Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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EIN FRÜHES VESPERBILD VOM OBERRHEIN
VON ARTHUR VON SCHNEIDER
Unter einem Vesperbild versteht inan »die bildliche Darstellung der Mutter
Gottes mit dem Leichnam des Sohnes auf den Knien oder zu ihren Füßen«.
(Vgl. Walter Passarge, Das Deutsche Vesperbild im Mittelalter. Köln 1924.)
Es taucht in Deutschland als selbständiges Andachtsbild in der Form der Holz-
plastik in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf und findet im 15. Jahr-
hundert seine größte Verbreitung. In der mystischen Literatur erscheint es
schon längere Zeit vorgebildet. (Wilhelm Pinder, Marienklage. Genius. II. Buch
1919, S. 201 ff.)
In Freiburger Privatbesitz befindet sich nun ein derartiges Vesperbild aus dem
frühen 14. Jahrhundert, das nach Qualität und Erhaltungszustand als ein
Kunstwerk ersten Ranges anzusprechen ist und dessen erstmalige Publikation
schon deshalb die Beachtung von Freunden und Forschern mittelalterlicher
Plastik verdient (Abb. 1). Kunsthistorisch nimmt es innerhalb der bekannten
Typen des Vesperbildes eine eigenartige Stellung ein. Die Gruppe gelangte aus
der Umgebung Freiburgs in den dortigen Kunsthandel und wurde im Jahre
1912 von dem gegenwärtigen Besitzer erworben.
Maria sitzt auf einer Bank, den toten Christus auf den Knien. Ihr Haupt ist
leicht nach vorne und seitlich zum Kopfe des Heilands geneigt, ihr Blick
schweift über ihn hinweg wie traumverloren in die Ferne. Der Oberkörper ist
gerade aufgerichtet, vom Gürtel aufwärts ein wenig nach links gedreht, so daß
die rechte Schulter vortritt. Ihr rechter Arm stützt den Leichnam des Sohnes,
ihr linker ist durch eine leichte Biegung im Ellenbogen nach vorne geführt,
wo sich ihre Hand sanft auf das Lendentuch des Herrn legt. Beide Beine sind
streng frontal angeordnet, der rechte Fuß steht höher als der linke. Die ganze
Figur erscheint blockartig geschlossen und nur durch die Unterschneidungen
der Arme ein wenig gelockert. Maria trägt einen blauen Mantel mit schmaler
goldener Borte, den sie über den Kopf geschlagen hat und der ihr Schultern
und Oberarme bedeckt. Er gibt ihren weichen Gesichtsformen rahmenden
Halt und hebt das lichte Inkarnat. Über dem Schoß ist der Mantel zusam-
mengerafft und fällt von den Knien abwärts in annähernd parallelen Längs-
fälten von leichtem Relief. Ein karminrotes Gewand mit goldener Zacken-
bordüre am Halsausschnitt und Ärmelendigungen umspannt ihren zarten
Oberkörper und kommt unter dem Mantel wieder zum Vorschein. Hier
schwingen einzelne große Längsfalten in Fortsetzung der Faltenbildung des
Mantels nach links unten, in weichen Kurven auf den Boden aufstoßend, wo-
bei die aufliegenden Stoffmassen eigentümlich dreieckige und halbrunde Kon-
turen beschreiben. Den Körper Marias durchschneidet der Leichnam Christi
in steiler Diagonale, ohne aber den blockartigen Aufbau durch stärkere Aus-
ladungen zu sprengen. Er ist »treppenartig« gebrochen. Die Unterschenkel
hängen in Anpassung an den vertikalen linken Außenkontur Marias senkrecht
herunter; sie sind ebenso wie die von einem Lendentuch verdeckten Ober-
schenkel parallel gelagert und vom Standpunkt des Beschauers in Profilansicht
gesehen, während Leib und Brust halb nach vorne gedreht erscheinen. Rippen,
Schlüsselbeine und Halssehnen treten deutlich hervor, wirken aber mehr als
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