Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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SAMMLER UND MARKT

DIE VERSTEIGERUNG GAA
Unter großer Beteiligung in- und aus-
ländischer Sammler und Händler verstei-
gerte C. G. Boerner in Leipzig am 5. und
6. Mai die kostbare Kupferstichsammlung
des im vorigen Jahre verstorbenen Direk-
tors Dr. ing. h. c. Gaa aus Mannheim, über
die bereits in Heft 8 des Cicerone ein kur-
zer Überblick gegeben wurde. Ohne zah-
lenmäßig besonders umfangreich zu sein,
enthielt die Sammlung doch bedeutende
Serien der Hauptmeister Schongauer, Dü-
rer und Rembrandt, sowie eine ganze An-
zahl höchst bedeutender Blätter anderer
früher Meister. Es ist daher nicht verwun-
derlich, daß viele der Hauptnummem der
Auktion höchste Preise brachten, die nicht
unbeträchtlich über den Schätzungen und
meist sehr hoch über den Preisen, die der
Sammler seinerzeit angelegt hatte, lagen.
Unter den zur Zeit auffallend in Mode
gekommenen Holzschnitten deutscher Mei-
ster des 16. Jahrhunderts ging das große
Taufbecken Altdorfers (Nr. 48) trotz der
im Katalog angegebenen Ergänzung für
M. 1300.— nach Amerika, während die
prachtvollen Exemplare der Boemerschen
Frühjahrsversteigerungen 1924 und 1925
nur wenig über M. 1000.—- gekostet hatten.
Das mit M. 450.— in der Lannaauktion
1925 verkaufte seltene Helldunkelblatt Cra-
nachs B.3 (Nr.340) war mit M. 1200.—
schon hoch taxiert, erzielte aber mit
M. 2100.— noch wesentlich mehr (Käufer:
die graphische Sammlung in München).
Der etwas verblaßte Abdruck von Burgk-
mai rs Clair-obscur-Holzschnitt B. 40
(Nr. 214) erzielte sogar M. 2700.—, d.h. noch
etwas mehr als der ausgezeichnete Ab-
druck der anerkannt sehr teuren ersten
Davidsohnauktion; daß Gaa selbst im No-
vember igig für dieses Blatt nur etwa
250 Goldmark hatte anlegen müssen, sei
als Kuriosum erwähnt. Enorm erschien
dann noch der Preis von M. 1500.— für
ein Clair-obscur der Dürernachfolge
(Nr. 477), das von einem amerikanischen
Händler gesteigert wurde; dem Sammler
kostete dieses Blatt seinerzeit etwa 60 Gold-
mark! Die Hauptnummer unter den Holz-
schnitten, die gleichzeitig den höchsten
Preis der Auktion brachte, war die erste
Ausgabe von Dürers Apokalypse mit
lateinischem Text; sie geht für M. 15500.—
nach der Schweiz — als Schätzungspreis
war M. 8000.— angenommen worden.
Der amerikanische Geschmack regulierte
die Preise für die besten Stiche Schon-

gau ers, Mantegnas, Lautensacks, Leinber-
gers, Lucas van Leydens, Zasingers und
des seltenen Meisters von Zwolle, ohne
daß freilich der Dollar stets allmächtig ge-
siegt hätte. So verblieb der „zornige
Amor“ Leinbergers (Nr. 579) der Nürn-
berger Sammlung (—freilich fast zum
Doppelten der Schätzung —), und das
Hauptblatt Mantegnas B. 5 (Nr. 609) wan-
dert nach der Schweiz. Der enorm selt-
tene, auf dem Außenumschlag von Heft 6
des Cicerone abgebildete Stich des frü-
hen Monogrammisten bg brachte mit
M. 8200.— etwa das Zwanzigfache des sei-
nerzeitigen Einkaufspreises. Bei den Dü-
rerstichen erreichte das herrliche Exem-
plar der Passion (Nr. 358) M. 7500.—, das
ist noch etwa M. 1000.— mehr als seiner-
zeit das Davidsohnsche Exemplar. Ein.
gleichfalls außerordentlicher Preis waren
die von Colnaghi für die Madonna B. 34
(Nr. 376) angelegten M. 4600.— (etwa das
Dreifache des Einkaufspreises von Gaa).
Um ein Gegenbeispiel zu nennen, sei an-
geführt, daß der fast unübertreffliche Ab-
druck des „Gewalttätigen“ B.g2 (Nr. 415)
infolge seiner Darstellung kaum mehr als
zwei Drittel der Schätzung brachte. Ge-
recht erschien die hohe Bewertung des
Hahnwappens B. 100 (Nr. 419) mit M. 7500.—,
die Colnaghi anlegte; dieses Exemplar war
wirklich von unberührter Schönheit und
Frische (Schätzung: M. 6000.—).
Bei der Bewertung der kostbaren Ra-
dierungen Rembrandts erwies sich die
Nachfrage des europäischen Markts am
stärksten maßgebend. Das große Ecce
homo im Querformat (Nr. 758) geht nach der
Schweiz, die drei Kreuze (Nr. 759) bleiben in
Deutschland; die Bettler an der Haustür
(Nr. 808) wurden von einer Münchener
Firma für M. 2500.— gegen einen Schwei-
zer Händler ersteigert. Die bedeutendste
der herrlichen Landschaften B. 225 (Nr. 8g),
wurde für M.13 000.— für einen Schweizer
erworben. Derselbe zahlte auch —- gegen
das Gebot eines Holländers — M. 7700.—
für den großen Sylvius (Nr. 840) und
M.4100.— für den zweiten Zustand des
Faust (Nr. 836).
Am meisten trat der europäische Lieb-
haber beim Verkauf der brillanten Ab-
drucke der verschiedenen anderen hollän-
dischen Malerradierer des 17. Jahrhun-
derts direkt in Erscheinung. Bega, Van
Dyck, Everdingen und nicht zum wenigsten
Ostade wurden fast nur von Sammlern,
Museen und Händlern des Kontinents be-

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