Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

Seite: 547
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die, fo feßr fie auch neuen Verfucßen offen fteßt, dennoch in ßöcßftem Grade den in-
tenjiven Ausdruck einer Perfönlid)keit vorausfetzt. Der Stil eines Künftlers wie Coubine,
zugleid) einfad) und klar, frei und würdig, beweift uns, daß die 3^it des Wieder-
aufbaus gekommen ift, und daß Stoffe, welche es aucß fein mögen, bisher aufgelöft
endlicß zufammengefaßt und geordnet werden. Während diefer Epodje, die wahrhaft
den Namen Renaiffance verdient, wird nichts von den vorhergegangenen Verfucßen
verleugnet werden, einzig das individuelle Genie eines jeden Malers wird feine Ärt
nach feiner Aufrichtigkeit beftimmen. Symbolismus, Realismus, Klaffizismus, was be-
deuten diefe Formeln einem Werke wahrer Kunft; allein wicßtig ift die Vereinigung
einer aufricßtigen Metßode und angeborener Erfindungsgabe. Es kann ebenfoviel
Perfönlicßkeit und Lebensftärke in einer ftrengen Darftellung Coubines liegen wie in
der wilden Malerei eines Romantikers, man darf nicht aufßören zu widerrufen, daß
felbft die plaftifcße Vollkommenßeit ein verfcßwiegenes Ding ift. Endlich wird man
verfteßen, daß diefe fo wiffende und reiche Kunft für unfere 3eit die befte und dauer-
ßaftefte Gefcßmacksleßre ift.

Über Kunft und Künftler in Frankreich
Der kommerzielle Sturz des Kubismus / Der Fall Picaffo / Äus-
ländifcße Künftler in Paris / Übertreibungen einer gewiffen Kritik
Von ADOLPHE BASLER

Die unerßörte 3ugkraft der Moderne wäßrend des Krieges ßat eine ftarke Ent-
kräftung auf dem Markt moderner Kunftwerke zur Folge geßabt, die nunmeßr
in dem kommerziellen 3uFammenbrucß des Kubismus ißren ßößepunkt erreicht
ßat, nachdem auch einer der größten Idealiften unter den Parifer Kunftßändlern, der
Schutzengel der Kubiften wäßrend des Krieges, feine Ankäufe kubiftifcßer Gemälde zum
großen üeil eingeftellt ßat. Der ßeroifcße Kampf diefer Kunftricßtung wird fie ftets un-
vergleichlich in den Annalen der unabßängigen Malerei verzeichnen, einzigartig zugleich,
weil woßl keine andere Schule in der modernen Kunft literarifcß in gleich fruchtbarer
Fülle auf eine, wenn auch mcßt immer überzeugende, fo doch feßr komplizierte Kunft-
formel der Kubiften anaiyfiert wurde. Fjier berühren wir den wunden Punkt der
modernen künftlerifcßen Kultur. Icß erinnere nur an die enorme Bibliotßek, die allein
den Fall Picaffo behandelt. Über das größte Genie der modernen Malerei, Corot,
wurde weniger wäßrend feines langen Lebens und feit feinem ein ßalbes Jaßrßundert
zurückliegenden üod diskutiert. Die Ignoranz der 3ßrtgenoffen Corots, die in voll-
ftändiger Verkennung der genialen Malart feiner Figurenbilder, fleh allein für die ißrer
geiftigen Schlaffheit meßr zugänglichen Landfcßaften käuflich intereffierten, ift natür-
licher als die Eingenommenheit unferer ignoranten Snobs für eine ungewöhnliche Kunft-
form. In keiner Weife foll ßier der Kubismus, den ein hochkultivierter Kunftßändler
und großer Kenner der Antike mit den fublimen Formen gewiffer Ausdrucksmittel alter
Kunft verglich, in feiner Bedeutung ßerabgefeßt werden. Wieviel Analogien kann man
mcßt zwifeßen vermiedenen Werken Picaffos und der irifcßen Fjandfcßriften- Ornamentik
aus dem 8. Jahrhundert ziehen oder felbft der abftrakten Art gotifeßer Baumeifter und
Bildhauer die Naturform zu fragmentieren oder den geometrifeßen Bildern in dem linearen
Dekor grieeßifeßer Vafen der frühen 3eit- Picaffo und Braque, diefer linearer und im-
pofanter, Braque lichtvoller, ein ftärkerer Kolorift, durchdrungen von der impreffio-
niftifeßen Kultur, weniger Konftrukteur aber von einem äußerft zugänglichen Reiz, diefe
beiden feßufen das Vorbild einer Kunft, die {Ich von dem Bereich der eigentlichen
Malerei vollftändig entfernt.

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