Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Ausheilungen

fachbeit der Körper zur Schau. Vor kosmora-
matifdjen Geländen ftoßen enorme Leiber dia-
gonal in verrenktem Getue zenitbwärts, wie
ausgeftopfte Bälge anzufeben, ein Amalgam aus
Fidus und dem frühen Ard)ipenko. Ihre Gebärden
find entfeljlid) inbrünftig und bymnifd) ßrapaziert,
aber bloße Interjektionen im ekftatifcben Jargon.
Raufd) und Andacht haben zugleid) etwas Gal-
vanifiertes und eine paradierende Komprimiert-
beit des körperlichen Ausdrucks. Diefe klobigen
Figuren mit Floßenbänden und flachen Geficbtern
mimen einetheofophifch angehauchte Verzückung,
zu der Sonnen, Glorien, Regenbogen, Kometen
und geifternde Lichtphänomene die Begleitung
zu liefern haben. Statt Innigkeit — Kleibedufel,
ftatt Sebnfucbt — Krampf, ftatt echter Gottes-
ahnung — renommiftifcbe Affektation. Dies alles
durch Riefenformat und die Jaeckel eigene fud)pge
Transparenz des Tons einem direkt unter die
Nafe gehalten. Im Klaldbilde felbft müffen die
Stämme in den Fjimmel ftürzen, als follten die
Götter gefpießt werden. Und nod) der einfacbfte,
mit Einfachheit geradezu pd) fpreizende Bildnis-
kopf ift von einem falfchen Geiftern umkränzt
und von einem faß frömmelnden Gedünke über-
zogen, bei typifd)er Kläßrigkeit des pbypogno-
mifchen Ausdrucks mild vertempelt. Man kennt
folcbe pmpel-verfchwärmten Gepd)ter aus ve-
getarifcben Repaurants, — gegen die damit nichts
gefagt fein foll. Bei pcherlid) fubjektiver Lauter-
keit iß Jaeckels Malerei in jeder FJinpcbt unecht.
Sie iß heute, was pe urfprünglicb nicht gewefen
iß, banal und fd)al. Sie iß verfangen in einer
melodramatifcben Pfeudoreligioptät. Sie iß das
Fiasko eines begabten und (dies fein Poptivßes)
über Gewohntes hinausßrebenden Künftlers an
einer verfcbwommenen, wahnhaften Klicbtig-
tuerei, die vielleicht wenigßens zu fuggeßiven
Reißern führen würde, wenn pe nicht durch die
menfchliche Befcbeidenbeit des Künftlers um ihre
Stoßkraft gebracht wäre. Gerade diefe FJemmung
läßt ein wenig Qoßnung beßeben. —
Neben Dix und vor allem Grosz kann Rudolf
Schlichter (ausgeßellt bei I. B. Neumann) nod)
kaum Selbftändigkeit und ßarke Eigenart be-
haupten. Die Abhängigkeit iß keine nur ßoff-
lid)e, fondern geht bäußg bis in Einzelheiten der
Darftellung, der Form, ja der Technik. Schlichter
erreicht Grosz weder an fatirifchen Fanatismus,
noch an Schärfe des grapbifeben Ausdrucks. Er
hat nicht annähernd diefe Prägnanz der Fratje,
nid)t diefe gellende, eiternde Farbe, diefen
ßecbenden oder widerlich verknautfd)ten Strich
wie der geniale Verfaffer des „Ecce bomo“. Aber
er ftrebt auch nicht fo febr danach, die niedrige
Brutalität der Brünfte, die ßinkige Plattheit des
biederen Mannes, den Gefchwürcharakter der
faulenden Kielt zu zeichnen, fondern emppndet
ßärkerLeid undRefignation ihrer ins Sexuelle oder
Automatifcbe geßoßenen Gefcböpfe. Schlichter
iß weniger polemifd) als fentimental, wobei er

ßcb zuweilen in einer faß an Klimt gemahnen-
den, nervös bingeräkelten Süßigkeit des ver-
langenden Leibes gefällt, meift aber doch die
tiefere Lage einer apatbßcben Ergebenheit ins
Gelüfte pndet, den Ausdruck ftiller Verlorenheit ins
Ausweglofe, die ßch nicht wehren will gegen die
trüben, dumpfen, aber fd)ließlid) doch tröftlichen
Senfationen des Trieblicben. Neben fold)en ihre
Laszivität durch eine feine Schmerzlichkeit aus-
balanzierenden erotifeben Geftalten und Szene ;
einige Blätter und Bilder, die 3kkus, Prärie, das
Abenteuer fkizzieren, auch hier auf den Spuren
von Grosz. Über ihn kommt Schlichter bei un-
mittelbarer formaler Anlehnung zuweilen hinaus
mit rätfelvollen Gruppen von Turnerinnen, me-
d)anifd)en Figuren, Mannequins und anatomi-
fd)en Modellen vor qualvoll einförmigen F)äufer-
blöcken, Fenfterreihen, Perfpektiven: — 3wittern
aus Menfch und Protbefe, eingeklemmt zwißhen
die ftarren Kuben desSyßems „Stadt“. So grotesk
diefe febaurigen Kränzchen anmuten, auch ihre
Geßalten, ihre Landfd)aft pnd von leifer Paßion
urnfehwebt, g ameifüllt und ergreifend. Schlich-
ter, noch eine fekundäre Erfcbeinung, entbehrt
mehr der Eigenart als des Gehalts — und ge-
rade das läßt etwas weit Stärkeres von ihm
noch erwarten. —
In der Euphorion-Ausftellung fährt einem
Paul Kleinfchmidt in die Gebeine, was die
Scbauderbaftigkeit feiner Lieblingsgeßalten, aber
auch eine nicht gewöhnliche Kraft des Ausdrucks
bewirkt. Man iß heute Graufamkeit der Men-
fchendarftellung gewöhnt, lebt mit einer auf-
peitfebenden, erfcbrecken machenden Kunft zu-
fammen, deren polemifcbe Rückpcbtslopgkeit man
als 3e‘tausdruck wie als Ferment in einer in-
haltsleer gewordenen, unaktuellen Atelierinzucht
bejaht. F)ier greift die Brutalität aber doch fo
an die Nerven, daß man fd)on die örwücbpg-
keit des Stils pd) febr vor Äugen führen muß,
um die Darßellung als folcbe zu verwinden —
und zwar gerade, weil die eigentlich kritifebe,
revolutionäre Note fehlt. KIozu alfo diefe wider-
wärtige Galerie verquollener Kleiber, denen aus
dem balboßenen Korfett das Fleifd) fcbeußlid)
geballt berausbängt.die uns in möglichft ordinären
Haltungen ihre lächerlich aus Stöckelfcbuben pd)
berauswurftelnden Kladen und liederlichen Deßous
präfentieren? Es hat etwas Monomanifcbes,
immer wieder diefe Scbeufäligkeit, diefe gemeine,
watfchelnde, byänifebe Pbypognomie zu geben.
Aber der 3ugriff imponiert, es ift aus dem Vollen
gemalt, die Kaltnadel bat bravouröfen Duktus.
Die Brutalität des Darßellens, kompoßtorifd) zu-
weilen an M. Beckmann gemahnend, wirkt pd)
auch im breiten Schmieren, im rülpfenden Ko-
lorit, im unzimperlichen Radierßrid) aus. Ein
paar Cierzeichnungen, Säue und dergleichen, laßen
die Potenz des grapbifeben Temperaments am
unmittelbarßen genießen. —
Von dem paläftinenfifchen Bildhauer Juffuf

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