Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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jo erfd)einen, wie er in Wirklichkeit gewefen ift. Nicht der Künftler, an deffen Bildern
jich die Catfachen und Etappen feines ach fo erbärmlichen Menfchenlebens ablefen
laffen, fondern höchfte göttliche Manifeftation einer fchöpferifchen Kraft, die eingefpannt
in den viel zu engen Rahmen weftlicher 3ivilifation, als einzige in diefer 3eit engfter
rationaliftifcher Befchränktheit, in Glauben und Gefühl wieder hinausftrebte in die große
üniverfalität menfchlichen Geiftes, dem keine Grenzen gezogen find. Älles was fonft
diefem Leben noch fchlackenhaft durch irdifche Gebundenheit anhaftet, verfinkt dann
von felbft in ein Nichts. Übrig bleibt einzig diefer herrliche jenfeitige Glauben an die
Welt feiner Sonne, an feinen titanifdjen ürkampf, widerftrebende farbige Elemente zu
Bündeln neuerSymphonien zufammenzuzwingen, um demSchöpfer aller Dinge ein Gleichnis
zu formen, das ewige Dauer hat- — So gefehen, überfteigt Vincents Sd)ickfal von
felbft alle Grenzen unferer zeitgenöffifchen, weftlid) bedingten Einteilung, reicht fein
Werk über viele Jahrhunderte hinweg die Fjand ähnlich großen, im jenfeitigen Schauen
ähnlich ftarken Emanationen des fernen Oftens. Für ihn allein von all den vielen, die
unfere 3eit preift, gilt das Wort, daß Gott fid> wieder einen 3eugen holte, der ent-
fchwindendem Glauben durch fein Werk Ewigkeit und ünfterblichkeit, d. h- ein Monument
von fo unzweideutiger Gültigkeit entgegenftellte, daß daran fich Neugeburt vollziehen
muß. Diefer, der über die Kunft und das Leben diefes Märtyrers fcßrieb, klammerte
fleh zu fehr an die Oberfläche eines nur menfchlichen Scfyckfals, das zwifchen den
Daten von Geburt und Cod eingebettet liegt (Pfifter), jener nahm aus diefem Leben
vor allem die dramatifche Ballung, die einem Vincent-Roman did)terifches Leben und
innere Spannung verlieh (Meier-Graefe). Nur Fjartlaub hat in feinem kleinen Buche
das Problem, das diefer Mann und diefes Sdjickfal für die Kunft bedeuten, geahnt,
erkannt und foweit uns heutigen dies überhaupt möglich ift, zu geftalten verfud)t. Aber
auch er wagt nicht den Sprung ins 3ukünftige, die völlige Verneinung alles materiell
und fubftantiell Faßbaren zugunften der geiftig-künftlerifd)en Cat, die allein ein neues
Kommendes bedeutet.
Denn der würde Vincents Miffion mißdeuten, der heute noch glauben könnte, daß
diefes Werk nichts anderes fei als eine einmalige Catfache, die wie fo vieles andere
regiftriert und im großen Schubfach der Gefchichte einfach konferviert werden kann.
Schon daß er als einer der ganz wenigen großen Bahnbrecher eigentlich keine Schule
gemacht hat — ganz im Gegenfatj zu dem „Cheoretiker“ Cezanne — follte zu denken
geben. Dafür aber ift fein Werk unferer 3oit bereits gegenwärtiger als das irgend-
eines anderen Malers der lebten Vergangenheit, ünd wo immer man den Spuren
diefes neuen Lichtbringers begegnet, fleht man betroffen vor den Dokumenten diefes
titanifchen Verlangens, die Sonne felbft der erdhaften Materie — einerlei ob Menfch
oder Landfchaft — zu vermählen. Erfchütternd dabei feftzuftellen wie fich im Cempo
des Vollzugs, je mehr fich das Dafein felbft dem Ende nähert, die künftlerifchen Kräfte
überfteigern, wie in den böfen Monden, da fich geiftige Umnachtung um diefe Stirn
gelegt, der Schrei nach erlöfendem Licht fid) zu lefeter überzeugender Klarheit in feinen
Gemälden verdichtet. Diefem qualvoll grauenhaften allmählichen Erliegen von Geift
und Körper erwächft auf der anderen Seite das reinfte, lidjterfülltefte Bekenntnis zu
der Jenfeitigkeit aller optifchen Gefichte, zu der Ewigkeit überhaupt.
ünd fo fteht deshalb Vincents Werk, befreit und losgelöft von den Banalitäten diefes
Lebens, endlich groß und in wundervoller Reinheit uns vor Äugen: Letjte Demut in
Erkenntnis menfchlicher önvollkommenheit vor der überwältigenden Kraft göttlicher
Natur, letzte Bejahung noch im eigenen 3ufammenbrechen nach unfagbaren Leiden, vor
den fonnendurchfluteten Wundern diefer Erde, die fein Pinfel ekftatifd) Stück um Stück
errafft, um ße hymnifd) nachfolgenden Gefd)lechtern als ein Vermächtnis künftlerifcher
3eugung zu hinterlaffen, das ewig beftehen wird.
Daß wir die Dokumente diefes Künftlerlebens heute pietätvoll fammeln und glücklich
find über jeden noch fo kleinen Beitrag, der das Werk eines Vincent nach irgendeiner

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