Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 13.1921
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https://doi.org/10.11588/diglit.27278#0739
DOI issue:
Heft 24
DOI article:Tügel, Ludwig: Carl Emil Uphoff
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Carl Emil 0 p ß o f f
Vo/; LGDIV/G AGGEL
Mü /0
pßoff malt Blumen, Knofpen, heute aufgefprungen vor [einem Auge, fcßon gefeßen
in ißrcr Vergänglichkeit, zwifd)en Geburt und Eod in malendes Leben gedrängt,
Erlebnis geworden. Und man aßnt die Sonne, Regen, Luft und Erde, vielleicht
auct) ein Beet, einen Blumentopf, und die feinen Adern und Äderchen, die Farben
wurden aus einem Gefeß, das auch Form und Linie beftimmt. Nah find Blumen an
das Geheimnis gedrängt, das alles umpfängt, auch ihn, der lebt, um fiel) leben zu
wollen, der ürfprung, Quelle erfragt und fucht, wie Indras Eocßter der Menfcßen Leid.
Es befagt nichts, daß jemand Blumen malt. Jeder tat das, jeder tut das einmal.
Aber daß Uphoff Jahre hindurch unaufhörlich Blumen malte, immer verwirrender wer-
dend durch Beziehungen zu Erde und Sonne, immer raftlofer fie in Maffen zufammen-
drängend, aufhäufend [ie auf Boden, Eifcßen und Vafen, um aus Gefamtheiten Einzelne
zu formen zu dem trunkenen Falterleben ihrer (üefenßeit, fo duftend werdend, daß
Fjeerbanner und Scharlachflaggen darin ertrinken, wie Soldaten auf Kriegsurlaub in der
Spanne goldener geit, das ift Kern wie Sinn diefer Bilder, die zu Mcnfcßenbildniffen
hinfluten und den Schlüffel zum Rätfel in fieß tragen, das auf allen feinen Bildern liegt.
Er malt Frauen. Es find zerflatterte Blumen, unglücklich darüber, daß ißnen gegeben
wurde, lange zu leben, um lange zu welken. Linienzartheit und Blütenftaub wurde
hier dauerndes Gefeß. Die Disharmonie keimt als Seele, gwiefpältigkeit, wie nur
Männer fie in fich tragen mit blauen Knabenwünfchen, die niemals fterben. Alter weint,
vielleicht, Dränen hinein, geießnet diefes häßlich feßarfe oder in Bitterkeit verfeßwim-
mende Profil, gwifeßen Ideal und (üirklicßkeit tobt unauslöfchbarer (Uunfcß und Dürft:
Leben des Geiftes, ohne Gefeßmäßigkeit der Erde. Kampf gegen Form, nicht um oder
für die Form. Die Grenzen fprengte Ich im Dürft feiner Vollendung, in Anerkennung
feiner Schwäche, dem Bewußtfein des Reichtums, der fich befiehlt, Berge zu verfeßen
im Morgenblau unausgewirkten Lebens.
Stilleben entfteßen: Früchte der Erde. Schlicht und lakonifcß in ihrer Präzifion. Sie
find abgeriffen von der (Uelt, ihr gufammenßang mit dem Leben der Erde ift zerftört.
Selbft im reifften Apfel ift mehr Fjimmelsreflex als Erdfaft. Deutlicher als bei allen
anderen Darftellungen fällt hier die Nacktheit der (üelt auf, und die irdenen Gefäße,
Schalen und Kannen tragen deutlicher als alle Gegenftände geießen der Schönheit über
denen der gweckmäßigkeit. Etwas ift diefen Früchten eigen wie Blumen die geitlicß-
keit: fie find rein. Man ahnt oder fühlt die Durchsichtigkeit ihres Fleifches. Man fpürt
ßellfprißenden Saft, der hier auf weißen Laken rußt, oder von faltigen Linnen wie auf
fänden, die nicht befeßmußen, dargeboten wird. Diefe Eigenwilligkeit ift weder gufall
noeß Bedingung entfprungen, ift (Uille vielmehr und Bedürfnis, (üas an Unmöglichkeit
reießt, nießt Dingen neue Namen und Farben zu geben, fondern (Handlung ißres (üefens
zu geftalten, neuen, den eigenen, Lebensodem ißnen einzußaueßen, ürgefeßießte ma-
chend, kann hier als Abficßt erkannt, als kosmifeße Ungeheuerlichkeit verkannt, und als
nur von feiner Perfon zu verantwortende Scßaffensluft, die keine Pflicht ift, benannt
werden.
Diefer gug fremden, das heißt: perfönlicßen Lebens geßt durch alle Bilder üpßoffs.
Am ftärkften und reinften ausgeprägt in feinen biblifcßen Eßemata. Eine Miffion foll
erfüllt werden. Bilder find Glaubensbekenntniffe zu Berufung, Predigt und Gottesdienft.
Das große Abendmahl von 1916. An diefem Bilde eine Auseinanderfeßung.
Der Cicerone, XiU. )a))rg., Qeft 24 58 705
Vo/; LGDIV/G AGGEL
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pßoff malt Blumen, Knofpen, heute aufgefprungen vor [einem Auge, fcßon gefeßen
in ißrcr Vergänglichkeit, zwifd)en Geburt und Eod in malendes Leben gedrängt,
Erlebnis geworden. Und man aßnt die Sonne, Regen, Luft und Erde, vielleicht
auct) ein Beet, einen Blumentopf, und die feinen Adern und Äderchen, die Farben
wurden aus einem Gefeß, das auch Form und Linie beftimmt. Nah find Blumen an
das Geheimnis gedrängt, das alles umpfängt, auch ihn, der lebt, um fiel) leben zu
wollen, der ürfprung, Quelle erfragt und fucht, wie Indras Eocßter der Menfcßen Leid.
Es befagt nichts, daß jemand Blumen malt. Jeder tat das, jeder tut das einmal.
Aber daß Uphoff Jahre hindurch unaufhörlich Blumen malte, immer verwirrender wer-
dend durch Beziehungen zu Erde und Sonne, immer raftlofer fie in Maffen zufammen-
drängend, aufhäufend [ie auf Boden, Eifcßen und Vafen, um aus Gefamtheiten Einzelne
zu formen zu dem trunkenen Falterleben ihrer (üefenßeit, fo duftend werdend, daß
Fjeerbanner und Scharlachflaggen darin ertrinken, wie Soldaten auf Kriegsurlaub in der
Spanne goldener geit, das ift Kern wie Sinn diefer Bilder, die zu Mcnfcßenbildniffen
hinfluten und den Schlüffel zum Rätfel in fieß tragen, das auf allen feinen Bildern liegt.
Er malt Frauen. Es find zerflatterte Blumen, unglücklich darüber, daß ißnen gegeben
wurde, lange zu leben, um lange zu welken. Linienzartheit und Blütenftaub wurde
hier dauerndes Gefeß. Die Disharmonie keimt als Seele, gwiefpältigkeit, wie nur
Männer fie in fich tragen mit blauen Knabenwünfchen, die niemals fterben. Alter weint,
vielleicht, Dränen hinein, geießnet diefes häßlich feßarfe oder in Bitterkeit verfeßwim-
mende Profil, gwifeßen Ideal und (üirklicßkeit tobt unauslöfchbarer (Uunfcß und Dürft:
Leben des Geiftes, ohne Gefeßmäßigkeit der Erde. Kampf gegen Form, nicht um oder
für die Form. Die Grenzen fprengte Ich im Dürft feiner Vollendung, in Anerkennung
feiner Schwäche, dem Bewußtfein des Reichtums, der fich befiehlt, Berge zu verfeßen
im Morgenblau unausgewirkten Lebens.
Stilleben entfteßen: Früchte der Erde. Schlicht und lakonifcß in ihrer Präzifion. Sie
find abgeriffen von der (Uelt, ihr gufammenßang mit dem Leben der Erde ift zerftört.
Selbft im reifften Apfel ift mehr Fjimmelsreflex als Erdfaft. Deutlicher als bei allen
anderen Darftellungen fällt hier die Nacktheit der (üelt auf, und die irdenen Gefäße,
Schalen und Kannen tragen deutlicher als alle Gegenftände geießen der Schönheit über
denen der gweckmäßigkeit. Etwas ift diefen Früchten eigen wie Blumen die geitlicß-
keit: fie find rein. Man ahnt oder fühlt die Durchsichtigkeit ihres Fleifches. Man fpürt
ßellfprißenden Saft, der hier auf weißen Laken rußt, oder von faltigen Linnen wie auf
fänden, die nicht befeßmußen, dargeboten wird. Diefe Eigenwilligkeit ift weder gufall
noeß Bedingung entfprungen, ift (Uille vielmehr und Bedürfnis, (üas an Unmöglichkeit
reießt, nießt Dingen neue Namen und Farben zu geben, fondern (Handlung ißres (üefens
zu geftalten, neuen, den eigenen, Lebensodem ißnen einzußaueßen, ürgefeßießte ma-
chend, kann hier als Abficßt erkannt, als kosmifeße Ungeheuerlichkeit verkannt, und als
nur von feiner Perfon zu verantwortende Scßaffensluft, die keine Pflicht ift, benannt
werden.
Diefer gug fremden, das heißt: perfönlicßen Lebens geßt durch alle Bilder üpßoffs.
Am ftärkften und reinften ausgeprägt in feinen biblifcßen Eßemata. Eine Miffion foll
erfüllt werden. Bilder find Glaubensbekenntniffe zu Berufung, Predigt und Gottesdienft.
Das große Abendmahl von 1916. An diefem Bilde eine Auseinanderfeßung.
Der Cicerone, XiU. )a))rg., Qeft 24 58 705


