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Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921

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Heft 4
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Kunstpolitik
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0141

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Sammlungen

Thomas und Trübners im Neft der Reaktion fi^en.
Der Kunftverein indeffen, der die Ausftellung
junger badifcher Kunft in [einen Räumen unter-
gebracht t)atte, befchwichtigt die Gemüter mit
einer konventioneiien, au[ tiefem künftlerifchen
Niveau ftehenden Aushebung, die „endlich wieder
wahre Kunft bringt". 5- C.
Sammlungen
Die Neuerwerbungen des Dresdner
Stadtmu[eums
Es mag kein leichter Entfchluß gewefen [ein,
aus dem iebendigen (Hillen heraus, der heutigen
Kun[t zu dienen, dieNeugeftaitung des Dresdner
Stadtmufeums in die (Hege zu leiten. Die Staats-
galerie genügte lange allen Anfprüchen und die
Dresdner Bürger waren wohl alle nur in ihrer
Schulzeit in das ftädtifche Mufeum gekommen,
um es als befferes Raritätenkabinett in Erinne-
rung zu behalten. Durch den neuen Direktor
Dr. P. F. Schmidt erhielt das Mufeum nicht nur
erneut Lebensberechtigung, es trat für die Freunde
der neuen Kun[t in den Mittelpunkt des Inter-
effes. Neben dem ftadthiftorifchen Teil fteht
je§t die Sammlung von Dresdner Kunft des
18.—20. Jahrhunderts. Mit großem Temperament
und mit dem Eifer, nicht abzuwarten, [ondern
einzugreifen, Kamerad der Kämpfenden zu [ein,
hat Schmidt in einem reichlichen Jahre bereits
eine erhebliche Sammlung von Gemälden, Pla-
[tiken und befonders Graphiken der Jüngften zu-
fammengebracht. daneben von Älteren manches
erworben, was durch FJerkunft und Qualität in-
tereffiert. Eine kleine Sammlung, die weniger
durch Tradition belaftet ift, kann bei gefebickter
Leitung entfeheidender in das Kunftleben ein-
greifen als eine altehrwürdige. Auch der Dresdner
Fall zeigt es.
Aus dem 18. und 19. Jahrhundert find vorzüg-
liche Aquarelle und Fjandzeichnungen erworben.
Einmal zwingen die befchränkten Mittel dazu,
dann aber ift auch der künftlerifche Ertrag der
graphifchen Arbeiten zwifchen 1750 und 1850
befonders erfreulich- Eine Sonderausftellung
diefer Neuerwerbungen zeigte das große Intereffe
des Leiters für die Entwicklung derLandfchafts-
malerei. Er fcheint nach Blättern gefucht zu
haben, in denen [ich fchrittweife die Überwindung
des Konventionellen anbahnt. Die Arbeiten eines
Dietrich (1712-1774). Adrian 3ingg, )oh- Chr.
Klengel zeigen ein [ich entwickelndes Verhältnis
zur Natur; [Jammer, Ludwig Richter, Fj-Gärtner,
P. Frenzei, Chr. Fr. Gille führen zu einem fehr
verfeinerten Realismus, der zur pfychologifchen

Grundlage fpäterer impreffioniftifcher Bemüh-
ungen wurde.
(nichtiger und umftrittener find die Ankäufe
jüngfter Kunft. Schmidt hat vonE.L. Kirchner,
E. FJeckel und Schmidt-Rottluff, die 1903
in Dresden die „Brücke" gründeten, eine gute
Auswahl zufammengebracht und fo eine Dankes-
fchuld abgetragen, die Dresden gegenüber diefen
Beginnern einer neuen Kunft in Deutfcfdand hatte.
Trot) der verhältnismäßig kleinen Anzahl der
Arbeiten ift es möglich, Entwicklung und Eigenart
diefer ftärkften Mitglieder der Brücke zu er-
kennen, ihren zunächft mehr tecfmifchen Kampf
gegen den Impreffionismus, dann die neue etf)i-
fche Einteilung, fchließlich die perfönliche Aus-
prägung nach der Trennung von Dresden 1911.
Von FJeckel ift eine Landfchaft da und „Der
fixende Mann" von 1913, eins feiner ergreifend-
ften Bilder, voll Schlichtheit, grüblerifcher Ver-
fenktheit und aktueller Bedeutung. Von Schmidt-
Rottluff ein faft gewalttätiges Kakteen-Stilleben
und zwei Kinder am Strand, die allerdings mo-
numentaler erfcheinen als fie find. Von Kirchner
vorläufig nur Graphik, aber feine Blätter aus
der fpäteren 3^*1 find von einer Genialität der
Linie und Farbe, einer fo lebendigen Ernft-
haftigkeit, daß alle übrige Graphik einen fchweren
Stand neben ihm hat, auch die Fjeckels und
Schmidt-Rottluffs, die in einer Sonderausftellung
lange daneben hing. Von Fjeckel ßnd ein paar
aufleuchtende Aquarelle und mehrere herbe3eich-
nungen von Köpfen da, von Schmidt-Rottluff
frühe Lithos und fpäteFJolzfchnitte, von Kirchner
vifionäre Farbenholzfchnitte, Radierungen und
Aquarelle. Von Kokofchka, der je§t in Dresden
arbeitet, ift eines der lebten Bilder gekauft, „Die
F)eiden"(l919), zwei faft überfaftige Akte. Dazu
eine große Anzahl Lithographien, faft alle Köpfe,
der gefeffelte Kolumbus, fünf Probedrucke aus
der Bachkantate. Von Pechftein ein paar Lithos,
von Otto Müller ein Aquarell, von Nolde Lithos,
Radierungen, FJolzfchnitte. yoti Paula Moder-
fohn das Noldefche „Gänfeliefel" (1904) und das
farbentiefe Porträt einer alten Frau. Von George
Grosz Aquarelle, Tufch- und Federzeichnungen
und der „Abenteurer", jenes an feiner eigenen
Phantafie erftickende, mehr gezeichnete Gemälde
diefes unheimlich begabten Amerikafahrers. Von
Schwitters das anfechtbare „Merzbild" (1919). Von
älteren Dresdnern find L. von FJofmann, A. Guß-
mann und A. Drefcher mit kleineren Arbeiten
vertreten. — Am fchwierigften mag es für Schmidt
gewefen fein, aus der jüngften Generation in
Dresden das (Hefentliche und 3ukunftsftarke aus-
zuwählen. Im Mittelpunkte diefer Erwerbungen
ftehen die Arbeiten der „Dresdner Sezeffion", die

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