Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0327
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Heft 10
DOI article:Beil, Ludwig: Otto Gleichmann
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Otto G 1 e i d) m a n n
Von AUDMVG ßE/A
AM 72
jT**\er Impreffionismus war, das ift uns heutigen unwiderruflich klar, ein grandiofer
§ Verführer zu Farbe, Form, Fläche. Ein Sammler war er des Lichts und feiner
Reflexe, ein ficherlicl) großzügiger Nachfahr naturaliftifcher Schaukraft im beften
Falle; als folcher jedoch epigonal. In der Erwärmung häuslicher oder — was heute
dasfelbe ift —: kunftgewerblicher Gapeten. Ihn tötete lebten Endes die Seelenkälte
der nur fichtbaren (Uelt und fo ift fein nun bald befchloffenes Sd)ickfal dem des
Naturalismus durchaus gemäß und durchaus gerecht. Er verlief [ich in fiel) felbft und feine
Cheorien, fcl)on bevor er ein begehrter Handelsartikel geworden war. Heute ift er
als Verlegenheitsmittel einer im Grunde materialiftifchen Epoche entlarvt, ein Nieder-
gang alter Kunft und ein funkenlofes Meteor für die kommende, welche ift die gegen-
wärtige. Fordert man von einer Kunft Seele als tieffte, ja einzige Ingredienz, fo war
der Naturalismus bewußt unkünftlerifcß, weil er fat$ungsgemäß das nur äußerlich Ge-
fchaute genau (und deshalb unkünftlerifch!) wiedergab. Der Künftler war nur noch
wandelndes photograptpfches Objekt, fein Gehirn eine ebenfolche Platte, mit hoch-
empfindlicher Emulfionsfchicht bedeckt. Aber er gab fich auch nur als folcher; infofern
war er ehrlich- Der Impreffionift dagegen fand es „doch eigentlich ein wenig gemein",
fo zu denken und noch mehr, fo zu fchaffen. Er war aber an fiel) nicht viel mehr
als ein Naturalift im Cheatermantel einer neuen Gi)eorie; er war Naturalift nur mit dem
Unterfdped, daß er gewiffermaßen feinen geiftigen Schauapparat unfeharf einftellte
und die farbige Verfchwommenheit feiner Bilder künftlerifd) nannte, ln (Uirklichkeit
jedoch war er unwahrer als der Naturalift. Die Impreffioniften haben allerdings das
Kunftgewerbe enorm befruchtet und gefördert — der Gangofarbenraufd), noch in aller
Erinnerung, war nicht eine Folge diefes verpflanzten Ganzes, fondern eine folche der
impreffioniftifchen Gebärde jener ganzen geit, die noch fchneller als man fie erkannte,
verfloß, verflog.
(Uas dem Inprefßonismus fehlte, war nicht das Handwerk, ja noch nicht einmal das
„Können": von fubtiler Enge bis zur klobigen (Uud)t und monumentaler Geftaltung
vermochte er aller Farben und Formen reiche Regifter mit Gefclpck zu ziehen. Mit
Gefchick: da liegts. Er war zu erlernbar, zu forgenlos konnte fich der „moderne"
Akademiker ihm anvertrauen, glaubte feinen Stil zu haben und hatte den von Gau-
fenden. Sein einziger Vorzug den er aber nur im Vergleich mit dem Naturalismus
hatte, daß er Formen in etwa zerlöfte und Farben feßäumen ließ, gilt nichts vor den
Gefeiten großer Kunft, an denen gerade der Expreffionismus beweift, daß fie unab-
änderlich find.
Er ift es nämlich gar nicht, der wahrhafte Gefe^e zerftört, oder beffer: nicht befolgt
Es ift eine Irrlehre vieler Kritiker, fowol)l feiner Helfer wie feiner Befeinder, zu fagen,
die neue Kunft falle aus Rand und Band, fo etwas fei noch nie dagewefen. Nichts
Falfcheres und Bequemeres als diefe Schulmeiftermeinung! Nach wie vor gilt in der
Kunft kein anderes Gefet) als dies: Du follft fagen, was deine Seele fagt, die
außerhalb der Dinge und nur in dir ift! Und du follft arbeiten und Schmer-
zen haben und einfam fein, damit des Gages Krufte fich von deiner Seele
löfe und du erkenneft, was an ihr ift!
Eine andere Forderung kenne ich nicht. Und eine Nur-geit-Kunft, die ihr nicht diente,
mag ein vorläufiges Experiment gewefen fein, eine rein technifd) zu leiftende Vor-
Der Cicerone, X!U. Ja))rg., Fjeft 10
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jT**\er Impreffionismus war, das ift uns heutigen unwiderruflich klar, ein grandiofer
§ Verführer zu Farbe, Form, Fläche. Ein Sammler war er des Lichts und feiner
Reflexe, ein ficherlicl) großzügiger Nachfahr naturaliftifcher Schaukraft im beften
Falle; als folcher jedoch epigonal. In der Erwärmung häuslicher oder — was heute
dasfelbe ift —: kunftgewerblicher Gapeten. Ihn tötete lebten Endes die Seelenkälte
der nur fichtbaren (Uelt und fo ift fein nun bald befchloffenes Sd)ickfal dem des
Naturalismus durchaus gemäß und durchaus gerecht. Er verlief [ich in fiel) felbft und feine
Cheorien, fcl)on bevor er ein begehrter Handelsartikel geworden war. Heute ift er
als Verlegenheitsmittel einer im Grunde materialiftifchen Epoche entlarvt, ein Nieder-
gang alter Kunft und ein funkenlofes Meteor für die kommende, welche ift die gegen-
wärtige. Fordert man von einer Kunft Seele als tieffte, ja einzige Ingredienz, fo war
der Naturalismus bewußt unkünftlerifcß, weil er fat$ungsgemäß das nur äußerlich Ge-
fchaute genau (und deshalb unkünftlerifch!) wiedergab. Der Künftler war nur noch
wandelndes photograptpfches Objekt, fein Gehirn eine ebenfolche Platte, mit hoch-
empfindlicher Emulfionsfchicht bedeckt. Aber er gab fich auch nur als folcher; infofern
war er ehrlich- Der Impreffionift dagegen fand es „doch eigentlich ein wenig gemein",
fo zu denken und noch mehr, fo zu fchaffen. Er war aber an fiel) nicht viel mehr
als ein Naturalift im Cheatermantel einer neuen Gi)eorie; er war Naturalift nur mit dem
Unterfdped, daß er gewiffermaßen feinen geiftigen Schauapparat unfeharf einftellte
und die farbige Verfchwommenheit feiner Bilder künftlerifd) nannte, ln (Uirklichkeit
jedoch war er unwahrer als der Naturalift. Die Impreffioniften haben allerdings das
Kunftgewerbe enorm befruchtet und gefördert — der Gangofarbenraufd), noch in aller
Erinnerung, war nicht eine Folge diefes verpflanzten Ganzes, fondern eine folche der
impreffioniftifchen Gebärde jener ganzen geit, die noch fchneller als man fie erkannte,
verfloß, verflog.
(Uas dem Inprefßonismus fehlte, war nicht das Handwerk, ja noch nicht einmal das
„Können": von fubtiler Enge bis zur klobigen (Uud)t und monumentaler Geftaltung
vermochte er aller Farben und Formen reiche Regifter mit Gefclpck zu ziehen. Mit
Gefchick: da liegts. Er war zu erlernbar, zu forgenlos konnte fich der „moderne"
Akademiker ihm anvertrauen, glaubte feinen Stil zu haben und hatte den von Gau-
fenden. Sein einziger Vorzug den er aber nur im Vergleich mit dem Naturalismus
hatte, daß er Formen in etwa zerlöfte und Farben feßäumen ließ, gilt nichts vor den
Gefeiten großer Kunft, an denen gerade der Expreffionismus beweift, daß fie unab-
änderlich find.
Er ift es nämlich gar nicht, der wahrhafte Gefe^e zerftört, oder beffer: nicht befolgt
Es ift eine Irrlehre vieler Kritiker, fowol)l feiner Helfer wie feiner Befeinder, zu fagen,
die neue Kunft falle aus Rand und Band, fo etwas fei noch nie dagewefen. Nichts
Falfcheres und Bequemeres als diefe Schulmeiftermeinung! Nach wie vor gilt in der
Kunft kein anderes Gefet) als dies: Du follft fagen, was deine Seele fagt, die
außerhalb der Dinge und nur in dir ift! Und du follft arbeiten und Schmer-
zen haben und einfam fein, damit des Gages Krufte fich von deiner Seele
löfe und du erkenneft, was an ihr ift!
Eine andere Forderung kenne ich nicht. Und eine Nur-geit-Kunft, die ihr nicht diente,
mag ein vorläufiges Experiment gewefen fein, eine rein technifd) zu leiftende Vor-
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