Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Ct)inefifd)G Schatten]-djnitte

Von GEORG JACOB / Mit
neun Abbildungen auf vier Tafeln

Bekanntlid) ift das Papier eine d)inefifd)e Erpndung, die wir arabifd)er Vermittelung
verdanken. Man h>at wol)l über die Wichtigkeit diefer Erfindung, auf der die
Rentabilität des Buchdrucks beruht, mancherlei gefchrieben, fie aber fd)werlid)
bisher in allen ihren Folgeerfcheinungen nad) Gebühr gewürdigt. Nicht nur Buchdruck
und Papiergeld, die beide in China früher als im Abendland bekannt waren, beruhen
auf ihr, fondern auch auf dem Gebiete des Kunftgewerbes, fowie des Spiels (Papier-
drachen, Kartenfpiele ufw.) hat fie neue Wege gewiefen.
Aus China ftammen z. B. auch unfere Papiertapeten, die dort etwa zwei Jahrhunderte
nach der Erpndung des Papiers, alfo im vierten Jahrhundert, aufkamen und nach
Europa zunächft iui 16. Jahrhundert von den Holländern, im 17. von den Engländern
allmählich eingeführt wurden. Das Barock bevorzugte bekanntlich noch Leder-, das
Rokoko Seidentapeten. Die fpanifche Wand, die im abendländifd)en Hausrat, namentlich
während des 18. Jahrhunderts, eine wichtige Rolle fpielte, kam am Ende des 16. Jahr-
hunderts aus Japan nach Spanien, ftammt aber aus China. Auch die fo äußer ft deko-
rativen und ftimmungsvollen Papierlaternen dürften oftafiatifchen ürfprungs fein.
Erft in neucfter 3eit hat fid) die Aufmerkfamkeit weiterer Kreife dem d)inepfd)en
Sd)attenfd)nitt zugewendet. Seine Anfänge in China find noch nicht unterfudjt.1 Jedenfalls
habe ich den Nachweis geführt, daß die Silhouette im Morgenland erheblich früher
auftaucht als im Abendland2 3 und einige Etappen des vermutlichen Weges ihrer Wan-
derung nach Weft in Perfien, der afiatifchen und europäifchen Cürkei feftlegen können8.
Der d)inefifd)e Schattenfcpnitt vereinigt Stil- und Naturgefühl in einer Weife, die
das Abendland wohl niemals erreicht hat. Schon Goethe brachte der Kunft des natura-
liftifchen Sd)attenfd)nitts lebhafteres Intereffe entgegen. Johanna Schopenhauer hatte
einft einen von einer Fuchfia umfchlungenen, blühenden Kaftanienzweig ausgefchnitten
und auf Goethes 3eid)entifchchen gelegt. „Goethe hatte an fold)en Sachen feine größte
Freude. Ganz triumphierend rief er dann: »Nein, die Frau, die kleine Frau hat das
gemacht. Solche Streiche macht fie. Sehen Sie einmal, fehen Sie einmal recht, wie
hübfd) das ift.4“ Qinefifche Schattenfchnitte würden Goethe vermutlich noch mehr
begeiftert haben. In jungen Jahren übertrug er allerdings feine beginnende Ablehnung
des Rokoko, deffen chinefifche Elemente, die neuerdings Reichwein5 klargelegt hat, er
inftinktiv empfand, auch auf China. „Er konnte,“ bemerkt Jenifd) mit Recht6, „damals
nicht die Ciefe einer Weltanfd)auung verftehen, die die Norm zum Ideal erhebt und
die Vollendung in der Ausprägung des Naturgemäßen fiept.“ Später hat fid) Goethe
bekanntlich das Verftändnis für chinefifche Kunft erfd)loffen.
Erft durch die bei Hugo Bruckmann in München 1921 erfchienene Publikation d)inefifd)er
Schattenfchnitte durch Bernd Melchers wurde das Augenmerk unferer Kunftgewerbler auf
die Werte diefer öftlichen Kunftübung hingelenkt. Eine Ausftellung während der Kieler
Herbftwoche für Kunft und Wiffenfd)aft 1922 gab weitere Anregungen. Seit meiner Publi-
kation „Schattenfchnitte aus Nordcpina“7 haben pd) meine Sammlungen, namentlich durch
Gefchenke hier weilender Cl)inefen außerordentlich vermehrt, fo daß ich gern von der
1 Ich habe mir notiert, ohne es zur 3eit naebprüfen zu können, daß Otto Fifcber, Cpinefifcpe
Landfcbaftsmalerei, München 1921, Cafel 2 (8. Jahrhundert) an flusfehneidearbeiten erinnert.
2 G. Jacob. Die Herkunft der Silbouettenkunft aus Per|ien, Berlin 1913.
3 Deutfcbe Überfettungen türkifeber Urkunden, Heft 7, Kiel 1922, S. 19/20.
* Paul Kühn, Die Frauen um Goethe. S. 335.
8 Adolf Reicbwein, China und Europa, Berlin 1923.
6 Deutfcbe Vierteljabrsfcbrift für Literaturwiffenfcbaft und Geißesgefd)id)te, Halle (Saale) 1923.
Heft 2, S. 329.
7 Hannover 1923.

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