatur beftgemeinter
Reformvorfchläge liegt vor, darunter Weitfich-
tigftes von Lichtwark, Mutßefius, Sombart u. a.
Befferungsvorfchläge haben nur Sinn, wenn die
Urfachen der zu befeitigenden Mängel erkannt
find, haben Ausficht auf Erfolg, wenn die Gr-
fachen fchwinden.
Die Gründe der Mißftände find zwei: renaif-
fancemäßige Einteilung, intellektuelle Auffaffung
der Kunft und daraus zwangsweife folgend,
Überfchät$ung der Individualität, wiffenfchaft-
licßer Dünkel, Scheidung von Kunft und Pfand-
werk. Die Wende der geit, in der wir ftehen,
entwickelt ein anderes Lebensgefühl, eine andere
Art von Weltanfchauung. Kollektiviftifches Ge-
meinfamkeitserleben, Befreiung von der tyran-
nifchen Suprematie der ratio, Erkenntnis der
Bedeutung der Intuition u. a. find da, aber nicht
um ihrer felbft willen, fondern lediglich als Wege
zum Übermenfchen, allerdings zu einem gänz-
lich anderen, als dem Macht- und Großherrn
Niet$fches.
Wae^oldt^ rollt die genannten Probleme in
einer eben erfchienenen Schrift auf, geht mit
wohltuender Offenheit den Übeln an die Wurzel,
nennt die Dinge beim Namen, bricht den Stab
über die unhaltbaren Erziehungsmethoden — und
auch über die verfloffene materialiftifch-indi-
vidualiftifch - intellektualiftifche Weltanfchauung
famt allen ihren Folgen. Ein großes und unbe-
ftreitbares Verdienft, das noch gefteigert wird
durch den überlegenen weiten Blick und die
überzeugende fachliche Ruhe. Aber Wae^oldt
geht weiter. Er klagt nicht an, zeigt Schwächen,
reißt nieder aus Freude an der Negation, er
baut auf, gibt Wege, ja er ftellt fogar ein bis
ins einzelnfte gehendes Programm mit genauen
Lehrplänen auf. Er erkennt, daß die Reform
nicht von oben, vom grünen Tifch, fondern
von unten kommen muß, geht von der Ein-
heitsfchule aus und krönt fein glänzend durch-
dachtes Volksgebäude mit den Meifterateliers.
Eine finnvoile Methode des ftufenweifen Auf-
ftiegs, der Fjandwerk und Kunft als gleich-
berechtigte Tätigkeiten nebeneinander be-
^ Vgt. KJ. <Uaet}oidt, Gedanken zur Kunftfd)u]-
reform. Leipzig 1921. Quelle & Metjer.
ftehen läßt, foll Kunft und Künftlern in gleicher
Weife dienen. Die Fülle der Gedanken, die
Waet$oldt in immer neuen praktifchenVorfchlägen
gipfeln läßt, kann unmöglich auch nur genannt
werden.
Die Folgerung, die ich aus der jetzigen Um-
ftellung ziehe (Fjinweis auf den neuen Über-
menfchen), teilt Wae^oldt nicht. Ihm liegt ein
näheres 3iel: Durchfe^ung des einheitlichen Bil-
dungsgedankens, Überbrückung von Gegenfähen,
Benutzung der Kunft als Mittel zum Wiederauf-
bau. Es kann fein, daß wir, die wir von dem
„neuen Geifte" mehr erwarten, irren, daß das
Blinkfeuer des kosmifchen Willens nicht mehr
als eine Verheißung war. Aber auch im anderen
Falle wäre die Verwirklichung von Wae^oldts
Reformplänen eine Tat, denn er hat das 3eug
eines wirklichen Politikers (Kunftpolitikers), der
nur dann etwas taugt, wenn er nicht an den
elenden „gegebenen Verhältniffen" hängt, zwar
mit ihnen rechnet, aber nur, um fie für das not-
wendig Gewollte und als kommend ficher Er-
kannte umzuge ft alten; zu befeitigen, zu ver-
nichten, wenn es der gwang erfordert.
Ein, auch fürdenFjiftoriker wertvoller, zweiter
gefchichtlicher Teil rollt das Entftehen der in
jeder Beziehung unhaltbar gewordenen ftaat-
lichen Kunftpflege auf. Man ift dankbar erftaunt
über die Fülle vernünftiger Ideen im 17. und
18. Jahrhundert und findet auch hier wieder ein-
mal mit großer Genugtuung beftätigt, daß wir
in dem Augenblick, wo wir (Europa) es fo herr-
lich weit gebracht zu haben fchienen, von Gott
und Geift verlaffen waren. V. C. Fjabicht.
Sammlungen
Die Neuordnung der Erjurter
Sammfungen
Im Dezember 1920 wurde im Fjauptgefchoß
des Angermufeums die von Direktor Dr. Kaes-
bach von Grund aus umgeftaltete und neugeord-
nete ftädtifche Gemäldegalerie eröffnet. Die im
wefentlichen von Direktor Redslob in jahre-
langer Arbeit fehr gefchickt zufammengeftellten
Beftände kommen nun erft voll zur Geltung und
Wirkung, nachdem durch bauliche Veränderung
und neue Ausftattung brauchbare Räume ge-
fchaffen worden find. An einen den Erfurter
Künftlern gewidmeten Saal fchließt fich auf der
Straßenfeite eine Reihe von Kabinetten an, in
denen verfucht worden ift, vom fpäten 18. Jahr-
hundert an einen Eindruck von der h'ftorifchen
Abfolge der neueren Malerei in Deutfchland zu
geben. Für den Raum des 20. Jahrhunderts
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