Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

Seite: 548
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Das Leben als ge[d)icktere Erzieherin wie es die Äßhetiker und Doktrinären find,
ließ die Entwicklung des Kubismus logifcherweife in den Bänden der Dekorateure aus-
laufen, die hoffentlich die paffende Anwendung finden werden. Diefer Bemerkung
gegenüber äußerte Picaffo in feiner ftolzen Art des Conquiftadors: „Quand Midjel-
Ange crea ses oevres gigantesques il ne pensa pas aux armoires de style Renaissance
qui en deriveraient.“ So getroffen diefe Antwort auch ift. bringt fie doch keine Klärung
in den modernen Richtungswirrwarr.
Durch unzweckmäßige Gruppierung des künftlerifd)en Lebens der heutigen Gefellfdjaft
und durch die fchledjten Organe, die noch dazu ihre Funktionen fehlerhaft ausüben,
auf die die Kunftgewerbler angewiefen find, müffen pcf) viele Künftler mit den Schwierig-
keiten ihres Berufes abmühen, die in einer glücklicheren 3eit eine logifcpe Anwendung
ihrer Calente finden würden. Einem kubiftifchen Bilde Picaffos oder einem der lebten
Gemälde von Braque gegenüber bedaure ich ftets, daß diefe Schöpfungen nicht von
den Manufakturen in Beauvais oder Aubuffon zur Ausführung als üapifferien oder
Lenturen angenommen find, der Cradition der fcßönen Stile folgend gleich) den Meifter-
werken des 18. Jahrhunderts als Ausfchmückung der tHandßäche, den Räumen vor-
nehme ülärme und Intimität verleihend. So würden auch die anderen kubiftifchen
Maler, die den Spuren ihrer Meifter folgen, an Stelle ihrer augenblicklichen fd)lechten
Gefdjäfte eine Geldquelle darin finden, für die modernen (Harenhäufer wie die „Galerie
Lafayette“ oder „Le Bon Marche“ nüblid) zu arbeiten, die ihre kubiftifchen Entwürfe
in den Fabriken von Lyon und Roubaix vorteilhaft verarbeiten ließen. Dadurch würden
zugleich die verbrauchten oft geradezu an Banalität grenzenden alten Klifdjees auf das
glücklichfte erfeßt. Auf diefe tüeife würde die 3al)l der berufenen Maler, die ißr
Bandwerk als Kunft der Konzentration auffafferi, herabgefebt, die tüillkür der Formen
und Stile verfchwänden, die kritifcpe Literatur1, die obfkure Tendenzen benubt, um
die unnüblichcn Bücher zu vermehren, würde ihren Mann nicht mehr ernähren und
Pablo Picaffo könnte in Frieden ungeftört fortfahren, feine kubiftifcpe und feine barocke
Malart zu pflegen, immer Neues, immer paradoxere Formen zur Beftürzung der Snobs
erfindend. So wie die Entwicklung bisher ihren Cüeg nahm, muß man annehmen, daß
die Menfchheit in fünfzig Jahren wenn nicht dümmer fo doch verwirrter als \)zui, in
diefen klaffifch naturaliftifchen Kompofitionen, in denen Picaffo, die menfd)lichen Formen
elephantiafifd) aufblähend, nach der Erhabenheit Michelangelos zu ftreben fcheint, einen
Greco unferer 3ßit fehen wird, der, anftatt die Proportionen des menfchlichen Körpers
zu verlängern, fie in dramatifcher Art verdickt. Bier berühren wir die tragifdje Seite
des Falles Picaffo. Er ift die feltene Erfdjeinung eines fremdländifchen Genies in der
franzöpfchen Kunft. Von den künftlerifd) aktiven Ausländern in Frankreich affimilieren
die Mehrzahl den franzöpfchen Geift, um ihn mit der eigenen nationalen Kultur zu
verfcpmelzen. Der andere weniger zahlreiche Geil paßt pd) dem franzöpfchen Genie
an, um die Cradition der guten Kunftarbeiter fortzufeßen. Aber feit die Nachimprefponiften,
die Fauviften und Kubiften in der künftlerifcpen Freiheit ein anderes Maß entwickeln,
die Diskufponen in den feßr reichlichen Schriften, in den Debattierklubs der Künftler-
kreife und in den Lehrfälen der unabhängigen Akademien von Matiffe, Friesz, Lhote,
Ldger u. a. keine Grenzen mehr kennen, \)abzn die primären Kräfte und die von allen
Enden des GQeltalls hßrbeiftrömenden ungenügend kultivierten Künftler fd)ließlich die
Konfupon noch erhöht, deren urfprünglid)e Verantwortung Picaffo zufällt.
Picaffo perfonipziert durchaus das fremde aktive Genie in Paris. Seit feiner frühe-
ren Jugend peht er glühende Bewunderer um pd), die nur neues von ipm fordern.
Nicht Corot, Cezanne, Renoir, keiner der franzöpfchen Cradition ergebener Meifter hätte
1 Es ift felbftverftändlict), daß man die Schriften eines Guillaume Apollinaire, eines Maurice Raynal
oder Andre Salmon ebenfo wie die eines Roger Allard, Ändrd Lt>ote oder Claude Roger Marx als
die glänzendften Erfcheinungeri der jungen Kunftkritik betrachten muß. Es find die einzigen, die
am nüblicbften über die modernen Beftrebungen feit Matiffe, Derain, Picaffo unterrichtet haben.

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