Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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KUNST-LITERATUR

FANNY LEWALD:RÖMISCHES TAGEBUCH
i845/46. Herausgegeben von Heinrich
Spiero. Mit 8 Tafeln. Klinkhardt & Bier-
mann. Leipzig 1927. 3o8 Seiten. 8°.
Dem schicksalreichen Sichfinden zweier be-
deutender Menschen sind diese Tagehuchauf-
zeichnungen gewidmet. Aber der Liebesroman
der Schriftstellerin Fanny Lewald ist mehr als
ein gewöhnliches Tagebuch. Eine feingeistige
Künstlerin führt uns mit instinktsicherem
Taktgefühl in den Bereich ihres intimsten Ge-
fühlslebens und rollt, formal und gedanklich
mit ihren Erlebnissen wachsend, das allmäh-
liche Entstehen und schnelle Heranreifen einer
unbegrenzten aber hoffnungslosen Leiden-
schaft vor uns auf. Adolf Stahr, der damals
vierzigjährige Gelehrte und Lehrer in Olden-
burg, der Frau und Kinder daheim hat, liebt
die schon vierunddreißigjährige Fanny Le-
wald, die seine Leidenschaft nicht minder hef-
tig erwidert. Unsere Anteilnahme am Geschick
dieser Liebenden steigert sich, je mehr wir uns
dem tragischen Abschluß nähern: Adolf Stahr
muß zurück in seine kleinbürgerliche olden-
burgische Heimat, in sein Haus mit allen Nö-
ten des Alltags, und die Möglichkeit einer Wie-
dervereinigung der beiden scheint ausgeschlos-
sen.
Daß diese Blätter auf dem Boden Roms ent-
standen sind, gibt ihnen ihre bestimmende
Note. Die Verfasserin, die ihren klaren Blick
für Menschen und Ereignisse hier besonders
bewährt, führt uns das Leben der damaligen
Gesellschaft und Geselligkeit lebendig vor Au-
gen. Wir werden zu Ottilie von Goethe und
Adele Schopenhauer, in den Salon der Sibvlle
Mertens und zu einer großen Reihe von Künst-
lern und Gelehrten des Rom der vierziger
Jahre geführt.
Hier kommt nicht nur der Literatur- und Ita-
lienfreund und der Literaturhistoriker, im be-
sonderen der Goetheforscher auf seine Ko-
sten, der innerhalb der Generation, die die
Brücke von seinen zu unseren Tagen bildet,
wertvolle Einblicke in den übermächtigen Ein-
fluß Goethes auf die Geistigkeit jener Tage tun
kann, sondern es wird auch den Kunsthistoriker
und Rom-Spezialisten vieles geboten, was das
Verständnis der Zeit und ihrer Inhalte bedeu-
tend erhellt. Wertvoll sind die Beiträge zu
einer Anzahl von Künstlern, unter denen sich
allerdings kein wirklich Großer befindet. Vor
allem aber ist es die Persönlichkeit Adolf
Stalirs, die dem Leser hier nahegebracht wird.

Der Autor eines der damals meistgelesenen Ita-
lienführer: „Ein Jahr in Italien“ wird von sei-
ner persönlichsten Seite gezeigt, und in seiner
Person wird die geistige Haltung der Besten
der Zeit, in denen das pantheistische Freiden-
kertum und die Ideale einer vollendeten Har-
monie im Sinne Goethes mit einem nervösen
Temperament im Vorgefühl nahender geisti-
ger Umwälzungen im Widerspruch stehen,
durchaus lebendig gemacht. Damit offenhart
sich uns ein neues Glied in der Entwicklung,
die von Winckelmann zu Burckhardt führt.
Als ihre Verbindung mit Stahr sich längst er-
füllt hatte, kleidete Fanny Lewald ihr Tage-
buch in seine heutige Form. Das schon damals
zum Druck vorbereitete Werk ist heute endlich
von Heinrich Spiero mit kundigen Worten ein-
geleitet und herausgegeben worden. Ihm und
dem Verlage, der auf die gelungene Ausstat-
tung des Buches alle Mühe verwandt hat, wis-
sen wir für diese späte Gabe Dank.
Rudolf Wittkower
KARL SCIJEFFLER: DIE EUROPÄISCHE
KUNST IM 19. JAHRHUNDERT. Bd. I.
Geschichte der europ. Malerei bis zum Im-
pressionismus. Mit 2.42 Ahh. Berlin, B.Cas-
sirer 1926.
Das Gesamtwerk behandelt Malerei und Skulp-
tur Europas vom Klassizismus bis zur Gegen-
wart; der bisher erschienene erste Band die
Malerei bis an die Schwelle des Impressionis-
mus. Die Einteilung ist nicht sehr glücklich,
und weshalb Architektur und Kunstgewerbe
ausgeschaltet wurden, ist nicht gesagt. Scheff-
ler wäre gerade für diese Gebiete sehr legiti-
miert gewesen.
Das Positive dieses ersten Bandes liegt in den
oft vorzüglichen Einzelcharakteristiken. Die
spekulative, vom Ethischen ausgehende Be-
trachtungsweise Sehe ff lers wird der Synthese
von Persönlichkeiten besonders gerecht. Frei-
lich ist sie auch um ihrer deutschen Tiefgrün-
digkeit willen nicht sehr amüsant zu lesen. Doch
stößt man immer wieder auch auf schriftstel-
lerische Glanzpunkte, wenn sich der Vorliebe
des Autors so günstige Objekte darbieten wie
z. B. Corot, Leibi oder Scholderer. Andere,
weniger Begünstigte, dürfen sich dafür ein
wenig beklagen. Es fällt auf, daß die Münche-
ner fast alle zu kurz kommen, selbst so ein-
wandfreie und jeder Akademie entzogene Ge-
stalten wie Ivobcll oder Haider; und daß bei
den „Vorläufern“ weder Ziesenis noch Georg

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