Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0584
DOI issue:
Heft 19
DOI article:Edschmid, Kasimir: Die Lage der Kunst
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Von MS/MM BDSCWM/ß
Die Lage der K u n ft
R /Fan darf fieß nießt täufeßen: für die Aufnahme derGegenwartskunft ift eine Ermattung
v i singetreten. Die Gründe find erkennbar und die Lage datier, wie alles Diagnofti-
zierbare, zuverficßtlicß. Man kann die Müdigkeitstendenz wie einen Kreis feft-
ftellen: foviel der Gründe find, fie liegen alle außen. Mit der Kunft felbft, mit dem
(Derk ßaben fie nießts zu tun. Man muß die Sacße gefüßlsmäßig, börfenßaft, politifcß
und menfeßließ faffen, dann bekommt man die Summe all jener Erregungen, die Fjauffe
oder Baiffe verurfaeßen, beftätigen oder töten — für den Augenblick. Denn weiter
ßat dies ganze gefcßäftige Drumßerum keine Dauer. Dem Kunftwerk maeßt es nießt
die Spur, ob eine 3eit oder aueß nur eine Mode es anerkennt oder abtut. Den
Sßakefpeare ßielten fie vor 150 Jaßren für eine Abnormität, Affyrifcßes war ißnen
kuriofe Spielerei. (Der Pouffin liebte, ßielt ftets Greco für einen Dilettanten. Liebßabern
des Raffael war Grünewald zum Speien. (Das um Goetße für klaffifeße Nafen feßwärmte,
degoutierte den Georg Bücßner. Einmal wendet die ßeit fieß gegen jeden. Aber keiner
geßt verloren und für jeden ift der Lag der Intßronifierung vorgemerkt.
Läufcßen wir uns aueß ßierin nießt: (Das man Kunft nennt, ift ein (Dirrwarr von
Mißverftändniffen und einiger Laufend, die ißr Gefcßäft damit treiben. (Das ßeute
gelobt und erledigt wird, was gewünfeßt, geraunt, geßaßt wird, ift die Leidenfcßaft
einer Börfe, deren (Derte fteigen und fallen, ftürzen und finken. Nießt meßr. Die
Intereffierten und die Fjgänen der Senfation maeßen den Aufwand und das Gefcßrei.
Irgendwo entfteßen nebenßer, abfeits, einige (Derke. Die ßaben mit den Kurfen, den
Leidenfcßaften, den Erörterungen nießts zu tun. Die tragen ißre (Derte in fieß. Dnd
die werden nießt im geringften davon berüßrt, ob die Ritter neuer Konjunkturen einen
Stil als am „Ende" bezeießnen oder aus gefeßiekt gefalteten Kuliffen meffianifeße
Sürprifen fteigen laffen. Denkt einer ßeute bei Fjeine, bei Gautßier, bei Manet, bei
Corot, bei 3ola, bei Grabbe, bei Goetßes Fauft, bei Böcklin, bei Signac, bei Gauguin,
bei Bernini daran, daß man ißnen ißre Scßule vorwarf und ißren Stil ermüdet vor die
Füße feßmiß? Dnd oßne Zweifel waren die 3eitgenoffen des Rubens und der Kölner
und des Van Egck bis zum Berften fatt, immer in diefer Manier bedient zu werden. Dnd
die taufend Scßüler des (Datteau mögen ißren ßeitgenoffen eine fureßtbarere Plage als
jenes endlofe Rebßüßnergericßt gewefen fein.
Einmal ift man eben diefe wie jede Sacße fatt. Kunft maeßt dabei weiß Gott keine
Ausnaßme. Man folgt einer Mode bis auf die Ißöße, dann verläßt man fie. Das ift
typifcß menfeßließ und der Kluge weiß damit zu reeßnen. Scßaden wird damit keiner
angerießtet. Denn die eigentlicßen (Derte, deren letzte Nacßprüfung ja nur der 3eit ge-
ßört, und die ßeute vorzuneßmen fieß keiner vermeffen darf, werden davon nießt be-
rüßrt. Dm das andere ift es nießt befonders feßade. Aber man darf nießt verlangen,
daß, naeßdem die Radrennbaßnen, die Eispaläfte, die patriotifeßen Gedicßte, die Reftau-
rants und die öffentlicßen Amüfierftätten „expreffioniftifcß" aufgemaeßt werden, das
arme und gläubige Volk dies immer noeß als die Ißöße der Senfation empfände und
naeß nießts als diefem ausgeßungert fei.
Im Gegenteil. Er ßat genug davon. Die neue Ricßtung der Kunft war rein äußerlicß
feßwer zu faffen und bedurfte einiger 3eit, um überßaupt ernft genommen zu werden.
Selten ift eine Kunft in Literatur, Lßeater, Malerei, Arcßitektur, Regie, Lanz, Plaftik,
Mußk von foviel Interpreten, mit folcßer Maeßt des Glaubens und des Apparats in die
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Die Lage der K u n ft
R /Fan darf fieß nießt täufeßen: für die Aufnahme derGegenwartskunft ift eine Ermattung
v i singetreten. Die Gründe find erkennbar und die Lage datier, wie alles Diagnofti-
zierbare, zuverficßtlicß. Man kann die Müdigkeitstendenz wie einen Kreis feft-
ftellen: foviel der Gründe find, fie liegen alle außen. Mit der Kunft felbft, mit dem
(Derk ßaben fie nießts zu tun. Man muß die Sacße gefüßlsmäßig, börfenßaft, politifcß
und menfeßließ faffen, dann bekommt man die Summe all jener Erregungen, die Fjauffe
oder Baiffe verurfaeßen, beftätigen oder töten — für den Augenblick. Denn weiter
ßat dies ganze gefcßäftige Drumßerum keine Dauer. Dem Kunftwerk maeßt es nießt
die Spur, ob eine 3eit oder aueß nur eine Mode es anerkennt oder abtut. Den
Sßakefpeare ßielten fie vor 150 Jaßren für eine Abnormität, Affyrifcßes war ißnen
kuriofe Spielerei. (Der Pouffin liebte, ßielt ftets Greco für einen Dilettanten. Liebßabern
des Raffael war Grünewald zum Speien. (Das um Goetße für klaffifeße Nafen feßwärmte,
degoutierte den Georg Bücßner. Einmal wendet die ßeit fieß gegen jeden. Aber keiner
geßt verloren und für jeden ift der Lag der Intßronifierung vorgemerkt.
Läufcßen wir uns aueß ßierin nießt: (Das man Kunft nennt, ift ein (Dirrwarr von
Mißverftändniffen und einiger Laufend, die ißr Gefcßäft damit treiben. (Das ßeute
gelobt und erledigt wird, was gewünfeßt, geraunt, geßaßt wird, ift die Leidenfcßaft
einer Börfe, deren (Derte fteigen und fallen, ftürzen und finken. Nießt meßr. Die
Intereffierten und die Fjgänen der Senfation maeßen den Aufwand und das Gefcßrei.
Irgendwo entfteßen nebenßer, abfeits, einige (Derke. Die ßaben mit den Kurfen, den
Leidenfcßaften, den Erörterungen nießts zu tun. Die tragen ißre (Derte in fieß. Dnd
die werden nießt im geringften davon berüßrt, ob die Ritter neuer Konjunkturen einen
Stil als am „Ende" bezeießnen oder aus gefeßiekt gefalteten Kuliffen meffianifeße
Sürprifen fteigen laffen. Denkt einer ßeute bei Fjeine, bei Gautßier, bei Manet, bei
Corot, bei 3ola, bei Grabbe, bei Goetßes Fauft, bei Böcklin, bei Signac, bei Gauguin,
bei Bernini daran, daß man ißnen ißre Scßule vorwarf und ißren Stil ermüdet vor die
Füße feßmiß? Dnd oßne Zweifel waren die 3eitgenoffen des Rubens und der Kölner
und des Van Egck bis zum Berften fatt, immer in diefer Manier bedient zu werden. Dnd
die taufend Scßüler des (Datteau mögen ißren ßeitgenoffen eine fureßtbarere Plage als
jenes endlofe Rebßüßnergericßt gewefen fein.
Einmal ift man eben diefe wie jede Sacße fatt. Kunft maeßt dabei weiß Gott keine
Ausnaßme. Man folgt einer Mode bis auf die Ißöße, dann verläßt man fie. Das ift
typifcß menfeßließ und der Kluge weiß damit zu reeßnen. Scßaden wird damit keiner
angerießtet. Denn die eigentlicßen (Derte, deren letzte Nacßprüfung ja nur der 3eit ge-
ßört, und die ßeute vorzuneßmen fieß keiner vermeffen darf, werden davon nießt be-
rüßrt. Dm das andere ift es nießt befonders feßade. Aber man darf nießt verlangen,
daß, naeßdem die Radrennbaßnen, die Eispaläfte, die patriotifeßen Gedicßte, die Reftau-
rants und die öffentlicßen Amüfierftätten „expreffioniftifcß" aufgemaeßt werden, das
arme und gläubige Volk dies immer noeß als die Ißöße der Senfation empfände und
naeß nießts als diefem ausgeßungert fei.
Im Gegenteil. Er ßat genug davon. Die neue Ricßtung der Kunft war rein äußerlicß
feßwer zu faffen und bedurfte einiger 3eit, um überßaupt ernft genommen zu werden.
Selten ift eine Kunft in Literatur, Lßeater, Malerei, Arcßitektur, Regie, Lanz, Plaftik,
Mußk von foviel Interpreten, mit folcßer Maeßt des Glaubens und des Apparats in die
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