Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0461
DOI issue:
Heft 15/16
DOI article:Basler, Adolphe: Pariser Kunstschau
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Parifer Kunftfd)atl — Die lebten Ausheilungen
(Cezannes und Renoir / Derain / Die Holländer und Ingres /
Picaffo / Die Jungen / Utrillo, der „Guardi von Paris")
Af^Y 7 A6Y Von ADOLA/YE Aur/s
T"^\as abgelaufene Jaßr war reicß an künftlerifcßen Manifeftationen. Die beiden Re-
! trofpektiven Cezannes und Renoirs, in der Gaierie Bernßeim jeune und
bei Durand Ruei, gewährten uns wieder einmai Bewunderung des ftrengen,
faft tragifcßen Genies des Meifters von Aix und ßerzlicße Freude an dem wundervollen
Erlebniffe jener Kunft, mit der uns der Maler der glücklichsten Gefellfcßaftsklaffe jenes
aufgeklärten Bürgertums der dritten Republik verwöhnt ßat, die Renoir fein Leben hin-
durch) gemalt hatte. Keiner war wohl mit fo viel leidenfcßaftücßer Inbrunft Maler, wie
diefer von Siechtum gekrümmte Mann, dem Vollard jetzt einen Band widmet, der in
feiner Art allen Kunftfchriftftellern als Mufter gelten könnte L
Vollard hat die Klugheit, nur das mitzuteilen, was ihm der Meifter über Kunft und
Künftler enthüllt, und es wird gewiß von größtem Intereffe fein, gewiffe Stellen feines
Buches h'er wiederzugeben: „Es gibt Leute, die nur für das Neue fchwärmen" — fagt
Renoir — „ich dagegen liebe das Alte. Ich bebe die alten, fo heiteren Fresken — alte
Fayencen und die Patina alter Gewebe ... es ift kein leerer (Hahn um die Patina der
geit — der Nachdruck liegt wohl darauf, daß ein Kunftwerk auch diefe Patina ver-
trägt — denn nur die bedeutenden (Uerke vertragen fie." . . . oder weiter: „Fortfehritt
in der Malerei!" — etwas, was ich nicht zugebe. Es gibt da keinen Fortfehritt, weder
im Ideellen noch im Verfahren. Eines Cages wollte ich — feßen Sie — das Gelb meiner
Palette ändern — gut! — ich habe mich zehn Jahre darum umfonft gequält. Schließ-
lich ift die Palette der heutigen Maler diefelbe wie die der Pompejaner — wie die
Pouffins, Corots oder Cezannes: ich will fagen, fie ift nicht reicher geworden. Die
Alten benützten Erdfarben, Ocker, Beinfchwarz. Mit diefen läßt fiel) alles heraus-
bringen. Man hat wohl verfucht, einige andere Cöne hinzuzufügen; aber wie leicht
hätte man ebenfo darauf verzichten können! So habe ich Ihnen von der großen Ent-
deckung gefproeßen, die man zu machen geglaubt hat, als man Schwarz durch Blau
und Rot erfe^te. Doch wie weit entfernt ift diefe Mifcßung, die Feinheiten eines Bein-
fchwarz zu geben -- das im übrigen dem Maler die Mühe fpart, Mittag um 14 Uhr
zu fuchen. Mit einer befeßränkten Palette konnten die Alten ebenfogut wie die von
heute malen (man muß ja fcßließlicß höflich gegen feine geitgenoffen fein), aber das
fteht feft, was jene gemalt haben, ift doch folidere Malerei."
(Oenn ein Bonnard, deffen Aushebung bei Bernheim jeune unfere Bewunderung er-
regte, oder ein Matiffe die (Tradition Renoirs bedeuten, hat fiel) Derain ganz dem Kulte
Corots geweiht.
Alles deutet im übrigen darauf hm, daß Corot der Schutzpatron der heutigen Maler-
gemeinde wird. Ein (Uahrßeitsfanatismus macht fiel) überall in der Malerei geltend, und
man begrüßt mit Freude folcße Ausheilungen, die zu feßen übrigens ein wahres Glück
bedeutete, wie jene der ßolländi feßen Meifter. Diefe künftterifeße Offenbarung fiel
gleichzeitig mit der Ingres-Ausftellung zufammen — man war daßer um fo geneigter,
zwei wefensfremde Kunftarten einander gegenüberzuhalten.
* Ambroife Votiard: Renoir avec onze itiustrations bors Cexte dont, ßuit pßototypies (Paris,
Les Editions G.Cres et Cie. 192t).
431
(Cezannes und Renoir / Derain / Die Holländer und Ingres /
Picaffo / Die Jungen / Utrillo, der „Guardi von Paris")
Af^Y 7 A6Y Von ADOLA/YE Aur/s
T"^\as abgelaufene Jaßr war reicß an künftlerifcßen Manifeftationen. Die beiden Re-
! trofpektiven Cezannes und Renoirs, in der Gaierie Bernßeim jeune und
bei Durand Ruei, gewährten uns wieder einmai Bewunderung des ftrengen,
faft tragifcßen Genies des Meifters von Aix und ßerzlicße Freude an dem wundervollen
Erlebniffe jener Kunft, mit der uns der Maler der glücklichsten Gefellfcßaftsklaffe jenes
aufgeklärten Bürgertums der dritten Republik verwöhnt ßat, die Renoir fein Leben hin-
durch) gemalt hatte. Keiner war wohl mit fo viel leidenfcßaftücßer Inbrunft Maler, wie
diefer von Siechtum gekrümmte Mann, dem Vollard jetzt einen Band widmet, der in
feiner Art allen Kunftfchriftftellern als Mufter gelten könnte L
Vollard hat die Klugheit, nur das mitzuteilen, was ihm der Meifter über Kunft und
Künftler enthüllt, und es wird gewiß von größtem Intereffe fein, gewiffe Stellen feines
Buches h'er wiederzugeben: „Es gibt Leute, die nur für das Neue fchwärmen" — fagt
Renoir — „ich dagegen liebe das Alte. Ich bebe die alten, fo heiteren Fresken — alte
Fayencen und die Patina alter Gewebe ... es ift kein leerer (Hahn um die Patina der
geit — der Nachdruck liegt wohl darauf, daß ein Kunftwerk auch diefe Patina ver-
trägt — denn nur die bedeutenden (Uerke vertragen fie." . . . oder weiter: „Fortfehritt
in der Malerei!" — etwas, was ich nicht zugebe. Es gibt da keinen Fortfehritt, weder
im Ideellen noch im Verfahren. Eines Cages wollte ich — feßen Sie — das Gelb meiner
Palette ändern — gut! — ich habe mich zehn Jahre darum umfonft gequält. Schließ-
lich ift die Palette der heutigen Maler diefelbe wie die der Pompejaner — wie die
Pouffins, Corots oder Cezannes: ich will fagen, fie ift nicht reicher geworden. Die
Alten benützten Erdfarben, Ocker, Beinfchwarz. Mit diefen läßt fiel) alles heraus-
bringen. Man hat wohl verfucht, einige andere Cöne hinzuzufügen; aber wie leicht
hätte man ebenfo darauf verzichten können! So habe ich Ihnen von der großen Ent-
deckung gefproeßen, die man zu machen geglaubt hat, als man Schwarz durch Blau
und Rot erfe^te. Doch wie weit entfernt ift diefe Mifcßung, die Feinheiten eines Bein-
fchwarz zu geben -- das im übrigen dem Maler die Mühe fpart, Mittag um 14 Uhr
zu fuchen. Mit einer befeßränkten Palette konnten die Alten ebenfogut wie die von
heute malen (man muß ja fcßließlicß höflich gegen feine geitgenoffen fein), aber das
fteht feft, was jene gemalt haben, ift doch folidere Malerei."
(Oenn ein Bonnard, deffen Aushebung bei Bernheim jeune unfere Bewunderung er-
regte, oder ein Matiffe die (Tradition Renoirs bedeuten, hat fiel) Derain ganz dem Kulte
Corots geweiht.
Alles deutet im übrigen darauf hm, daß Corot der Schutzpatron der heutigen Maler-
gemeinde wird. Ein (Uahrßeitsfanatismus macht fiel) überall in der Malerei geltend, und
man begrüßt mit Freude folcße Ausheilungen, die zu feßen übrigens ein wahres Glück
bedeutete, wie jene der ßolländi feßen Meifter. Diefe künftterifeße Offenbarung fiel
gleichzeitig mit der Ingres-Ausftellung zufammen — man war daßer um fo geneigter,
zwei wefensfremde Kunftarten einander gegenüberzuhalten.
* Ambroife Votiard: Renoir avec onze itiustrations bors Cexte dont, ßuit pßototypies (Paris,
Les Editions G.Cres et Cie. 192t).
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