Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Ceppiche für die Forfchung geworden pnd. Catfädjlid) gewähren die Abbildungen
alter Möbel, im Verein mit den erhaltenen Originalen, oft allein die Möglichkeit, ältere
Ergänzungen und moderne Verfälfd)ungen an diefen alten Cifd)lerwerken genau feft-
zuftellen. Auf keinem Gebiet des alten Kunftgewerbes i[t ja eine pchere Diagnofe fo
fchwierig als gerade bei den Möbeln. Aus allen diefen Gründen ift die vollftändige
bildliche Veröffentlichung des Kreuzenfteiner Mobilars von fo außerordentlicher Be-
deutung; dazu kommt noch, daß auf diefem Schlöffe die Entwicklungsgefd)id)te der
einzelnen Möbeltypen, der Schränke, Cruhen, Cifche, Bänke und der übrigen Sitzmöbel
während der wid)tigften Epochen, nämlich der Gotik und der Frührenaiffance, in einer
geradezu überrafd)enden, ebenfo lehrreichen wie anregenden Vielfeitigkeit pch offenbart.
ülie ergebnisreich übrigens ernfthafte entwiddungsgefchid)tlid)e Studien auf unferem
Gebiete pd) geftalten können, das beweifen u. a. Otto v. Falkes ausgezeichnete Arbeiten
über „Mittelalterliche Cruhen“1 und über Peter Flötner und die füddeutfdje Cifd)lerei2 * 4.
Auch Fjans Stegmanns meifterhape Studien über die Möbel des Germanifchen Mufeumss
und der Sammlung Figdor pnd hier anzuführen.
An diefer Stelle will id) eine Anzahl von Kreuzenfteiner Möbeln aus der Fülle des
Materials herausheben und befprechen; jedes einzelne bietet in irgendeiner Art ein
gewiffes Intereffe und die Betrachtung desfelben ift außerordentlich lehrreich5.
Die fchöne Cruhe mit dem leicht gewölbten Deckel (Abb. 1), die zuerft Jakob v. Falke
in feinem „Mittelalterlichen Fjausmobiliar“ (Cüien 1890) und nach ihm Robert Schmidt
in feinem Möbelhandbuch (S. 43) abgebildet hat, ift bisher, noch bei Schmidt, wohl
wegen der Übereinftimmung der Form mit der feinerzeit von Viollet le Duc6 publizierten
Deckeltruhe der Sammlung A. Gereute für eine franzöpfche Arbeit aus dem 14. Jahr-
hundert angefehen worden. Vergleicht man aber die ftraffe, bei aller Gebundenheit
realiftifche Formgeftaltung der menfd)lid)en Figuren, die Bogenftellungen und ornamen-
talen Füllungen diefer letztgenannten und einiger anderer, gleichfalls fid)er franzöpfd)er
Cruhenvorderwände, fo eines folgen bei Dr. Albert Figdor in 2Iien7 mit der 21. Lyck-
fd)en Cruhe, fo ergibt pd) eine deutlich erkennbare ftiliftifche Divergenz, die ganz andere
ethnograph'fche und landfd)aplid)e Vorausfetzungen hat. Die weiche, beinahe etwa
formlofe, zerßießende Behandlung der paarweife nebeneinander ftehenden Schildträger,
deren Köpfe jeweils ein rundes Medaillon mit gefd)ickt hineinkomponierten Cierbildern
verdecken, dann die langgezogenen Vogelgeftalten in den Unterteilen des Stollens
zwingen uns, die Kreuzenfteiner Cruhe in den rheinifd)-weftfälifd)en Kreis zu rücken,
dem eine Vorderwand aus Dortmund im Germanifchen Mufeum8 *, befonders aber die
von Otto v. Falke in feinem ergebnisreichen Auffatz „Mittelalterliche Cruhen“0 abge-
bildeten Stücke aus Emersleben bei Fjalberftadt uncj[ Lüneburg entftammen; es wird ohne
weiteres klar, daß hier eng verwandte Elemente offen zutage liegen.
Gleichfalls nordweftdeutfehen ürfprungs ift ein aus Eichenholz gefügter Kredenzfehrank
(Abb. 2) mit Stollenfüßen und breiter, reich mit veräftelten Eisenbefchlägen bedeckten
Mitteltüre, die ein oben halbkreisförmig abgefd)lofTenes Feld mit pguraler Fjalbrelief
fchnitzerei enthält; die Darftellung zeigt die Darftellung der Löwenbezwingung durch
Simfon. Das Motiv hat der Schnitzer ziemlich getreu dem Stiche des Meifters E. S. (L. 4)10

1 Amtliche Berichte aus den fehl- Kunftfammlungen Berlin. XXXVII.
3 Jahrbuch der kgl. preuß. Kunßfammlungen 1916.
:i Anzeiger des Germanifchen Mufeums 1902—1910.
4 Kunft und Kunfthandwerk X.
5 Die Klifchees hat in dankenswerter tüeife der Verlag A. Schroll & Co. in Cüien leihweife zur
Verfügung geftellt.
6 Mobiliar fran<;ais I, S. 26.
7 Stegmann, Die Fj°lzrnöbel der Sammlung Figdor. S. A. aus Kunft und Kunfthandwerk X, S. 7.
s Anzeiger des Germanifchen Mufeums 1904, S. 48.
s Amtliche Berichte ufw. 1916, S. 237ff.
10 Abgeb. M. Geisberg, Die Anfänge des deutfehen Kupferßiches. Meifter der Graphik, Bd. II, üaf.43.

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