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Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921

DOI issue:
Heft 13/14
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Kunstpolitik
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0424

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Die ßeit und der Markt

Kunftp o 1 iti k
Amerikas Be[i^ anMeifter-
werken europäifd^er Kun[t
3u diefem Eßema fcßreibt der bekannte Pro-
feffor Martin, Direktor des Mauritsßuis im Haag,
aus New York: Muß es den Europäer aud) traurig
berühren, wenn ißm beim Befucß der prächtigen
ßiefigen Gaierien zum Bewußtfein kommt, wie
unfäglid) viei Kunftfd)ä^e im Laufe der lebten
20 Jahre nach Amerika binübergefcbafft worden
find, fo gewinnen, im Augenblick wenigftens, die
Freude und der Genuß foviel Schönheit wieder-
zufeben doch die Oberhand. Es drängt mich,
von diefem Erleben zu berichten und zu fagen,
welch gewaltige Emotion der Anblick der vielen
Rembrandts aus feinen lebten Jahren, der zahl-
reichen Vermeers, IJals, Israels und Maris in
mir wacbgerufen haben. Ich möchte fernerhin
denen behilflich fein, die nach Amerika reifen,
dort dies oder jenes Bild zu feben wünfcben,
aber nicht wiffen, wo es zu finden ift. Vor allem
gilt das für folcße Bilder, die aus berühmten
europäifcben Sammlungen ftammend, wie die
von Steengracbt, Rudolf und Maurice Kann,
Mrs. Jofeph, Ritter v. Preyer in (Hien, Oppen-
heim in Köln, (Heber in Hamburg, nun in ame-
rikanifcben Privatbefiß übergegangen find. Seit
fieben Jahren hat Dr. Bredius durch eine Serie
von Artikeln die Lefer des Nieuwe Rotterdamer
Courant auf dem Laufenden gehalten. Doch
darüber ift fcßon eine Spanne 3eit verftricben
und inzwifcßen manches neue Stück hinzuge-
kommen. Id) beabficbtige fpäterbin in einer
Facbzeitfcbrift ein diesbezügliches Verzeichnis zu
veröffentlichen, doch intereffiert es vielleicht fcbon
heute zu erfahren, daß z. B. von dem Delfter
Vermeer, außer dem Herrn und der Dame in
Querformat und der Dame mit Dienftmagd aus
der Kollektion Simon, noch der Soldat mit dem
lachenden Mädchen, ehemals bei Mrs. Jofeph
in London, der prachtvollen Frick-Sammlung in
New York einverleibt wurde. Der herrliche de
Fjoocb auf goldledernem Hintergrund, den wir
früher gleichfalls bei Mrs. Jofeph in London be-
wundern konnten, ift je§t Eigentum des raffi-
nierten Sammlers Leman, deffen erft feit zwölf
Jahren begehende Sammlung ficß durch enorme
Reichhaltigkeit auszeichnet. Hier fab ich neben
anderen auch die zwei köftlichen Eerborcßs wie-
der: Mann an einem Cifd) und Frau an einem
Stuhl ftebend, die jahrelang zum Beftand des
Rijksmufeums gehörten. Fernerhin zwei be-

rühmte Criptycßa von Gerard David aus der
Kollektion Rudolf Kann und fchließlich noch die
nicht minder berühmte Godeberta im Gold-
fcbmiedswinkel von Peter Cbriftus, von früßer-
ber aus der Galerie Oppenheim und der Brügge-
fcben Primitiven-Ausftellung bekannt. Bei Se-
nator Clark traf ich viele alte Bekannte wieder,
Barbizon-Meifterwerke und alte Holländer, aus
dem Befit$ des Ritters v. Preyer in (dien ftam-
mend, bei Frick fab ich den Polnifchen Reiter
von Rembrandt, den wundervollen F. Hals von
Maurice Kann und den berühmten fogenannten
c'e Ruyter von Hals, der einft auf der Haager
Porträtausfteliung prangte, als das Bild noch
englifcbes Eigentum war.
Auf die zahlreichen Gemälde, die Altmann und
Morgan dem Metropolitan-Mufeum vererbten,
Gemälde, die noch vor kurzer geit Europa an-
gehörten, brauche ich wohl kaum näher einzu-
gehen. Ift es doch allgemein bekannt, daß man
ficb hier nicht bloß am Anblick der Batbfeba
von Rembrandt erfreuen kann, fondern daß auch
derCitus, der Pilatus, derNägelabfcbneider ufw.
von Rembrandt (aus der R. Kann-Kollektion)
uns hier in ihrer ganzen fcbwindelerregenden
Schönheit und als eine lange, fürftlicbe Reihe
göttlicher Äußerungen entgegenleucbten.
Aud) den prächtigen Brouwer aus der Steen-
gracbt-Galerie, der auf der Auktion fold) mär-
chenhaften Preis erzielte, daß der Rembrandt-
Verein nicht daran denken konnte, ihn zu er-
werben, traf id) hier an. dod) muß ich erft
abwarten, ob der jetzige Beßrer des Meifter-
werkes geftattet, daß id) feinen Namen nenne.
(Held) ein gewaltiger Verluft für Europa; welch
ein unfagbarer Gewinn für Amerika! (Hie un-
geheuer ftark muß die (Hirkung diefer Kunft-
werke fein, daß fie ein fo überrafeßend großes
begehrliches Intereffe zu erwecken vermögen.
Das Herrlicbfte von allem was id) faß, war aber
Rembrandts königliches Selbftporträt, ehemals
dem Earl of Ilcßefter, dann der dem Staat ver-
erbten Galerie Frick gehörig. Markig und gigan-
tifcß wie ein Michelangelo ift das Bild von fo
gewaltiger Leuchtkraft, von folcß grandiofer
Pinfelfüßrung, daß einen bei diefem Anblick
(Honnefcßauer überriefeln und man wortlos und
ergriffen dafteßt.
(Hie konnte Europa ficb von diefem Meifter-
werke trennen! Hnd was wird es noch alles
ßergeben? (Uird Vermeers „Gäßcßen" wirklich
aueß geßen? (Hie traurig, wenn aud) dies ge-
feßeßen follte! 0 ja, Europa befi^t noch viel,
feßr viel fogar, vor allem in feinen Mufeen,

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