Die ßeit und der Markt
Kunftp o liti k
Beteuerung des deut[d)en
K u n [t b e ]*i ^ e s
(Hie dem Schreiber diefer geilen leider erft
je^t bekannt wird, bereitet die Reicbsregierung
eine Gefehesvorlage vor, welche die Beteuerung
des deutfeben Kunftbefißes ausfpriebt, fowohl
Regierung wie Reichsrat bereits pariert bat und
gegenwärtig dem Reichstag zur Beratung vorliegt.
Die Beftimmung ift enthalten in § 10 Nr. 7 des
Vermögensfteuergefeßes. Der Steuertarif, nach
dem die Abgaben erhoben werden follen, ver-
langt bei größeren Vermögen, welche die Be-
ßrer von folchen Kunftfammlungen durchweg
haben dürften, eine jährliche Abgabe bis zu 1%
des Klertes, wozu in den nächften 15 Jahren als
Erfat; für den nicht erhobenen Geil des Reichs-
notopfers ein gufebiag kommt, der ficb nad) den
Vorfchlägen der Reichsregierung auf 300<%, nach
den Vorfchlägen des Reichsrates auf 200*% be-
läuft. Danach wird alfo in den nächften 15Jabren
von den Kunftfammlungen möglicherweife eine
jährliche Abgabe bis zu 4% des (Uertes erhoben,
d. h- eia Steuerbetrag von einer Fjöbe, der die
Beßrer durchweg zurVeräußerung zwingen würde
und inländifcße Käufer vom Verkaufe ausfcßließt.
(Henn diefe Gefehesvorlage durchgehen follte,
ftehen wirvor einer fo ungebeuerlicbftenGatfacbe,
daß man zur Erklärung nur annehmen kann, daß
die in Frage kommenden Inftanzen die Folgen
keineswegs bedacht haben, die fiel) aus einer
folchen Belaftung des privaten Kunftbefi^es fo-
wohl für das deutfebe Sammelwefen als auch
für die lebendige feböpferifebe Kunft und nicht
zuletzt auch für den Kunfthandel ergeben, der
einfach erdroffelt wird, wenn es ihm nicht ge-
lingt, eine traurige Vermittlerrolle beim Verkauf
deutfeben Kunftgutes nach dem Ausland hin zu
übernehmen. Denn darüber kann doch kein 3 weifel
fein, daß viele unferer beften Sammler bei der
an ßcb febon ungeheuren Belaftung durch Steuer-
abgaben lieber die Veräußerung ihres Beßres
einer dauernden Befteuerung eines bis zu einem
gewiffen Grade doch unproduktiven Kapitals,
wie es ein Kunftwerk darftellt, vorziehen werden.
Aber felbft wenn es Fälle gäbe, wo ein wirklich
kunftfreudiger Idealift auch folcbe Abgaben an
das Reich zu leiften bereit wäre, fo ftebt doch
außer 3weifel, daß die Luft am Erwerb von
Kunftwerken durch eine derartige Form der Be-
fteuerung vollkommen erdroffelt wird. Nichtzu-
let;t find auch die lebenden Künftler die Leid-
tragenden, weil in der Folge fo leicht niemand
bereit fein dürfte, moderne Kunft zu erwerben,
wenn er über den Kaufpreis hinaus damit die
Pßicbt übernimmt, dauernd Abgaben zu leiften.
Die ganze Vorlage ift in ihren Vorausfe^ungen
fo völlig verkehrt, in den notwendigen Folge-
rungen, die fie auswirken müßte, fo ungeheuerlich,
daß es böcbfte geit wird, öffentlich dagegen
Stellung zu nehmen und alle diejenigen zu einem
gefchloffenen Proteft zufammenzufebüeßen, die
an der Erhaltung deutfeben Kunftbeßbes ein
ftärkeres Intereffe befißen, als es einer bureau-
kratifchenGefe^emacherei offenbar innewohnt. B.
Sammlungen
Die Neuordnung der Akademie in
Venedig
Die Akademie in Venedig ift in ihrer Neuord-
nung fchon ziemlich vorgefchritten; da jedoch
ein Geil der Räume wegen Umbaus gefchloffen
bleibt, macht einiges proviforifeben Eindruck,
ln fieben Sälen feben wir, etwas gehäuft mit
den lebten Erwerbungen vereinigt, auch einen
Geil der aus Glien übernommenen Klerke. Im
ganzen macht indes die Sammlung unter der
trefflichen Leitung GinoFogolaris einen guten
Eindruck.- Im Eingangsfaal wurden auch einige
Neuerwerbungen ausgeftelit; darunter ein lebens-
großes Bildnis des Dogen Francesco Frizzo,
von Prete Genovefe gemalt. Der Doge blickt,
reich bekleidet, mit prächtig gemalter FJand, den
Befcbauer an. Glas dte hart ausgeführten Ge-
fichtszüge betrifft, zählt wohl diefes Glerk nicht
zu den beften diefes 1630 nach Venedig geflüch-
teten Mönches. — Eine der b'ßorifcb wichtigften
Erwerbungen ift jedoch Jacopo Bellinis Ma-
donnenbild. Die neuerworbene Madonna er-
innert an die „Madonna mit Kind", ebenfalls
in der Akademie Venedigs, wie auch an jene im
Louvre und den Florentiner Uffizien. Mit fromm
gefenktem Blick, länglicher zarter Nafe, die Ge-
ftalt in breiten gotifchen Faltenwurf gehüllt, tritt
fie uns entgegen. Das Bambino ift lebendig auf-
gefaßt, doch ßnd Fjände und Füßchen febr be-
febädigt, nur das runde Geficbt ift ziemlich gut
erhalten. Im übrigen ift auch der Madonnenkopf
febr mitgenommen und durch alte Reftaurierung
halb verputzt. — 3iemlich langweilig und ma-
nieriert find die zwei Bilder blblifchen Inhalts
des Neapolitaners Solimena, dem zwar ein
gewiffer dekorativ-pbantaftifeber gug nicht ab-
zufprechen ift. Unter den Neuerwerbungen ift
noch ein Skizzenbuch zu nennen, beftebend aus
Der Cicerone, XIH. Jat)rg., Qeft 24
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Beteuerung des deut[d)en
K u n [t b e ]*i ^ e s
(Hie dem Schreiber diefer geilen leider erft
je^t bekannt wird, bereitet die Reicbsregierung
eine Gefehesvorlage vor, welche die Beteuerung
des deutfeben Kunftbefißes ausfpriebt, fowohl
Regierung wie Reichsrat bereits pariert bat und
gegenwärtig dem Reichstag zur Beratung vorliegt.
Die Beftimmung ift enthalten in § 10 Nr. 7 des
Vermögensfteuergefeßes. Der Steuertarif, nach
dem die Abgaben erhoben werden follen, ver-
langt bei größeren Vermögen, welche die Be-
ßrer von folchen Kunftfammlungen durchweg
haben dürften, eine jährliche Abgabe bis zu 1%
des Klertes, wozu in den nächften 15 Jahren als
Erfat; für den nicht erhobenen Geil des Reichs-
notopfers ein gufebiag kommt, der ficb nad) den
Vorfchlägen der Reichsregierung auf 300<%, nach
den Vorfchlägen des Reichsrates auf 200*% be-
läuft. Danach wird alfo in den nächften 15Jabren
von den Kunftfammlungen möglicherweife eine
jährliche Abgabe bis zu 4% des (Uertes erhoben,
d. h- eia Steuerbetrag von einer Fjöbe, der die
Beßrer durchweg zurVeräußerung zwingen würde
und inländifcße Käufer vom Verkaufe ausfcßließt.
(Henn diefe Gefehesvorlage durchgehen follte,
ftehen wirvor einer fo ungebeuerlicbftenGatfacbe,
daß man zur Erklärung nur annehmen kann, daß
die in Frage kommenden Inftanzen die Folgen
keineswegs bedacht haben, die fiel) aus einer
folchen Belaftung des privaten Kunftbefi^es fo-
wohl für das deutfebe Sammelwefen als auch
für die lebendige feböpferifebe Kunft und nicht
zuletzt auch für den Kunfthandel ergeben, der
einfach erdroffelt wird, wenn es ihm nicht ge-
lingt, eine traurige Vermittlerrolle beim Verkauf
deutfeben Kunftgutes nach dem Ausland hin zu
übernehmen. Denn darüber kann doch kein 3 weifel
fein, daß viele unferer beften Sammler bei der
an ßcb febon ungeheuren Belaftung durch Steuer-
abgaben lieber die Veräußerung ihres Beßres
einer dauernden Befteuerung eines bis zu einem
gewiffen Grade doch unproduktiven Kapitals,
wie es ein Kunftwerk darftellt, vorziehen werden.
Aber felbft wenn es Fälle gäbe, wo ein wirklich
kunftfreudiger Idealift auch folcbe Abgaben an
das Reich zu leiften bereit wäre, fo ftebt doch
außer 3weifel, daß die Luft am Erwerb von
Kunftwerken durch eine derartige Form der Be-
fteuerung vollkommen erdroffelt wird. Nichtzu-
let;t find auch die lebenden Künftler die Leid-
tragenden, weil in der Folge fo leicht niemand
bereit fein dürfte, moderne Kunft zu erwerben,
wenn er über den Kaufpreis hinaus damit die
Pßicbt übernimmt, dauernd Abgaben zu leiften.
Die ganze Vorlage ift in ihren Vorausfe^ungen
fo völlig verkehrt, in den notwendigen Folge-
rungen, die fie auswirken müßte, fo ungeheuerlich,
daß es böcbfte geit wird, öffentlich dagegen
Stellung zu nehmen und alle diejenigen zu einem
gefchloffenen Proteft zufammenzufebüeßen, die
an der Erhaltung deutfeben Kunftbeßbes ein
ftärkeres Intereffe befißen, als es einer bureau-
kratifchenGefe^emacherei offenbar innewohnt. B.
Sammlungen
Die Neuordnung der Akademie in
Venedig
Die Akademie in Venedig ift in ihrer Neuord-
nung fchon ziemlich vorgefchritten; da jedoch
ein Geil der Räume wegen Umbaus gefchloffen
bleibt, macht einiges proviforifeben Eindruck,
ln fieben Sälen feben wir, etwas gehäuft mit
den lebten Erwerbungen vereinigt, auch einen
Geil der aus Glien übernommenen Klerke. Im
ganzen macht indes die Sammlung unter der
trefflichen Leitung GinoFogolaris einen guten
Eindruck.- Im Eingangsfaal wurden auch einige
Neuerwerbungen ausgeftelit; darunter ein lebens-
großes Bildnis des Dogen Francesco Frizzo,
von Prete Genovefe gemalt. Der Doge blickt,
reich bekleidet, mit prächtig gemalter FJand, den
Befcbauer an. Glas dte hart ausgeführten Ge-
fichtszüge betrifft, zählt wohl diefes Glerk nicht
zu den beften diefes 1630 nach Venedig geflüch-
teten Mönches. — Eine der b'ßorifcb wichtigften
Erwerbungen ift jedoch Jacopo Bellinis Ma-
donnenbild. Die neuerworbene Madonna er-
innert an die „Madonna mit Kind", ebenfalls
in der Akademie Venedigs, wie auch an jene im
Louvre und den Florentiner Uffizien. Mit fromm
gefenktem Blick, länglicher zarter Nafe, die Ge-
ftalt in breiten gotifchen Faltenwurf gehüllt, tritt
fie uns entgegen. Das Bambino ift lebendig auf-
gefaßt, doch ßnd Fjände und Füßchen febr be-
febädigt, nur das runde Geficbt ift ziemlich gut
erhalten. Im übrigen ift auch der Madonnenkopf
febr mitgenommen und durch alte Reftaurierung
halb verputzt. — 3iemlich langweilig und ma-
nieriert find die zwei Bilder blblifchen Inhalts
des Neapolitaners Solimena, dem zwar ein
gewiffer dekorativ-pbantaftifeber gug nicht ab-
zufprechen ift. Unter den Neuerwerbungen ift
noch ein Skizzenbuch zu nennen, beftebend aus
Der Cicerone, XIH. Jat)rg., Qeft 24
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