Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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SAMMLER UND MARKT

DIE DAUMIERS DER SAMMLUNG
BUREAU
Ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis
die öffentliche Meinung begriff, daß D a u -
mier nicht nur ein großer Illustrator, son-
dern auch ein gewaltiger Künstler war. 1878,
ein Jahr vor seinem Tod, fand die erste Ge-
samtausstellung bei Durand-Ruel statt, die
wenig Widerhall fand, nur die kleine Ge-
meinde, die damals Daumier hatte, zu einem
Block zusammenschloß. Über zwanzig Jahre
gab es nur untergründige Arbeit, bis 1900
auf der Pariser Zentennale Roger Marx ein
paar Hauptbilder Daumiers zeigte, die die
Aufmerksamkeit Frankreichs und auch ande-
rer Länder, besonders Deutschlands, auf den
bisher nur als Glossenzeichner geschätzten
Maler lenkten. Es folgte 1901 die Ausstel-
lung in der Ecole des Beaux-Arts, die Ken-
ner und Forscher gleichermaßen erregte. Es
entstand eine Daumierliteratur; sie gipfelt in
dem Buch von Klossowski, das heute noch als
Würdigung des Meisters und als Oeuvrekata-
log nicht übertroffen ist, so daß auch das Ver-
zeichnis der Sammlung Bureau auf ihm fußt.
Die vorjährige Ausstellung bei Matthiesen war
wohl eine endgültige Konsekration, und nun
kommt die Probe, ob auch der Markt sie rati-
fiziert: die Versteigerung der Sammlung Bu-
reau am 20. Mai in Paris mit über sechzig
Werken, Ölbildern, Aquarellen und Zeich-
nungen Daumiers.
Es ist eine erlesene Sammlung, wie sie heute
kaum mehr zusammengebracht werden kann,
über einen Zeitraum von vier Dezennien sich
erstreckend. Sie wurde bereits zu Lebzeiten
Daumiers angelegt. Bureau, der Vater, war
durch seinen Schwager, den Maler Boulard,
Daumier und seinem Kreis, dem auch Corot,
Dupre und der Bildhauer Dechaume angehör-
ten, zugeführt worden. In Valmondois, dem
Wohnort Daumiers, an den Ufern der Oise
betätigte er sich, weniger als eine Malerschule,
denn als eine um eine bedeutende Persönlich-
keit gescharte Gesellschaft von Künstlern und
Kunstliebhabern, die miteinander sympathi-
sierten. Bureau war dilettierender Maler, vor
allem aber Sammler Daumierscher Kunst.
1875 erwarb er „Die Advokaten“ aus dem
Nachlaß Corots, andere Hauptwerke 1900 auf
der Versteigerung Boulard. Die Sammlung
wurde nach dem Tode Bureaus von seinem
Sohn fortgesetzt. Er war Advokat, was ihn
nicht hinderte, seine raumbeschränkten Zim-
mer in dem alten Haus der Rue de Turenne

mit den beißendsten Satiren auf seinen Stand
zu schmücken. Nach dem Tod des Advokaten
gab es Erbstreitigkeiten, die sich jahrelang
hinzogen, die erst jetzt mit der Zerstreuung
der Sammlung ihr Ende gefunden haben.
Die Themen, die Daumier in seiner „come-
die humaine“ behandelte, sind hier ziemlich
lückenlos vertreten: der Don Quixote,Theater-
figuren, Theaterpublikum, Pariser Volkssze-
nen, die sich am engsten an seine Lithos an-
schließen, Jahrmarkt, Arbeiter, Wartesaal,
Strüßenleben und vor allem Juristerei. Auch
die beiden Bronzen „Die Emigranten“ und
„Iiatapoil“ fehlen nicht.
Unter den Ölbildern ragt die „Wäscherin“
hervor, die — ihr Kind an der Hand — die
Stiege heraufkeucht, In einer Variante zu die-
sem Bild sind die Häuser des Hintergrunds
mit Einzelheiten ausgeführt. Auf demBureau-
schcn Bild sind sie in einen eckig konturierten
Ton zusammengezogen: noch besser ist hier
herausgebracht, worauf es Daumier ankam,
das menschliche Drama im Vordergrund. Das
Gemälde „Die Advokaten“ hatte Daumier
selbst so geschätzt, daß er es Corot als Zeichen
besonderer Dankbarkeit verehrte: als Daumier
in solche Not geraten war, daß ihm das Haus,
das er in Valmondois bewohnte, weggenom-
men werden sollte, hatte ihm Corot die Schen-
kungsurkunde übersandt. Das Bild stellt sie-
ben wie zu einem Strauß gebundene Advoka-
tentypen dar; das Problem der menschlichen
Gerechtigkeit scheint wie von sieben Seiten
her schlaglichthaft beleuchtet. Einen weite-
ren Aspekt gibt die berühmte „Vergebung“:
der Verteidiger streckt seinen Zeigefinger
unter energischstem Nachdruck des Lichtes
und der Zeichnung auf den Gekreuzig-
ten hinter dem Gerichtspräsidenten aus, wäh-
rend die Angeklagte in ihrem Verschlag zu-
sammenbricht. Es ist eine ähnliche Hand
wie die Johannes des Täufers auf dem Isen-
heimer Altar, über der geschrieben steht: illum
oportet crescere, me autem minui, — eine
Hand, vier Jahrhunderte später konzipiert
mit einem Pathos, das aus dem Lesen nicht
der heiligen Schrift, sondern des Lebens
selbst gespeist ist.
Unter den Aquarellen finden sich solche Werke
wie „Der eingebildete Kranke“, „Der Zwi-
schenakt in der Comedie fran^aise“, „Die zwei
diskutierenden Advokaten“, „Das Lied“, „Die
Kunstliebhaber“.
Läßt man diese sozialen Ausschnitte an sich
vorüberziehen, so fragt man sich überrascht.

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