Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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keine Überfteigerung, weder der Form nod) der Farbe, mildern könnte. Ilm blen-
den weder Mittag noch) Sommer. Bei ihm hat, nach einem Klorte Renans, felbft
die Freude immer ein wenig Craurigkeit. Ein gleichmäßiges, ein wenig hartes Lid)t
überftrömt jede Landfchaft. Es gibt bei ißm keinen Kampf zwifdjen den Valeurs und
dem Sonnenlicht. üCIenn Marchand ein Porträt malt, nimmt er gern weniger ausge-
fprochene Cypen als Modell, um uns durch die inneren Vorzüge feiner Kunft zu ent-
zücken. Bei Emigranten und Flüchtlingen hat er, im Bemühen, ihren Charakter zu erfaffen,
die Klarheit ihres Blickes mit einer ftarken Menfchenliebe umkleidet. Man empfindet
deutlich, was diefe Menfchen ertragen haben, die das Leben fchickfalhaft empfinden,
ohne daß ein Lächeln oder eine Klage über ihre Lippen kommt oder ihren Blick be-
wegt. Malt Marchand einen Äkt, fo bewahrt er kühle Fjaltung, in diefen robuften
blühenden Körpern fchlummert keine Sinnlichkeit. Klie keufdt) wurden troß der Auf-
lockerung der Kontur und der 3artheit feines Pinfels die beiden füllenden Frauen, die
im lebten ßerbftfalon zu fehen waren und in der Galerie Barbazanges, wo erft kürzlich
eine prächtige Gefamtausftellung des Künftlers ftattgefunden hat.
Marchand ift einer von jenen, die, ßch felbft nur langfam offenbarend, uns erft nach
und nach gefangen nehmen. Man muß fid) ganz auf feine Eigenart einftellen, um zu
begreifen, wieviel Reichtum hinter feiner fcheinbaren Kühle und Lauheit verborgen ruht.
Einmal aber ihm nahe gekommen, können wir uns ihm nicht mehr entziehen, denn
feine fcpwere und ernfte Stimme kommt aus der Hefe.
Ob er die Natur oder den Menfchen malt, Gewicht und Dauer pnd die Kennzeichen der
Kunft eines Segonzac. Niemals durch Vorftellungen aus dem Gleichmaß gebracht oder durch
intellektuelle und fentimentale Erwägungen beunruhigt, fordert er von der Malerei nichts,
was außerhalb feiner 3iele liegt. Als Kind der Erde reicht er durch den eigentlichen
Impreffionismus hindurch, der ihm wenig gilt, die Fjand einem Courbet und Frans ßals.
Schon eines feiner erften Gemälde, die „Mediceifche Venus“ (1911), enthält den ganzen
Segonzac. 3uerft trägt er die Farben mehrere Millimeter hoch. fehr ungewöhnlich und
faft fyftemlos auf die Leinwand. Bei Beginn der Arbeit macht diefe einen durch
Farbenauftrag ftark gehöhten Eindruck, aber im Fortfehreiten beruhigen fid) dank der
Konzentration und Vertiefung üöne und Valeurs, bis ße fich einander angleichen und
zufammenklingen. Dabei verachtet er, was aud) die 3ei<hnungen in fo außergewöhn-
licher Kleife zeigen, felbft auf die Gefahr hin, traurig und düfter zu erfcheinen, das
leichte Spiel mit Kontraften. Diefer mannhafte Maler ringt allein um die ewigen und
tiefen Beziehungen der Dinge, ihre feinfte und ftärkfte Differenzierung. Unbeeinflußt
von dem Spiel des Lichts und der Schatten, fteßt er, wenn man fo fagen darf, jenfeits
der Cagesgezeiten, indem er ein Etwas von fubftantieller Dauerhaftigkeit fcpafft. Man
würde nid)t erftaunt fein, wenn er eines üages als Bildhauer wie Daumier zum Con
griffe, um damit auf andere (Xleife zu beftätigen, was mehr als einmal fowoßl feine
Gemälde als auch feine 3eid)nungen kundtun.
Seine Stilleben behandeln ganz gewöhnliche Dinge: den üifd) aus einfachem Fjolz,
einen Steingutkrug, ein Stück Fleifd), frifd)es Gemüfe und Feldblumen. Nicht die
Lieblichkeit der Gegend oder des Fjimmels, fondern einfache und ewige Chemen, die
die Natur dem Menfchen entgegenhält, pnd das .Stoffgebiet feiner Kunft, etwa das
dumpfe Schweigen des Dorfes, der heiße Mittag über dem Fjocßwald, die breiten Ufer
eines Fluffes, umfäumt von Kleiden, die Reize des Klinters, die träge Glut des Som-
mers. Seine menfchlichen Körper fcheinen immer wieder daran erinnern zu wollen,
daß fie aus Erde gemacht pnd und zur Erde zurückkehren werden. Seine gedämpße,
aber trojjdem nicht traurige Palette hat den Duft des Erdbodens, der alle Farben in pd)
auffaugt. Klas die Seithänge11 angeht, die der Maler zahlreich fd)uf, fo beßßen pe
durchaus Überzeugung und hoben jene Vollfaßigkeit, daß pe, ohne dadurch verkleinert
zu werden, fehr wohl die Nad)barfchaß eines Rembrandt, eines Daumier oder eines
van Gogh vertragen könnten.

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