Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Parifer Äusftellungen

Von ADOLPHE BASLER / Mit
sechs Abbildungen auf drei Tafeln

Salon d’Hutomne / Coubine (Galerie Barbazanges) / Peinture
moderne (Galerie Bernheim jeune) / 3eid)nungen von Kars
(Licorne) / Le Fauconnier (Galerie Billiet) / Constructeurs
(Leonce Rofenberg) / 3eichnungen von de la Fresnaye (Marfeille)
Bilder eines Mardjand de pommes de terres frites und eines
Mechanikers (Galerie Cheron) / Die Unbekannten (Galerie Simon)
en Befucher des Salon d’Äuiomne empfängt diesmal eine Äusftellung moderner


Wohnungseinrichtungen und eine Auswahl von Proben modernfter Architektur.

Die wenigen Stücke, die die Schüler der Boulle-Schule zur Schau [teilen, be-
weisen zur Genüge, daß diefe Künftler nicht das Vorurteil bedrängt, um jeden Preis
modern zu erfcheinen und daß Prinzipien logifcßer und gefcßmackvoller Konftruktion
FJauptelemente der gründlichen Schulung franzößfcher Kunsthandwerker bilden.
Bevor wir zu den Sälen ßinauffteigen, in denen die Malerei ausgeftellt ift, überrafdyt
uns noch in angenehmfter Ärt des Oerbildners Pompon lebensgroßer Eisbär — ein
Meifterwerk voll Leben und Ausdruck, durch wißensreiche und tiefempfundene Verein-
fachung erzielt. Dagegen erfcßeint mir Bourdelles Madonna trotj ihrer koloffalen
Dimenfionen und ihrer Prätention auf großen Stil weit weniger gelungen, was Cakt
und Gefühl für harmonifches Gleichmaß anbelangt. Unter den Maiern [teßt Segonzac
mit zwei großen Bildern im Mittelpunkte der Diskufßon. Diefer Maler hat ganz zweifellos
ein bedeutendes plaftifcßes Empfinden. Seine kraftftrotjende Art, den Körper zu be-
handeln, erinnert an den fragmentarifchen Naturalismus Rodins — allein id) ziehe der
zu dunklen Malweife feine 3eichnung vor und vor allem fein graphßcßes Werk —
wie die Radierungen zu feinem leßtcn Buche über den Boxkampf — eine der vortreff-
lichften Realifationen unferer Epoche. Fjier ißt alles Schöpfung; die Verkürzung — Be-
wegung — das Licht diefer Blätter hat ebenfolchen magifchen Reiz wie die halluzi-
nierenden Werke eines Goya: die Capriccios oder Proverbios. So bezwingend auch
die Malerei Segonzacs ift durch die ißr innewohnende Kraft (eine Malerei, die im übrigen
in ihrer Konzeption am Rande der großen Eroberungen der Impreffioniften fteht) — fie
ift eine gefährliche Schule für die ganze Malergeneration, die dem jungen Meifter blind
zu folgen fcheint. Doch findet man auch hier troftvolle Beruhigung für folche Befürch-
tung; denn außer den feßr fd)önen dekorativen Kompofitionen Braques, die faft als
Ceppid)mu[ter erdacht find und die in der Art eines verbürgerlichten Kubismus die
Gunft des Publikums zu haben fd)einen — gibt es noch Werke voller Frifdhe, wie
z.B. die farbenleuchtenden Blumen Suzanne Valadons, des in guter franzöfifcher
Tradition zur Fjöhe klimmenden Jean Marchand mit Frauenakt und Porträt — ülters
feingetönte Landfcßaft und Utrillos „Moulin de la Galette“ und ein Kathedralenbild,
die diefes Meifters unbeftrittene Autorität nur noch beftärken, Lewifjkas dunkel-
glühende Legende aus ruffifchem Sagenkreis, die Bilder Guindes, des beften Matiffe-
Scßülers — die Landfcßaften Berthold Maßns oder diefe von reichem Wißen und
feßr fdjönem [djöpferifcßen Geifte erfüllte Kompofition von Kars „Die üochter Pharaos“.
Doch was mich am meiften überrafcßt, ift die Jugendkraft, die [ich manche Ältere be-
wahrt haben, wie Laprade, Matiffe, wie Valloton oder Charles Guerin, der ficß
immer meßr zum vollendeten Typus eines „petit maitre“ herausbildet oder Viamink,
deßen Landfcßaften ich allerdings mehr artiftifcß denn als Kunftwerk werten möchte.
Man könnte diefe oft bezaubernde Malerei durch ihre Bravour und die Leichtigkeit der
Erfindung in eine Kunftkategorie einreihen, die in der Mufik in den beraufchenden
improvifationen der 3igeuner ein Analogon hätte. 3U erwähnen wären noch die Bilder

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