Äusftellungen
Äusftellungen
Das neue I^aus des Kölnifchen
Kunftvereins
CUas fagen denn nun die Kölner zu dem Neu-
bau des Kölnifchen Kunftvereins und zur Er-
öffnungsausftellung, die einen Überblick über die
deutfche Malerei des 19. Jahrhunderts gibt? Älle
find mit allem einverftanden. Ein feltfames Er-
gebnis! Denn bis auf den heutigen Cag ftanden
in Dingen der Kunft alle verantwortlichen und
unverantwortlichen Stellen gegeneinander. Huf
einmal find alle zufrieden, weil fie weder ganz
ja, noch ganz nein zu fagen brauchen. Es be-
darf, da das Ganze fertig ift — und da es gut
ward, gleichfam ohne Rede und Gerenn — keiner
eigenen Meinung mehr. Der Geift ift ruhig (mag
fein, daß das Fleifd) fdjwad) blieb). Das lau-
warme tüafferbad der Behaglichkeit ftimmte il)n
zufrieden. So fand, ganz in der Stille ruhiger
und fachlicher Hrbeit, der Kölnifche Kunftverein
des Rätfels Löfung: dem kölnifchen Kunftleben
das zu geben, was es brauchte. Huf der „ver-
kehrumbrandeten“ Infel am Friefenplag ließ er
das „Päftum“ der kölnifchen Kunft entftehen.
Der Erbauer des an antikifierende Cempelformen
anklingenden zweckvollen und fchönen Baues
ift der Kölner Hrchitekt Ludwig Paffendorf. Er
fand die dem Geifte Kölns entfprechende Löfung,
da in diefer Stadt, was der Kunft dient, auch der
Überlieferung dienen muß.
Die Eröffnungsausftellung gibt einen Überblick
über die Entwicklung der deutfchen Kunft des
19. Jahrhunderts. Der Gedanke, diefen 3eitraum
in einem auffchlußreichen Querfchnitt der jetzigen
künftlerifchen Einteilung aufs neue vor Äugen
zu führen, war gut. Denn in den hundert Jahren
von 1820—1920 haben fid) wefenhafte Geftalt-
wandlungen der künftlerifchen Form vollzogen,
fo daß es immer wieder überrafcht zu erkennen,
wie vielfältig die Formen fein können, die Mittler
eines innerlich ftarken und befreienden Gefühls-
lebens find, ülobei es faft gleichgültig erfcheint,
daß dem rückfchauenden Blick trog aller Gegen-
fäge die Malerei des 19. Jahrhunderts faft ein-
heitlich, zum mindeften aber eindeutig erfcheint.
3war wandeln fid) die Mittel, die Stimmungen
aber, die geiftigen und feelifchen, bleiben pd)
verwandt. Es iß faft, was die beßen Klerke
der Malerei anbetrifft, wie ein folgerichtiges
Fortfpinnen der Gedanken der I)olländifd)en Con-
malerei des 17. Jahrhunderts. Denn in fanften
und wohlgeftuftenConfolgen fprid)t pd) die innige
Eingabe an die Natur aus. CInd wo das Fjerz
des Kiinßlers diefe deutfche Natur glühend um-
faßt, da haben alle Dinge, Stein und Erde, Blatt
und Baum, I^immel und töaßer, Cier und Menfd)
ihre eigene Seele. Sie alle find erfüllt von einer
fanften Empfindfamkeit, die geheimnisvoll der
Größe des Monumentalen wie der ßimmungs-
ftarken intimen Kleinmalerei die deutfche Innig-
keit des Gefühls vermählt.
Cüichtigfte Ruhepaufen im Fluffe der Entwick-
lung pnd pd)er gekennzeichnet: die Nazarener,
der Stimmungsimpreßionismus der vierziger Jahre,
die intime wie die monumentale Malerei, der
Impreßionismus wie die expreßioniftifdjen Rinn-
fale und Bächlein. Daneben die örtliche Grup-
pierung, wie pe die in heimifcher Landfcpaft
wurzelnden Mittelpunkte Dresden, Fjamburg,
Berlin, München, Düßeldorf und Köln andeuten.
Äber es find weniger diefe örtlichen als viel-
mehr die durch den 3eitftil bedingten, gemein-
famen Charaktere der Form- undFarbenfd)auung,
die unferer heutigen Hrt zu fehen auffd)lußreid)
erfcheinen. tüeil wir fd)on deutlich fühlen, daß
jede Generation des 19. Jahrhunderts eine feft
umfchriebene, zwingende Eigenart befaß, der-
zufolge alle geiftigen vierte eine fel)r eigen-
willige Neigung zu einer durchaus eindeutig ge-
fügten Formgebung hatten.
Vielleicht iß es gut, von dem kleinen Farb-
wunder der Landfdbaft mit dem Äuge der heiligen
Dreikönige auszugehen, die J. Ä. Kod) im Änfang
des 19. Jahrhunderts malte, um fowolß den tüeg
zurück in die holländifd)e Malerei des 17. Jahr-
hunderts wie den in die 3ukunft eindringlich
zu emppnden. In ihr wirkt fid) das kluge (Hort
des Malers aus, das er in fein Eagebud) fd)rieb,
als er einen Äusblick auf den Bodenfee in pd)
verarbeitete: „Da erößnete pd) mir“, fo fcßreibt
J. Ä. Kod), „eine unermeßliche Äuspcht. Die wie
Sterne glänzenden Dörfer lagen mannigfach an
den begraßen, bergigen Ufern diefes großen Ge-
wäßers zerßreut, und diefe ungeheure Mannig-
faltigkeit macht dod) ein Ganzes. Die ganze
Natur verbindet pd) fd)weßer!id), kein einzelner
Ceil wird untreu, um nur für pd) zu beßehen.
Älles ift völlige Einheit im Mannigfaltigen.“ Das
klingt wie ein Fjinweis auf die Conmalerei des
Leiblkreifes oder wie ein Programm der Licht-
malerei der Impreßionißen.
In den Nazarenern Schnorr von Carolsfeld,
Overbedc, Steinle, Veit, Oppenheim, in Olivier
und Begas wirkt die Eindringlichkeit des See-
lifchen. Oft fcheint es, als ob Leib und Seele
pd) trennen möchten. Es genügt, einzelne be-
merkenswerte Dinge herauszuftellen. Da iiber-
fafd)t vor allem Sd)norr von Carolsfelds Flucht
nad) Ägypten von 1828, die, über die gellere
und härtere Farbe des 3insgrofd)en von 1822
hinausentwidcelt, in dem tiefen und vollen Klang
der Farbe, der Stimmung der Landfdjaft, der
fchönen Sicherheit der zarten Liniengebilde alles
enthält, was in die Gefühlsbetontheit der fpä-
teren Jahre hineinführt, ttlie ftill und klug ab-
gewogen pnd die Farbßäd)en bei Overbeck! Klie
herb verfdßoßen und doch klingend wirkt der
Rhythmus in Oliviers kleinem Bilde mit Chrißus
und der Samariterin.
Von den Sd)wingungen erregten Füßlens fpre-
308
Äusftellungen
Das neue I^aus des Kölnifchen
Kunftvereins
CUas fagen denn nun die Kölner zu dem Neu-
bau des Kölnifchen Kunftvereins und zur Er-
öffnungsausftellung, die einen Überblick über die
deutfche Malerei des 19. Jahrhunderts gibt? Älle
find mit allem einverftanden. Ein feltfames Er-
gebnis! Denn bis auf den heutigen Cag ftanden
in Dingen der Kunft alle verantwortlichen und
unverantwortlichen Stellen gegeneinander. Huf
einmal find alle zufrieden, weil fie weder ganz
ja, noch ganz nein zu fagen brauchen. Es be-
darf, da das Ganze fertig ift — und da es gut
ward, gleichfam ohne Rede und Gerenn — keiner
eigenen Meinung mehr. Der Geift ift ruhig (mag
fein, daß das Fleifd) fdjwad) blieb). Das lau-
warme tüafferbad der Behaglichkeit ftimmte il)n
zufrieden. So fand, ganz in der Stille ruhiger
und fachlicher Hrbeit, der Kölnifche Kunftverein
des Rätfels Löfung: dem kölnifchen Kunftleben
das zu geben, was es brauchte. Huf der „ver-
kehrumbrandeten“ Infel am Friefenplag ließ er
das „Päftum“ der kölnifchen Kunft entftehen.
Der Erbauer des an antikifierende Cempelformen
anklingenden zweckvollen und fchönen Baues
ift der Kölner Hrchitekt Ludwig Paffendorf. Er
fand die dem Geifte Kölns entfprechende Löfung,
da in diefer Stadt, was der Kunft dient, auch der
Überlieferung dienen muß.
Die Eröffnungsausftellung gibt einen Überblick
über die Entwicklung der deutfchen Kunft des
19. Jahrhunderts. Der Gedanke, diefen 3eitraum
in einem auffchlußreichen Querfchnitt der jetzigen
künftlerifchen Einteilung aufs neue vor Äugen
zu führen, war gut. Denn in den hundert Jahren
von 1820—1920 haben fid) wefenhafte Geftalt-
wandlungen der künftlerifchen Form vollzogen,
fo daß es immer wieder überrafcht zu erkennen,
wie vielfältig die Formen fein können, die Mittler
eines innerlich ftarken und befreienden Gefühls-
lebens find, ülobei es faft gleichgültig erfcheint,
daß dem rückfchauenden Blick trog aller Gegen-
fäge die Malerei des 19. Jahrhunderts faft ein-
heitlich, zum mindeften aber eindeutig erfcheint.
3war wandeln fid) die Mittel, die Stimmungen
aber, die geiftigen und feelifchen, bleiben pd)
verwandt. Es iß faft, was die beßen Klerke
der Malerei anbetrifft, wie ein folgerichtiges
Fortfpinnen der Gedanken der I)olländifd)en Con-
malerei des 17. Jahrhunderts. Denn in fanften
und wohlgeftuftenConfolgen fprid)t pd) die innige
Eingabe an die Natur aus. CInd wo das Fjerz
des Kiinßlers diefe deutfche Natur glühend um-
faßt, da haben alle Dinge, Stein und Erde, Blatt
und Baum, I^immel und töaßer, Cier und Menfd)
ihre eigene Seele. Sie alle find erfüllt von einer
fanften Empfindfamkeit, die geheimnisvoll der
Größe des Monumentalen wie der ßimmungs-
ftarken intimen Kleinmalerei die deutfche Innig-
keit des Gefühls vermählt.
Cüichtigfte Ruhepaufen im Fluffe der Entwick-
lung pnd pd)er gekennzeichnet: die Nazarener,
der Stimmungsimpreßionismus der vierziger Jahre,
die intime wie die monumentale Malerei, der
Impreßionismus wie die expreßioniftifdjen Rinn-
fale und Bächlein. Daneben die örtliche Grup-
pierung, wie pe die in heimifcher Landfcpaft
wurzelnden Mittelpunkte Dresden, Fjamburg,
Berlin, München, Düßeldorf und Köln andeuten.
Äber es find weniger diefe örtlichen als viel-
mehr die durch den 3eitftil bedingten, gemein-
famen Charaktere der Form- undFarbenfd)auung,
die unferer heutigen Hrt zu fehen auffd)lußreid)
erfcheinen. tüeil wir fd)on deutlich fühlen, daß
jede Generation des 19. Jahrhunderts eine feft
umfchriebene, zwingende Eigenart befaß, der-
zufolge alle geiftigen vierte eine fel)r eigen-
willige Neigung zu einer durchaus eindeutig ge-
fügten Formgebung hatten.
Vielleicht iß es gut, von dem kleinen Farb-
wunder der Landfdbaft mit dem Äuge der heiligen
Dreikönige auszugehen, die J. Ä. Kod) im Änfang
des 19. Jahrhunderts malte, um fowolß den tüeg
zurück in die holländifd)e Malerei des 17. Jahr-
hunderts wie den in die 3ukunft eindringlich
zu emppnden. In ihr wirkt fid) das kluge (Hort
des Malers aus, das er in fein Eagebud) fd)rieb,
als er einen Äusblick auf den Bodenfee in pd)
verarbeitete: „Da erößnete pd) mir“, fo fcßreibt
J. Ä. Kod), „eine unermeßliche Äuspcht. Die wie
Sterne glänzenden Dörfer lagen mannigfach an
den begraßen, bergigen Ufern diefes großen Ge-
wäßers zerßreut, und diefe ungeheure Mannig-
faltigkeit macht dod) ein Ganzes. Die ganze
Natur verbindet pd) fd)weßer!id), kein einzelner
Ceil wird untreu, um nur für pd) zu beßehen.
Älles ift völlige Einheit im Mannigfaltigen.“ Das
klingt wie ein Fjinweis auf die Conmalerei des
Leiblkreifes oder wie ein Programm der Licht-
malerei der Impreßionißen.
In den Nazarenern Schnorr von Carolsfeld,
Overbedc, Steinle, Veit, Oppenheim, in Olivier
und Begas wirkt die Eindringlichkeit des See-
lifchen. Oft fcheint es, als ob Leib und Seele
pd) trennen möchten. Es genügt, einzelne be-
merkenswerte Dinge herauszuftellen. Da iiber-
fafd)t vor allem Sd)norr von Carolsfelds Flucht
nad) Ägypten von 1828, die, über die gellere
und härtere Farbe des 3insgrofd)en von 1822
hinausentwidcelt, in dem tiefen und vollen Klang
der Farbe, der Stimmung der Landfdjaft, der
fchönen Sicherheit der zarten Liniengebilde alles
enthält, was in die Gefühlsbetontheit der fpä-
teren Jahre hineinführt, ttlie ftill und klug ab-
gewogen pnd die Farbßäd)en bei Overbeck! Klie
herb verfdßoßen und doch klingend wirkt der
Rhythmus in Oliviers kleinem Bilde mit Chrißus
und der Samariterin.
Von den Sd)wingungen erregten Füßlens fpre-
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