Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921
Cite this page
Please cite this page by using the following URL/DOI:
https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0401
DOI issue:
Heft 13/14
DOI article:Kolle, Helmut: Henri Rousseau
DOI Page / Citation link:https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0401
?)enri Rou ffea u
Fo/z /VELAtUD ATOLLE
AizY /Y ytAYz/z/azzjf/z
HIo find fic, die über diefen vercßrungswürdigcn Greis lacßen, ftatt
zu bedauern, daß fie ißm nicht gleichen!
(Ußde.)
Tcß habe mir das viel leichter gedacht, als ich freudig einwilligte, etwas über den Fjenri
[ Rouffeau zu fchreiben. Denn einmal habe ich mir nicht klar gemacht, wie fcßwer es
eigentlich ift über das, was wir lieben, (Horte zu machen: Diefe Liebe in jene engen
Grenzen des Kunftwerks zu tun, das formale Geftalt verlangt, deretwillen wir nun fehr
vieles opfern müffen, von den kleinen ßübfcßen, aber unwefentlichen Sentiments. Und
dann habe ich jenen Augenblick lang ganz vergeffen, daß (Hilßelm Uhde ja ein fo
fchönes Buch über den Loten fchrieb — er, fein Freund, der für ihn gekämpft hat.
Ich glaube nicht, daß man Umfaffenderes und (Hefentlicßeres über die Bilder, das Leben
Rouffeaus fagen kann und ßnde leider kaum einen Standpunkt, der ein Supplement
ergäbe zu den vielfeitigen Betrachtungen in Ußdes Schrift.
Aber ich glaube, daß es dennoch Unrecht wäre, als einer der großen Liebßaber diefer
innigen Kunft deshalb darauf zu verzichten, diefe Liebe zum Kunftwerk zu ergeben und
anderen mehr zu geben als nur ein Bild unferer Liebe: den Einblick in jenen ge-
fchloffenen Kosmos, in den wir gezogen werden durch das (Herk diefes Großen.
Und vielleicht ift diefes auch möglich durch den, der felbft erft lange nach Rouffeaus
Lod deffen Bilder faß und liebte. Als einer, der auch erft, aus ißrer (Heit — dem
großen und doch fo kleinen Paris — entfernt, die Bilder des wahrhaften und kind-
lichen Greifes in Deutfcßland faß, indes die Kanonen an feinem Grabe drößnten.
So ift aueß diefes hier weder eine Abhandlung, noch von Neuigkeit. Es möchte nur
einer, der jung ift, über feine Liebe fpreeßen, die er zu einem Loten hat.
Und icß glaube auch, das Urteil einer Generation wird immer erft feine Beftätigung
ßnden in dem Bekenntnis der kommenden Jugend.
Das des (Hißelm Ußde und der feinigen über den Fjenri Rouffeau ßat die feine ge-
funden in der Inbrunft, mit der wir vor diefes (Herk getreten.
Denn die ßeiten haben fieß geändert über dem Grabe diefes Loten: wir wollen nicht
meßr die mit Ehrungen und Verdienften, allein vom kalten Verftande und feinem (Uiffen
gefcßmückte „Größe", die wir andäeßtig und geßorfam preifen.
Vielmehr fueßen wir fie in einem gütigen Menfcßentum, drängt es uns, ißr nahe-
zutreten und fie in ißrer Befcßeidenßeit zu feßen. (Hir wollen die Größe darin finden,
daß fie fieß mit diefem kleinen und bürgerlichen Leben befeßeidet, um fieß einzufügen
in das große Rad der (Heit mit einer feßönen Verantwortlicßkeit. Und wir wollen in
ißr das Beifpiel finden für ein vorbildlicßes Geßen auf den (Hegen irdifeßen Lebens.
Denn erft darin feßen wir das Kunftwerk, daß diefes mit dem Leben in jene Fjarmonie
gebraeßt werde, da beide das Maß voneinander ßaben und ineinander zu finden feien.
Das Kunftwerk ift nießt trennbar vom Cßarakter des Scßaffenden, Kunft berußt auf
Menfcßentum.
So treten wir Jungen vor das (Herk diefes längft Beftatteten, von dem wir ßören,
daß er ein großer Maler war, und fueßen in ißm einen, der fäßig ift unfer Füßrer zu
fein, zu dem wir füßlen können wie zu einem Vater.
In feinen Bildern treffen wir woßl die reießen Scßönßeiten farbigen Klangs, wie fie
die Lradition feiner Raffe ißn ßnden ließ. Und wir feßen aueß einen großen (Hillen
fieß betätigen, fäßig dem formalen Empßnden alles das zu opfern, was unwefentlicß
Der Cicerone, XU!. Jat)rg., Fjeft 13/14
33
371
Fo/z /VELAtUD ATOLLE
AizY /Y ytAYz/z/azzjf/z
HIo find fic, die über diefen vercßrungswürdigcn Greis lacßen, ftatt
zu bedauern, daß fie ißm nicht gleichen!
(Ußde.)
Tcß habe mir das viel leichter gedacht, als ich freudig einwilligte, etwas über den Fjenri
[ Rouffeau zu fchreiben. Denn einmal habe ich mir nicht klar gemacht, wie fcßwer es
eigentlich ift über das, was wir lieben, (Horte zu machen: Diefe Liebe in jene engen
Grenzen des Kunftwerks zu tun, das formale Geftalt verlangt, deretwillen wir nun fehr
vieles opfern müffen, von den kleinen ßübfcßen, aber unwefentlichen Sentiments. Und
dann habe ich jenen Augenblick lang ganz vergeffen, daß (Hilßelm Uhde ja ein fo
fchönes Buch über den Loten fchrieb — er, fein Freund, der für ihn gekämpft hat.
Ich glaube nicht, daß man Umfaffenderes und (Hefentlicßeres über die Bilder, das Leben
Rouffeaus fagen kann und ßnde leider kaum einen Standpunkt, der ein Supplement
ergäbe zu den vielfeitigen Betrachtungen in Ußdes Schrift.
Aber ich glaube, daß es dennoch Unrecht wäre, als einer der großen Liebßaber diefer
innigen Kunft deshalb darauf zu verzichten, diefe Liebe zum Kunftwerk zu ergeben und
anderen mehr zu geben als nur ein Bild unferer Liebe: den Einblick in jenen ge-
fchloffenen Kosmos, in den wir gezogen werden durch das (Herk diefes Großen.
Und vielleicht ift diefes auch möglich durch den, der felbft erft lange nach Rouffeaus
Lod deffen Bilder faß und liebte. Als einer, der auch erft, aus ißrer (Heit — dem
großen und doch fo kleinen Paris — entfernt, die Bilder des wahrhaften und kind-
lichen Greifes in Deutfcßland faß, indes die Kanonen an feinem Grabe drößnten.
So ift aueß diefes hier weder eine Abhandlung, noch von Neuigkeit. Es möchte nur
einer, der jung ift, über feine Liebe fpreeßen, die er zu einem Loten hat.
Und icß glaube auch, das Urteil einer Generation wird immer erft feine Beftätigung
ßnden in dem Bekenntnis der kommenden Jugend.
Das des (Hißelm Ußde und der feinigen über den Fjenri Rouffeau ßat die feine ge-
funden in der Inbrunft, mit der wir vor diefes (Herk getreten.
Denn die ßeiten haben fieß geändert über dem Grabe diefes Loten: wir wollen nicht
meßr die mit Ehrungen und Verdienften, allein vom kalten Verftande und feinem (Uiffen
gefcßmückte „Größe", die wir andäeßtig und geßorfam preifen.
Vielmehr fueßen wir fie in einem gütigen Menfcßentum, drängt es uns, ißr nahe-
zutreten und fie in ißrer Befcßeidenßeit zu feßen. (Hir wollen die Größe darin finden,
daß fie fieß mit diefem kleinen und bürgerlichen Leben befeßeidet, um fieß einzufügen
in das große Rad der (Heit mit einer feßönen Verantwortlicßkeit. Und wir wollen in
ißr das Beifpiel finden für ein vorbildlicßes Geßen auf den (Hegen irdifeßen Lebens.
Denn erft darin feßen wir das Kunftwerk, daß diefes mit dem Leben in jene Fjarmonie
gebraeßt werde, da beide das Maß voneinander ßaben und ineinander zu finden feien.
Das Kunftwerk ift nießt trennbar vom Cßarakter des Scßaffenden, Kunft berußt auf
Menfcßentum.
So treten wir Jungen vor das (Herk diefes längft Beftatteten, von dem wir ßören,
daß er ein großer Maler war, und fueßen in ißm einen, der fäßig ift unfer Füßrer zu
fein, zu dem wir füßlen können wie zu einem Vater.
In feinen Bildern treffen wir woßl die reießen Scßönßeiten farbigen Klangs, wie fie
die Lradition feiner Raffe ißn ßnden ließ. Und wir feßen aueß einen großen (Hillen
fieß betätigen, fäßig dem formalen Empßnden alles das zu opfern, was unwefentlicß
Der Cicerone, XU!. Jat)rg., Fjeft 13/14
33
371


