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Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921

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Heft 3
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Kunstpolitik
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0114

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Die ßeit und der Markt

Kun ft politik
Der wiide Kon^iskationsgei[t
Es find in leßter 3cit befcßlagnaßmt worden:
(Halter Klemms „Radierungen zur Erb-
fünde" im Verlage von Bruno (Hollbrück in
(Heimar; „DerVenuswagen", eine Reifte ero-
tifcßer Privatdrucke, darunter (Herke von Schiller,
Bürger, Fjeinricß 3ille, Rifred Richard Meyer,
J. K. IJuysmans, Qenri de Kock mit Original-
grapßik von Lovis Corintß, (Hilli Geiger, Georg
(Halter Rößner, Franz Cßriftopße im Vertage von
Fritz Guriitt in Berlin; Bandellos „Novellen",
Lemnius' „Monachopornomacßia", Lukians
„Erotes", Floerkes „Liebesnovellen der ita-
lienifcßenRenaiffance", „Rbenteuer des fal-
fcßen Chevalier de (Harwick", Ovids „Rrs
amatoria", Louvet de Couvray, „Rbenteuer
des Chevalier Faublas", „Das Brevier des
Kardinals", eine Novellenfammlung aus de**
Florentiner Renaiffance, Straparolas „Ergötz-
liche Nächte", Longos, „l^irtengefcßicßten von
Daphnis und Chloe", Rieß, „Das Buch der Liebes-
abenteuer", fämtlich aus dem Verlage von Georg
Müller in München; Paul Verlaines beide
Bücher „Frauen" und „Männer" im Verlage von
Paul Steegemann in Hannover.
Es unterliegt keinem gweifel, daß das Schrift-
tum unferer 3eit wieder den Kampf gegen die
Schund- und Schmutzliteratur herausgefordert
hat, und daß eine ganze Menge von Druck-
fcßriften mit Recht befchlagnahmt und konfisziert
werden. Ja, wenn die Herren Staatsanwälte
diefes Reinemachen mit mehr Syftem und Sach-
kenntnis betrieben, würden ihre Befen viel mehr
Schmutz hinauskehren können. Sie wiffen nicht,
wie fie diefen von ihnen verfolgten Büchern er-
folgreich beikommen können, fpüren fie, mit Fjilfe
von Denunzianten, meiftens erft auf, nachdem
der größte Heil der Ruflage abgefetzt und in
ficherem Gewaßrfam ift, und weifen durch ihr
Vorgehen erft auf Bücher hin, die die große
Maffe gänzlich unbeachtet laffen würde. Solche
Bücher haben nun als konfiszierte einen Reiz,
fogar einen Sammlerwert erhalten, find erheb-
lich im Preife geftiegen und erleben unzweifel-
haft fpäter einen Neudruck — und das alles, weil
fich der Fjerr Staatsanwalt einmal mit ihnen be-
faßt hat. Ein paar feßmußige Bücher find dem
offenen Fjandel entzogen und gehen nun in den
viel einträglicheren geheimen über, und die große
Menge diefer Literaturgattung wuchert unge-
fährdet weiter. 3ufaM and ((lillkür kennzeichnen

das 3enforamt des Staatsanwalts, von dem, bloß
weil er ein Staatsanwalt ift, fich außerdem doch
niemand vorfchreiben läßt, was er fich anfehen
und was er lefen darf, und deshalb ift der neu
erwachte Konfiskationsgeift eigentlich bedeu-
tungslos.
Die oben angeführten befchiagnahmten (Herke
beweifen aber, daß er (Inheil zu ftiften beginnt.
(Henn er felbft vor (Herken nicht zurückfchreckt,
die feit Jahrhunderten, ja feit einem Jahrtaufend
als Kunftwerke gelten, die ein Goethe als „höchfte
Kunft und Kultur" gepriefen hat, wenn ihm Dichter
wie Longus, Lukian, Ovid, Bandello, Goethe,
Schiller, Bürger, Kleift, Verlaine, Künftler wie
Corinth, Geiger, Rößner und Chriftophe keine
Bedenken verurfaeßen, wenn der Staatsanwalt
fich nicht feßeut, wie im Falle der Bücher des
Verlages Georg Müller in München, 3ollauffeher
zu 3enforen zu beftellen, dann liegt eine Be-
drohung der künftlerifcßen Freiheit vor, die uns
gebietet, gegen folcße Gewaltmaßnahmen eines
wilden Konßskationsgeiftes zu proteftieren. Die
Luxusfteuer, die der Dod der lebendigen Kunft
fein muß, auf der einen, der 3^nfor, der den
Bakel feßwingt, auf der andern Seite, das gibt
waßrßaft erhebende Perfpektiven indie3ukunft!
Glücklicherweife fprießt ja der Staatsanwalt nicht
das entfeßeidende (Hort, fondern das Gericht.
Die Befcßlagnaßme der Radierungen Klemms zur
Erbfünde ift bereits aufgehoben, und es ift dem
Verlage Bruno (Hollbrück nicht übelzunehmen,
wenn er diefen (Irteilsfprucß nun laut vor aller
(Heit verkündet, nachdem er vor aller (Heit an-
geklagt worden ift, unzüchtige Schriften zu ver-
breiten. Erotifcßer Inhalt allein gibt noch nicht
das Recßt, ein Buch als unzüchtig zu verurteilen.
Rus erotifeßen Problemen haben unfere größten
Geifter größte Kunftfcßöpfungen gefeßaffen; fie
find uns durch Fjandfcßriften und Drucke über-
liefert und dem Kenner vertraut, und gerade fie
werden als reine Kunftwerke oder als Seit-
dokumente oder als unentbehrliche Beiträge für
die Erkenntnis ißrer Schöpfer feit langem ßoeß-
gefcßätzt. (Hie kann man fie plötzlich, wenn fie
in einem Neudruck erfeßeinen, behandeln wie
die Nummer 6 der 3eitfcßrift „Reigen", die auch
befcßlagnaßmt wurde! Die Ricßter, vor denen
nun größte Geifter der Vergangenheit, führende
Künftler der Gegenwart, angefeßene Verleger
als Pornograpßen fteßen, haben eine peinliche
Rufgabe erhalten. Künftlerifcße Erotik und Porno-
graphie, eine galante Szene und eine Schweinerei
find verfeßiedene Dinge; verfeßieden find die

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