Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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guten Vorbildern, Kler in römifchen Äktfälen nach) der Lea Pantani, der Luigia,
Maddalena, den Schjweftern Livia und Äurelia, der Margherita und Candida gearbeitet
i)at, um nur einige aus der Legion von weiblichen Modellen der jüngften 3eit zu
nennen, der weiß den (Uert des dortigen Schönheitsmarktes zu fdjätjen. Äucl} an
Geftalten, die weniger durch reine Schönheit als durch großzügigen, charaktervollen
Ausdruck feffeln, ift kein Mangel; jedem Befucher der Pincioanlagen um die Elende
des neuen Jahrhunderts find die beiden bereits bejahrten Schweftern, die blonde und
die fchwarze, unvergeßlich, die in ihren fdt)äbigeri Gewändern mit der feierlichen Klürde
antiker Seherinnen einhergingen. Die blonde ift von Otto Sol)n-Rethel als Fjerodias
gemalt, die andere von Sigmund Lipinsky auf feiner Radierung der Parzen als Klotho
dargeftellt worden. Und welchem Kunftfreund ift nicht aus den merken von Max
Klinger, Karl Stauffer-Bern und Otto Greiner die kraftvolle Geftalt des Domenico Beli-
fario vertraut, der auf dem großen Gemälde des letzteren „Odyffeus und die Sirenen“
als Steuermann im Boot fteßt? Er vertrat um 1900 den alten Ruhm feiner fjeimat
Saracinefco als Mutterboden der beften Modelle, ebenfo wie unter den Kleibern die
abenteuerliche Vittoria Lepanto, die als kleines Modell in Rom begann, bald eine viei-
umfchwärmte fjefäre wurde, die ßlch erlauben konnte, einen königlichen Prinzen zu
verfcßmähen, und ihre glänzende Laufbahn als gepriefene Schaufpielerin und Gattin
eines der bedeutendften Cagesfchriftfteller Italiens befcßloß. Es fteckt doch viel Klahres
in dem Klort eines deutfchen Gelehrten, daß die Pflanze Alenfch nirgends beffer gedeiht
als in Italien.
Die öüiedergabe der Imperia-Darftellungen von Raffael find dem Klerke von Chl^dowfki,
Rom, I. Feil (Verlag Georg Müller, München) entnommen.

Minos Büfte des Rinaldo della Luna in Cerrakotta
Mit drei Abbildungen auf zwei Tafeln Von PAUL SCHUBRING
Bei Jul. Böhler in München fand ich ™ vorigen Äuguft eine ausgezeichnet er-
haltene Cerrakottabüfte des Quattrocento, die der Befißer erft kürzlich in Florenz
erworben hatte. Sie ift das Modell zu der bekannten Büfte des Grafen Rinaldo
della Luna, die dort den Namen Mino da Fiefole trägt. Natürlich meldet ßd) einem
fo ausgezeichnet erhaltenen Stück gegenüber der Verdacht. Es galt alfo vor allem die
genauen Maße des Modells und der Büfte miteinander zu vergleichen. Zufällig war
ich gerade auf der Durchreife nach Florenz, habe dort mit freundlicher Unterftü^ung
Direktor de Nicolas alles genau gemeffen und verglichen und wir find zu folgenden
Feftftellungen gekommen (die Notizen find mir leider auf der Reife geftoßlen worden):
1. Die Münchner Büfte ift bedeutend größer fowoßl in Fjöhe und Breite wie auch
verfcßieden in den Einzelheiten; der Marmor im Bargello ift reduziert und die Arbeit ift
in der Durchführung viel allgemeiner.
2. Die Münchner Büfte ift in allem Detail von größter Subtilität und reizvollfter Be-
wegung; der Marmor im Bargello ift auffallend flau und fd)wach gegenüber den
anderen Mino zugefcßrieben Büften.
3. Der 3uftand der Münchner Büfte, die Arbeit, die farbigen Brandfpuren -— dies
alles fpricht dafür, daß wir es mit einem Originalmodell um 1460 aus Florenz zu tun
haben, das bedeutend höher ftel)t als der ausgeführte Marmor im Bargello.
Einzelheiten: Der Marmor \)<M bekanntlich) als Sockel der Büfte ein etwas zurück-
fpringendes Schriftband mit der Infcßrift Rinaldo della Luna sue etatis anno XXVII opus
Mini ne(l?) MCCCCLXI. Mino bringt gern feine Signatur an, aber fonft nie in fo auf-
dringlicher und wenig organifcher Kleife. Klir rühmen fonft den feften Rand der

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