Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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DER G R A P H I R S A M M L E R
Unter der Leitung von Dr. Erich Wiese, Leipzig, Fockestraße 5^

3u einigen 3eid)nungen des Julius Sdjnorr
xrr> n nlcfolrl Von WERNER TEUPSER l Mit
von caroisjeici drei Abbildmgen auf drei Tafcln

Die h>ier abgebildeten 3eichnungen Julius Scßnorrs [ollen nur einen kurzen fjinweis
auf jene zauberhafte Atmofpßäre geftalten, in der die frifdje Natur des jungen
Künftlers mit früßlingshaftem Streben fiel) bewegte, als er im Banne der Wiener
Einflüffe und unter dem Eindruck römifeßer Natur zum reifen Menfcßen wuchs. Schon
von anderer Seite ift hervorgehoben worden, daß die erften Jahre feines künftlerifchen
Schaffens die intereffanteften und fcljönften Früchte hervorgebracht haben. In diefer
3eit entftanden nämlich einige ganz prachtvolle 3eid)nungen, die befonders gegen-
wärtig, wo fie durch ihre beftimmte Formgeftaltung verwandte geiftige Regungen ahnen
laßen, ganz außerordentlich zu feffeln vermögen. Daß es gerade 3eid)nungen find, in
denen der junge Schnorr mit [ein Beftes gab, kann nicht verwunderlich erfcheinen,
wenn man bedenkt, daß er [eine eigentliche künftlerifcße Schulung in Hlien erhielt, wo
er unter dem Einßuß Ferdinands von Olivier und deffen überragend zeießnerifeßer
Kultur [tand, die ißrerfeits wiederum aus dem Geifte eines [eit ca. 1780 in Deutfcßland
weiter um [ich greifenden zeießnerifeßen Realismus nach breiter Entfaltung drängte.
Olivier eröffnete daher in Hlien dem jungen Künftler, der von der fpätbarock-klafßi-
ziftifeßen Cradition der Leipziger Akademie, [eines väterlichen Hlirkungskreifes, herkam,
eine ganz neue (Xielt. Bekennt er doch in einem von Rom aus an [einen Vater ge-
richteten Brief: „Da war ich wie neugeboren, und zwar edler als vorher. Denn [tatt
daß mir früher nichts als das Leben der äußerlichen Natur aufgegangen war, weshalb
ich denn mit nichts als mit gewaltigen Muskelmännern zu tßun hatte, [o ging mir nun
ein viel höheres, geiftiges Leben oder vielmehr die Offenbarung desfelben durch die
fichtbare Natur auf. So erlebte ich trotj innerer Not doch einen [eligen 3uftand, in
welchem mir die Gemeinfchaft mit [eligen Geiftern bewußt wurde.“
Aus diefer Stimmung heraus hatte der begeiferte Jüngling in HJien [eine erften
koftbaren künftlerifchen Erlebniffe geftaltet, während er im Fjaufe der beiden Oliviers
verkehrte und fcßließlich von 1815 bis 1817 [ogar ganz bei Friedrich Olivier wohnte.
Fjier lernte er auch deffen jüngere Stieftochter Maria ßeller als fiebenjähriges Kind
kennen, die er als zwanzigjährige Jungfrau nach [einer ßeimkeßr aus Rom wiederfand
und dann als Gattin ßeimfüßrte. Ihr jugendfrifches Bild ift uns nicht nur auf dem
Gemälde des heiligen „Rochus“ (Leipzig, Mufeum) erhalten, [ondern ift auch in einigen
köftlichen 3eict)nungen wiedergegeben. 3u ihnen gehört die von uns abgebildete
3eichnung, die [ich im Beßß von Prof. Schnorr von Carolsfeld, Berlin befindet. Mit
fparfamften Mitteln ift der Künftler hier vorgegangen. Die faft hart gezeichneten
Konturen gießen die Geftalt zu einer einheitlichen Erfcßeinung. Aber hinter der ab-
[trakten Form glüht ein heißes menfchliches Gefühl für das Hlefenßafte. Aus dem
Andeutenden der Linienführung klingt die Liebe zum Objekt, [o daß der fafzinierende
Reiz diefer befeßeidenen Studie in der Ausdruckskraft der Linien liegt, die in ißrem
ununterbrechlicßen Gefamtverlauf [ich ganz unmittelbar zu entfalten vermögen.
Daß der Selcßnungsftil des jungen Schnorr etwas außerordentlich Suggeftives hat,
vermag dann auch die Früßlingslandfchaft bei Olevano eindringlich zu machen, die ßch
im Beßtje des Kupferftichkabinetts von Kriftiania befindet. Sie ift um 1820 entftanden
und bekundet, daß Oliviers Vorbild den Künftler auch während feines römifchen Auf-
enthaltes leitete. Die Landschaftszeichnungen Scßnorrs find zum großen Ceile Gelegen-

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