Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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facsimile
Paul Cezanne

Von H. v. WEDDERKOP / Mit
elf Abbildungen auf sechs Tafeln

.... Doch wäre ein Jo ausführliches Eingehen auf den Mechanismus der
intellektuellen Arbeit kaum vonnöten gewefen: es hätte genügt, ihre Refultate
zu betrachten. Da nämlich würde fichtbar wie der bei Qariclhabung des Leb-
lofen fo gewandte Intellekt feine Unzulänglichkeit aufdeckt, fobald er an das
Lebendige rührt. Denn ob es nun darauf ankomme, das Leben des Körpers
oder das Leben des Geiftes zu behandeln, immer verfährt er mit der Schärfe,
der Starrheit, der Brutalität eines Klerkzeuges, das zu foldjem Gebrauch nicht ge-
fchaffen ift.... Man fteht überwältigt von der Gröblichkeit und vor allem der
Beharrlichkeit der Irrtümer. Bergfon, Schöpferifche Entwicklung.

> der Wirrnis der Schlagwörter, der romantifchen Sefmfüchte und der ünklar-


heiten des künftlerifdjen Wollens der (jet$t vergangenen) Nad)-Cezannefcl)en

Generation führt allein Kenntnis des Cezannefchen Werkes felbft. Begriffe wie
Maffe, Anonymität, Kollektivismus, weniger in Frankreich allerdings als bei uns die
anfeuernde Lofung find befonders auffd)lußreid). Alles emfige Getriebe, alle Be-
mühungen mit den Irnpreffioniften zu brechen, das Verwirrende der Einzelperfönlid)-
keit zu ftreichen, die Malerei auf breiterem Fundament aufzubauen, ihr Stärke und
Mächtigkeit der Maffe zuzuführen, kollektiviftifchen Geift — als abfichtsvolle Bemühung
echter Literatenunfug — alle diefe Beftrebungen gehen zurück auf den einen Namen
Paul Cezanne. So hßißt in Wirklichkeit die Anonymität diefer 3eit, dies ift die Wahr-
heit der verhältnismäßig einfachen, tragikomifcßen 3ufammenl)änge. Nichts Neues ohne
Cezanne, der die Generation nach ihm von rückwärts beftrahlt und fie deutlicher be-
ftimmt, als die Menge der Einzelbegabungen diefer Generation felbft.
Wenn man nach einem Gegenpol fud)t, einzig um durch Gegenfatj klarer zu emp-
finden, kann man Renoir nennen. Nicht Manet, denn diefer mit feiner Vorliebe für
dunkle Cöne, für Velasquez, Goya, Frans Fjals ift ja gar nicht der pleinair-Maler, der
ideale Revolutionär von damals. Manet fand denn auch die Malerei Cezannes eine
„peinture sale“. Renoir dagegen, der reinfte Cypus aller Irnpreffioniften, bei dem jede,
aud) die letzte F)ärte der Linie befeitigt ift zugunften einer unbegrenzten Fjarmonie,
dem neben der Farbe nichts genehmer ift als ein volles körperliches Volumen, fteht zu
Cezanne in einem harm;onifchen, durchaus liebevollen Gegenfafe. Diefe Erfdjeinung
Renoirs, die in ihrer runden Vollkommenheit an Mozart oder Raffael denken läßt, ift
die größte impreffioniftifche überhaupt, weil fie neben dem größten Farbftil die un-
vergleichliche Breite i)at. Neben dem größten Leben die größte Form, die fid) dod}
mühelos wieder ins rein Malerifche auflöft. Die Gegenfäjje in diefer Erfcheinung und
ihre Vereinigung bewältigt keine Analyfe.
Bei Cezanne hat fie es leichter. Fjier fieht fofort ein unzufriedenes, jähzorniges,
fcheinbar unausgeglichenes Cemperament hGraus- Erfte Begrüßung des fjßirn Emile
Bernard, der ißn in Aix aufftöbert aus der Regelmäßigkeit eines abgefcßiedenen pro-
vinziellen Dafeins: „Id) fragte alfo: ,F)err Paul Cezanne nicht wahr?' Da trat er einen
Schritt zurück, richtete fid) gerade auf, zog tief feinen ßiit U21d fagte, indem er mir ein
kahles Fjaupt und das Geficht eines alten Generals zuwendete: ,Der bin id)! Was wün-
fd)en Sie von mir?“1 (Emile Bernard, Erinnerungen an Paul Cezanne.) Ein eifernder
Greis von ftarrer Form. Aber wie er phyfifd) unnahbar war (Bernard wollte ihn ein-
mal auf einem abfd)üffigen Cerrain, um ihm zu hGlfGn> anfaffen, worauf Cezanne
unter Flüchen und Schimpfen weglief und fid) von 3ßit zu 3ßit ängftlid) nach Bernard
umfah, als ob er ihm ans Leben gewollt hätte), fo konftruierte er feine Bildwelt in
völliger Abgefd)iedenl)eit des Empfindens. Wie alles im Grunde, ift fein verftecktes
Leben in der Südprovence typifd), er hätte keine Berührung und Beeinfluffung er-

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