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Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921

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Heft 7
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Sydow, Eckart von: Afrikanische und ozeanische Kunst
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0225

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Afrikanische und ozeanifd)c Kunft

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on jeßer ßaben die Canzmasken der afrikanifcßen und füdfeeländifcßen Völker


den ftärkften Eindruck bei der Betrachtung exotifcßer Kunft hinterlaßen. Das

V Kunftgewerbe konnte noch fo vollendet fcheinen, die Scßnißerei etwa der mäch-
tigen Aßnenßguren noch fo verehrungswürdig dafteßen, — gegen den feltfamen ßauber
der Masken kamen fie nicht auf. Diefer erfte Eindruck trog nicht. Und er würde [ich
noch [teigem, hielte man [ich immer vor Augen, daß regelmäßig zu diefen Geßcßts-
masken noch weitere Maskierungen des übrigen Körpers gehörten — Maskierungen,
die fomit faft den ganzen Menfchen in ein nicht alltägliches Gewand einhüllten. Für
die Macht des innewohnenden Ausdrucks fpricht es, daß fie nicht erlofd) vor der eigenen
Erinnerung an europäifche Maskenfefte mit dem zynifcßen Banalismus ihres Creibens.
Unabhängig von jedem zeitgenöffifchen Vergleich erhob [ich hier für das richtige Gefühl
der Pomp einer ernfthaften, wefentlichen Feftlichkeit.
ln der Cat! Diefe Masken deuten meift nicht auf banalen Lärm. Sie erfcheinen
vor allem bei den beiden wichtigften Vorgängen im Menfchenleben: bei der Feier des
Eintritts des jungen Menfchen in die Gefellfchaft der Erwachfenen: den Mannbarkeits-
feften, und bei der Cotenfeier für Verftorbene. Und fie felbft haben nicht fo fehr eine
Bedeutung und Fjindeutung, fondern ße find felbft etwas. Und zwar das für den
Primitiven Realfte. Sie ßnd Geifter. Durch ihren Gebrauch werden alfo die Cräger
in wirkliche Geifter verwandelt und zugleich erhöht. Diefe Masken ßnd daher weniger
eine Verhüllung als eine Enthüllung, — nämlich der wefentlichen Elemente der Wirk-
lichkeit. Und ihre oftmals vorhandene Bemalung mit weißer Farbe bedeutet: ein Geift
fprießt hieraus! Geifter der Ahnen oder der Dämonen.
Die Kopfmasken (Geßcßts-, Eier- und Stammbaummasken) felbft find nur ein kleiner
Ceil der Maskierung. Ihre menfcßlicßen Formen weifen in ihrer vollftändigen Bekleidung
wohl zum Ceil — in Afrika — auf die Geifterhütten als Vorbild zurück, in denen die
Jugend im Walde wohnt, bevor fie in die Gefellfchaft ihrer Stammesangehörigen als
berechtigte Mitglieder aufgenommen werden. Lange Seit hindurch bleiben die jungen
Leute dort wohnen, erfüllen den Wald mit dem Geräufcß ihrer Cänze und Gefänge
und werden auch auf ihr fpäteres foziales Leben, befonders auf die Ehe, vorbereitet.
Diefer Aufenthalt ift überaus wichtig. Vor allem in mgftifcher Fjinficht. Im Walde
nämlich häufen die Seelen der Abgefcßiedenen, der Vorfahren, ln ihren Bannkreis
tritt im Noviziat der junge Menfch ein und nimmt dergeftalt das feelifche Wefen der
Ahnen irgendwie wirklich in [ich auf. Man möchte fagen, daß der Gedanke der Cra-
dition [ich fo auf magifeße und zugleich myftifcße Weife kundtue. Denn nach dem
Eintritt in den Wald und damit in den Fierrfcßaftsbereich der Vorfahren verliert ßcß
unter dem Einfluß komplizierter Gebräuche das Erinnern an die Vergangenheit der
Jugend und deren Selbftändigkeit. Mit neuem Namen und neuen Auffaßungen, die er
im Laufe der Lehrzeit im Walde erlangte, geht der Menfch wieder in das Leben der
Allgemeinheit zurück. Das väterliche Blut hat [ich feiner bemächtigt und wirkt durch
ißn. So bewährt [ich der enge 3ufammenßang, den das myftifcße Bewußtfein nicht
ftiftet, fondern erlebt, erkennt, auch im wichtigften Vorgänge des fozialen Lebens oder
vielmehr feiner Vorausfeßung. Der Wille zum Konfervativismus ift hier klar.
(Der äußert fieß ja auch fonft in allen Handlungen. Der Widerftand gegen das Neue,
der [ich im animiftifeß-mpftifeßen Bewußtfein gründet, — denn wer kann wißen, welche

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