Neue Graphik — Neue Bücher
fälligen und Geflickten ift ihnen zum größten
Ruhm anzurecßnen. Allzu viele Virtuofen jeg-
licher Richtung haben wir feit Jahrzehnten er-
lebt („fie konnten fchreiben rechts und fie konnten
fchreiben links", fagt Schmock von ihresgleichen),
die haben uns Sehnfucht erweckt nach der un-
gefchminkten Klarheit der Empfindung, nach
einem direkten und meinetwegen ungefchickten
(Hege der Darftellung. Darum wirkten Nolde
und die Maler von „Brücke" [o befreiend, weil
fie den Kleg zu natürlicher Offenheit aus der
Überkultur der Conmalerei fanden; und alles
wahre und bleibende Verdienft der jüngften
deutfchen Kunft wird man unweigerlich da zu
fuchen haben, wo eine ftarke Empfindung fich
am unmittelbarften, am ungelenkeften ausfpricht.
Je weiter von franzöfifcher Malkultur entfernt,
defto deutfcber und künftlerifch eigenwilliger,
dejto wertvoller wird die Art der inDeutfchland
entftandenen Kunftwerke empfunden werden.
Otto Dix, der um 1912 mit einem ausdrucks-
ftarken Impreffionismus begann, hat feinen eigent-
lichen Kleg erft nach den Kriegsjahren gefunden.
Die Radierungen ftammen fämtlich aus den lebten
Jahren und bilden einen der überzeugendften
Belege zu dem oben Gejagten: daß es der
deutfchen Kunft heute mehr denn je auf die Ent-
fchiedenheit der Gefinnung, auf die brutale Un-
mittelbarkeit der Ausfage, auf ein Bekenntnis
zur möglichften Einfachheit der Form ankommt.
Kubismus und Expreffionismus, durch die auch
Dix h'ndurchgegangen ift, find hier ebenforeftlos
überwunden wie der Impreffionismus, und es
bleibt am Ende: kein Ismus, aber das Bekenntnis
zu eigener Anfchauung der Kielt und eine rück-
fichtslofe Klahrheit der Darftellungsmittel. Dix
ift in diefer neuen deutfchen Form der fachbe-
zeichnenden Linie führend neben G. Grosz und
gehört zu unferen ftärkften Hoffnungen, weil er
vielleicht die reichften Mögiichkeiten in Form
und erfindender Phantafie befi^t.
EineungewöhnlicheEhrlichkeit gegenüber allen
Eindrücken der Umwelt zeichnet feine Kunft aus.
Er geht an keiner Erfcheinung vorüber, fo gräß-
lich und unwillkommen fie fei. wenn fie ihm künft-
lerifche Ausbeute verfpricht. Die graufamen
Folgen des Krieges in Geftalt von Krüppeln aller
Art, das foziale Elend der Armften und der
Dirnen, die Brutalität des Gewerbes und die Arm-
feligkeit des Spießers, ja das vergiftete Seelen-
leben des Syphilitikers und die Hölle des Luft-
mordes ftehen ihm fo nahe, wie anderen Künjt-
lern die „Schönheit" oder die „Ekftafe". Ihm ift
die Kielt kein Luftgarten und kein Cal der Er-
regungen, aber auch kein Anlaß zu grimmigem
Hohn und fozialer Empörung, wie für George
Grosz: gerade das unterfcheidet ihn am meiften
von diefem größten Satiriker undßeichner unferer
3eit, daß er die Dinge objektiv betrachtet und
mit der Ruhe des Unbeteiligten darzuftellen
febeint. Unfere Kunft ift längft nicht mehr gleich-
gültig gegenüber ihrem Stoff. Aber es ift eine
andere Stofflichkeit als die des Genrebildes und
des Arme-Leute-Chriftus. Das Leben felber mit
feinen wenig angenehmen Errungenfchaften tritt
als Spieler auf, und die Fortlaffung alles Un-
wichtigen, die Formulierung des Klefentlichen im
Eindruck durch eine ftarre rückfichtslofe Linie,
durch hartes Aneinandergrenzen von Flächen,
durch gefteigerte Sachlichkeit in allen ßutaten
undCharakteriftiken: das ift die Form, in welche
Dix die Dinge nötigt. Paul F. Schmidt.
Aizzx Buc/zerer zzzzz/ /vz/z B/zIo/z/rz, Der
Orz'gzzzzz7-Do7zsc7znz77. Ver/zzgBrzzs7 7?czzz-
/zzzrz/7, Afzzzzc/zezz. Zivez/e, verzzze/zr/f zzzzz/ zzzzz-
gfzzr/zez/e/e Azz//zzge.
Handbücher in der Art des vorliegenden find
nützliche Hüfswerke für den Sammler wie für
den bildenden Künftler. Leider gibt es deren
zu wenige (z. B. noch kein ausreichendes über
die Lithographie). Es ift für den Sammler oft
wichtiger, das Kiefen des Kunftwerkes und vor
allem die technifchen Bedingtheiten zu kennen
als hiftorifche3ufammenhänge zu wiffen, über die
fchließlicb jedes Nachfchlagewerk Auskunft geben
kann. Die technifche Erkenntnis aber fchult das
Qualitätsgefühl. Eine wie wichtige Lücke das
vorliegende Buch ausfüilt, zeigte fchon die Cat-
fache, daß die erfte Auflage, kurz vor Kriegs-
ausbruch erfchienen, bald vergriffen war und
das lange Fehlen des Klerkes fchmerzlich ver-
mißt wurde. Die neue Auflage, die um wich-
tiges Material vermehrt wurde, fei daher beftens
empfohlen. Das gute Abbildungsmaterial erhöht
den Klert des auch fonft gediegen ausgeftatteten
und gut gedruckten Buches. K. S.
Neue Bücher
Neue Kunftliteratur
!. FjoHändifdje KunftgefdjicHte
/?<?zrz/?z*rzzzz//s Dzzzzz/zezc/zzzzzzzgezz. Derzzzzsge-
ge/zezz vozz Mzzr/ Brezse, Mzzr/ Lz/zen/e/z/,
De z zz z*z c /z Wz c /z zn zz zz zz. 7. Bzzzzz/Bz/Tes/ve zz/z?zz-
/ifzz/zzzzz?/ zzz Azzzs/erz/zzzzz. Zwez/e zzzzz/ zzerzzze/zr/e
Azz/Yzzge. 792/. Derzzzzzzzzz Brezse, Ver/zzg.
Pzzrzr/zzzzz z. M.
Die beiden erften Bände diefes groß angelegten
Sammelunternehmens, das nach und nach die
gefamten Rembrandtzeichnungen in den Kabi-
netten Europas edieren foll, erfchienen bereits
695
fälligen und Geflickten ift ihnen zum größten
Ruhm anzurecßnen. Allzu viele Virtuofen jeg-
licher Richtung haben wir feit Jahrzehnten er-
lebt („fie konnten fchreiben rechts und fie konnten
fchreiben links", fagt Schmock von ihresgleichen),
die haben uns Sehnfucht erweckt nach der un-
gefchminkten Klarheit der Empfindung, nach
einem direkten und meinetwegen ungefchickten
(Hege der Darftellung. Darum wirkten Nolde
und die Maler von „Brücke" [o befreiend, weil
fie den Kleg zu natürlicher Offenheit aus der
Überkultur der Conmalerei fanden; und alles
wahre und bleibende Verdienft der jüngften
deutfchen Kunft wird man unweigerlich da zu
fuchen haben, wo eine ftarke Empfindung fich
am unmittelbarften, am ungelenkeften ausfpricht.
Je weiter von franzöfifcher Malkultur entfernt,
defto deutfcber und künftlerifch eigenwilliger,
dejto wertvoller wird die Art der inDeutfchland
entftandenen Kunftwerke empfunden werden.
Otto Dix, der um 1912 mit einem ausdrucks-
ftarken Impreffionismus begann, hat feinen eigent-
lichen Kleg erft nach den Kriegsjahren gefunden.
Die Radierungen ftammen fämtlich aus den lebten
Jahren und bilden einen der überzeugendften
Belege zu dem oben Gejagten: daß es der
deutfchen Kunft heute mehr denn je auf die Ent-
fchiedenheit der Gefinnung, auf die brutale Un-
mittelbarkeit der Ausfage, auf ein Bekenntnis
zur möglichften Einfachheit der Form ankommt.
Kubismus und Expreffionismus, durch die auch
Dix h'ndurchgegangen ift, find hier ebenforeftlos
überwunden wie der Impreffionismus, und es
bleibt am Ende: kein Ismus, aber das Bekenntnis
zu eigener Anfchauung der Kielt und eine rück-
fichtslofe Klahrheit der Darftellungsmittel. Dix
ift in diefer neuen deutfchen Form der fachbe-
zeichnenden Linie führend neben G. Grosz und
gehört zu unferen ftärkften Hoffnungen, weil er
vielleicht die reichften Mögiichkeiten in Form
und erfindender Phantafie befi^t.
EineungewöhnlicheEhrlichkeit gegenüber allen
Eindrücken der Umwelt zeichnet feine Kunft aus.
Er geht an keiner Erfcheinung vorüber, fo gräß-
lich und unwillkommen fie fei. wenn fie ihm künft-
lerifche Ausbeute verfpricht. Die graufamen
Folgen des Krieges in Geftalt von Krüppeln aller
Art, das foziale Elend der Armften und der
Dirnen, die Brutalität des Gewerbes und die Arm-
feligkeit des Spießers, ja das vergiftete Seelen-
leben des Syphilitikers und die Hölle des Luft-
mordes ftehen ihm fo nahe, wie anderen Künjt-
lern die „Schönheit" oder die „Ekftafe". Ihm ift
die Kielt kein Luftgarten und kein Cal der Er-
regungen, aber auch kein Anlaß zu grimmigem
Hohn und fozialer Empörung, wie für George
Grosz: gerade das unterfcheidet ihn am meiften
von diefem größten Satiriker undßeichner unferer
3eit, daß er die Dinge objektiv betrachtet und
mit der Ruhe des Unbeteiligten darzuftellen
febeint. Unfere Kunft ift längft nicht mehr gleich-
gültig gegenüber ihrem Stoff. Aber es ift eine
andere Stofflichkeit als die des Genrebildes und
des Arme-Leute-Chriftus. Das Leben felber mit
feinen wenig angenehmen Errungenfchaften tritt
als Spieler auf, und die Fortlaffung alles Un-
wichtigen, die Formulierung des Klefentlichen im
Eindruck durch eine ftarre rückfichtslofe Linie,
durch hartes Aneinandergrenzen von Flächen,
durch gefteigerte Sachlichkeit in allen ßutaten
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nützliche Hüfswerke für den Sammler wie für
den bildenden Künftler. Leider gibt es deren
zu wenige (z. B. noch kein ausreichendes über
die Lithographie). Es ift für den Sammler oft
wichtiger, das Kiefen des Kunftwerkes und vor
allem die technifchen Bedingtheiten zu kennen
als hiftorifche3ufammenhänge zu wiffen, über die
fchließlicb jedes Nachfchlagewerk Auskunft geben
kann. Die technifche Erkenntnis aber fchult das
Qualitätsgefühl. Eine wie wichtige Lücke das
vorliegende Buch ausfüilt, zeigte fchon die Cat-
fache, daß die erfte Auflage, kurz vor Kriegs-
ausbruch erfchienen, bald vergriffen war und
das lange Fehlen des Klerkes fchmerzlich ver-
mißt wurde. Die neue Auflage, die um wich-
tiges Material vermehrt wurde, fei daher beftens
empfohlen. Das gute Abbildungsmaterial erhöht
den Klert des auch fonft gediegen ausgeftatteten
und gut gedruckten Buches. K. S.
Neue Bücher
Neue Kunftliteratur
!. FjoHändifdje KunftgefdjicHte
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Sammelunternehmens, das nach und nach die
gefamten Rembrandtzeichnungen in den Kabi-
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