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Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921

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Heft 8
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Curjel, Hans: Badische Kunstpflege
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0284

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Die geit und der Markt
Bad ifcße Kunftp [lege
Neuordnung der Karfsruber Kun[tt)aHe / Die Altdeut[d)en /
Ausheilung religiöfer Malerei

Mit der Neugeftaltung des Cßoma-Mufeums
der Badifcßen Kunftßalle batte Dr. Storck [cbon
eine Probe [einer mu[eumstecbni[cben Geftal-
tungskra[t gegeben; mit der Neuordnung der
[rüber argvernacbiä[[igten attdeut[cben Abteilung,
mit der die Reorgani[ation der ge[amten Gaierie
begonnen wurde, bat er eine Cat von weit-
tragender Bedeutung vollbracht, durch die [cbon
jet$t die Karlsruher Galerie in die allerer[te Reibe
der deut[cben Mu[een geteilt wird.
Die inneren Schwierigkeiten der mu[ealen
Unterbringung altdeut[cber Gemälde kennt jeder.
Die Bilder [ind aus den größeren ^ufammen-
bängen der Kirchen und Altäre, [ür die [ie ge-
fcba[[en wurden, berausgeri[[en und [ri[ten an
den (Händen derMufeen ein unbehagliches Da-
fein; die Lebensmöglichkeiten febeinen ihnen
genommen, weil [ie ihre gweckbeftimmung ver-
loren haben. Man hat verfueßt, durch die Ein-
richtung von Kircßcnfälen auf künftlicbe (Heife
den gufammenhang der mittelalterlichen Künfte
wieder ßerzuftelien, jedoch ohne großen Erfolg,
weil auf diefe (Heife mehr die kulturelle Ge-
famtbeit dargeftellt wird als die eigentliche Kunft
in den Bildern oder in der Plaftik. Es gibt je-
doch noch einen andern (Heg zur Verlebendi-
gung altdeutfdßer Gemälde, der [ich von aller
biftorizierenden Kulturromantik freißält. Die
Malereien in erfter Linie als Kunftwerke an [ich
aufzufaffen, ift das 3iel diefes zweiten (Ueges.
Die eigentlichen Kunftwerte der Bilder aufs neue
dem gegenwärtigen Leben zuzuführen, ift vor
allem die Aufgabe. Diefer (Heg ift bei derNeu-
geftaltung der altdeutfcßen Abteilung der Karls-
ruher Kunfthalle, die einer Neuerweckung ver-
grabener Schäle gleichkommt, eingefchlagen
worden. Das erreichte, völlig befriedigende Re-
fultat befißt gerade in diefem Augenblick um fo
mehr Bedeutung, als mit einem Minimum von
Aufwand an teebnifeben Mitteln ein Maximum an
Leiftung erreicht worden ift. Auch hier mußte mit
vorhandenen, architektonifch zum Heil [ehr unzu-
länglichenMufeumsräumen gerechnetwerden; die
Veränderung mußte [ich auf den(Handanftricß und
die Verwendung von Goldftäben als befeßeidenen
Schmuck befeßränken. Der (Hand felbft wurde
durch den jeweiligen Anftricß eine organifeße
Funktion verließen dadurch, daß als Farbe gleich-
[am der Hauptnenner aller im Saal vereinigten

und der Neuerwerbungen
Bilder gewählt wurde. Auf diefe (Heife wird
die (Hand zu einer bindenden Folie, auf der die
Bilder in ftraff zufammengefaßten Gruppen in
woßlgemeffenen Abftänden zugleich eine deko-
rative Funktion erfüllt. Die Hauptaufgabe der
(Uandfarben befteßt darin, daß die Farben der
Bilder durch fie zu einem Maximum gefteigert
werden. Die (Uandtöne felbft wecßfeln je nach
der Gefamtftimmung der jeweils in einem Saal
vereinigten Bilder. Ein küßles Grau für die Ge-
mälde der Grünewaldzeit, ein leuchtendes Blau
für die Schwaben des 15. Jahrhunderts, ein feier-
liches Scßwarz für die frühen Bilder der Boden-
fee-Malerei, durch das die Farben, vor allen
Dingen die Goldgründe, einen befonderen Glanz
erhalten. Befonders begrüßenswert erfeßeint die
Neuerung, die (Handflächen durch Aufteilung
von einzelnen mittelalterlichen Plaftiken zu teilen
und zu beleben, wodurch der frühere 3ufammen-
ßang zwifeßen Malerei und Plaftik auf neue
(Heife wieder gewonnen und gleichzeitig die
öde Einförmigkeit langer Galeriewände unter-
brochen wird.
Nach folchen Grundfäßen ift jeder einzelne
Saal zu einer Raumeinheit geftaltet; das Pein-
liche, die heutige Generation oft Abftoßende einer
Galerie ift durch die Sachlichkeit und die von
künftlerifchem Empfinden getragene Geftaltungs-
kraft in der Aufhängung völlig überwunden. 3u-
gleicß ift durch die ßarmonifcß ausgewogenen
und nach inneren gufammengeßörigkeiten ge-
wählte Verteilung der Bilder eine Feierlichkeit
gewonnen, durch die ein ganz neuer Eon in das
Kunftmufeum überhaupt gelangt. Gerade die
Herausarbeitung der eigentlichen Kunftwerte in
den (Uerken bat diefe neue Feierlichkeit zur
Folge.
Der Befiß der Karlsruher Kunftßalle — Grüne-
wald, Baidung, Cranacß, der Meifter von Meß-
kireß, 3eitblom, Schücßlin und vor allem die
Namenlofen der frühen Bodenfee-Malerei — tritt
durch diefe Neugeftaltung erft ins rechte Ließt.
Man muß übrigens einmal fagen, daß gerade
eine derartige kunftpflegerifcße Tätigkeit zu den
pofitivften3eicßen der Aufbautätigkeit in Deutfcß-
land zäßlt. * *
*
Nach dem glücklichen Ergebnis der Scßirmer-
Ausftellung des lebten Jahres veranftaltet die

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